Martin H. Geyer Nicolai Hannig (Sektionsleitung)

Straßen im Ausnahmezustand. Besatzung, Widerstand und Gewalt im 20. Jahrhundert

Abstract

Die weltweiten Straßenunruhen der Gegenwart sind spektakulär. Ihre radikalste Form der Zuspitzung ist die Herbeiführung eines Ausnahmezustandes. Damit artikulieren Protestierende nicht nur eigene Monita und Forderungen. Sie provozieren den Staat und seine Behörden – Vergleichbares gilt für die Gegenseite. Dass solche Maßnahmen des Ausnahmezustandes nicht nur dazu dienen, die Lage zu befrieden, sondern auch eine Spirale der Eskalation anzutreiben vermögen, steht außer Frage.

Martin H. Geyer (München) Nicolai Hannig (Darmstadt)
Einführung zu Straßen im Ausnahmezustand
Martin H. Geyer (München)
Umkämpfte Straßen und Ausnahmezustandsmentalitäten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs
Die Revolution zeigte, wie sehr Straßen umkämpfte Räume waren. Weltweit bilanzierten Sicherheitsorgane die zurückliegenden Ereignisse und suchten nach neuen präventiven Maßnahmen unter den Bedingungen des Ausnahmezustands. Strategien der offensiven wie defensiven Straßenmobilisierung und Vigilanz in Verbindung mit Propaganda entwickelten sich in einem dialektischen Verhältnis. Von besonderem Interesse ist die Herausbildung spezifischer Ausnahmezustandsmentalitäten, in denen sich Praxen der Aufstands- und Protestbekämpfung als habituelle Normen verfestigten.
Nicolai Hannig (Darmstadt)
Straßen der Strafe. Gewalt, Überwachung und Feme im „Ruhrkampf“
Der Vortrag untersucht die Straßengewalt während der Ruhrbesetzung. Im Ausnahmenzustand der Besatzung entstanden in den Jahren 1923 bis 1925 Überwachungskonkurrenzen zwischen Besatzern und Besetzten, Zuständigkeiten der Exekutive verunklarten sich. Die Straße entwickelte sich nicht nur zum Raum des Widerstands und gewalttätiger Besatzungskonflikte, so die These. Sie wurde zum Schauplatz von Selbstjustiz, die vermeintliche Ehrverletzungen und Kollaborationen ahndete. Dabei brachte der Ausnahmezustand traditionelle Strafrituale hervor, die an Femegerichte früherer Jahrhunderte anknüpften.
Tanja Bührer (Bern)
Aufruhr und Ausnahmezustand im kolonialen öffentlichen Raum: Das Massaker von Amritsar 1919
Am 13. April 1919 schossen britische Soldaten in einem Park der nordindischen Stadt Amritsar auf demonstrierende Sikhs, Muslime und Hindus, darunter auch Frauen und Kinder. Das „Massaker von Amritsar“ trug zum Ende der britischen Herrschaft in Indien bei, da es die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen geradezu beflügelte. Die gewaltsame kolonialherrschaftliche Antwort wurde aber selbst von konservativen britischen Politikern scharf kritisiert. Sie erachteten nicht nur die ungeheure Anzahl von Toten und Verletzten für außerordentlich, sondern auch die eigentliche Bestimmung des angewendeten Kriegsrechts für weit verfehlt. Der Vortrag ordnet das Massaker von Amritsar in die britische und koloniale Vorgeschichte der politischen Proteste und der Verhängung des Ausnahmezustandes im öffentlichen Raum ein und gibt einen kurzen Ausblick auf seine Folgen auf die britisch-indischen Beziehungen bis heute.
Julia Wambach (Berlin)
Besatzung als Ausnahmezustand. Kollaboration und Widerstand in der französischen Zone 1945-49
Kollaboration und Widerstand werden meist in Verbindung gebracht mit den Ausnahmezuständen und Zivilkriegen während der Besatzung der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg, insbesondere auch in Frankreich. Der Vortrag erweitert diesen Zusammenhang und fragt, welche Rolle Kollaboration und Widerstand während der französischen Besatzung Südwestdeutschlands spielten. Dabei geht es vor allem darum, zu zeigen, welchen Einfluss die Erfahrungen mit und Vorstellungen von Kollaboration und Widerstand aus der langen Geschichte der deutsch-französischen Besatzungen auf diese letzte Besatzung zwischen den beiden Ländern hatten.