Neuzeit
„Bei uns bleiben die, die es draußen nicht schaffen.“ Bilder und Geschichten vom Gewinnen und Verlieren. Die Einwanderung russischsprachiger Juden zwischen Recht, Repräsentation und Realität
KAREN KÖRBER (Berlin)
Abstract:
Die Einwanderung russischsprachiger Juden nach Deutschland seit 1989 leitet einen grundlegenden Wandel in der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte ein. Von Anfang an artikuliert sich in der deutschen Politik und in den Medien die Hoffnung auf ein revitalisiertes jüdisches Leben, welches sich insbesondere in lebendigen jüdischen Gemeinden vergegenständlichen soll. Diese positive Erwartung wird enttäuscht, als in den jüdischen Gemeinden zahlreiche Konflikte zwischen den neu zugewanderten und den alteingesessenen Gemeindemitgliedern aufbrechen. Bereits im Verlauf der 1990er Jahre lässt sich ein Deutungsmuster beobachten, demzufolge vor allem diejenigen jüdischen Immigranten die Gemeinden aufsuchen, die es „draußen nicht geschafft haben“ und die zu den Verlierern der Einwanderung gehören. Zu den Gewinnern zählen dagegen die jungen, gut ausgebildeten Erwachsenen, die in den 1990er Jahren mit ihren Eltern eingewandert sind und die den Gemeinden fern bleiben. Der Vortrag will diesen Prozess aus einer transgenerationellen Perspektive rekonstruieren. Anhand von Migrationserzählungen soll gezeigt werden, wie Erfahrungen des Scheiterns und des Gelingens im Prozess der Einwanderung mit Formen der Aneignung, Umdeutung oder auch Zurückweisung einer jüdischen Zugehörigkeit in Deutschland einhergehen.
English Version:
“Those who stay with us are the ones who can’t make a go of it out there”: Images and Stories of Winning and Losing. Legislation, Representations and Realities around Russian Jewish Immigration to Germany
The immigration of Russian-speaking Jews to Germany commencing in 1989 heralded a fundamental change in the history of German Jews after the Second World War. From the beginning of this process of immigration, German political figures and media gave voice to the hope that it would revitalise Jewish culture in Germany and specifically Jewish communities and congregations. In the course of the 1990s, however, these positive expectations were disappointed, as the realisation grew that the migrants were reluctant to become actively involved in Jewish congregations and reports emerged of increasing tensions and conflicts within these congregations between established members and newcomers. A pattern of interpretation was established whereby those immigrants who took part in congregational life were perceived as being those “who [could] not make a go of it out there”. By contrast, those who counted as “winners” in the immigration process, the young, highly qualified adults who arrived in Germany with their parents in the 1990s, were viewed as staying away from Jewish life. My paper will reconstruct the processes involved in the emergence of these perceptions from a transgenerational perspective. On the basis of narratives of migration, I will illustrate how experiences of failure and success within the immigration process have been intimately connected to forms of the appropriation, reinterpretation or rejection of a lived Jewish identity among immigrants to Germany.
