Rüdiger Hohls Claudia Prinz Jürgen Dinkel (Sektionsleitung)

Rezensionen in der digitalen Transformation. Ein Diskussionsforum von H-Soz-Kult, VHD und dem NFDI4Memory-Konsortium

Abstract

Als traditionsreiche Gattung der wissenschaftlichen Kritik sind Rezensionen von hoher Bedeutung für den Diskurs in den Geschichtswissenschaften. Rezensionen machen Forschung sichtbar, geben Orientierung und lenken Aufmerksamkeit, Expert:innen formulieren in ihnen wissenschaftliche Kritik und ordnen vorgelegte Ergebnisse in größere Zusammenhänge ein. Rezensionen sind öffentlicher Austragungsort für epistemologische, geschichtspolitische, methodische Debatten und nicht zuletzt kommt ihnen eine Rolle bei der Zuweisung von Reputation und für Grenzziehungen im Fach zu.

Die derzeitigen strukturellen Veränderungen im Wissenschaftssystem, insbesondere die digitale Transformation, betreffen das Rezensionswesen tiefgreifend. Im Fach zeichnet sich immer deutlicher ab, dass in den tendenziell an Bedeutung gewinnenden numerischen Erfassungssystemen wissenschaftlicher „Produktivität“ und „Leistung“ Rezensionen häufig keine Rolle spielen bzw. überhaupt nicht erfasst werden. Die kritische Qualitätskontrolle in Form von Rezensionen konkurriert zudem zunehmend mit anderen, oft anonymen und nicht-öffentlichen Formen der Begutachtung in unterschiedlichen Stadien des Forschungsprozesses. Wie muss das Genre der Rezension sich an veränderte Anreizsysteme anpassen und wie lassen sich die Anreize, eine Rezension zu verfassen erhöhen?

Der digitale Wandel veränderte und verändert sowohl die Formen, in denen wissenschaftliche Ergebnisse zugänglich gemacht werden, als auch deren kritische Einordnung. Insbesondere werden digitale Ressourcen wie Fach- oder Themenportale, digitale historische Editionen, Textkorpora, Forschungsdatensammlungen, Bild-, Ton oder Filmdatenbanken, aber auch Software oder digitale Werkzeuge bisher gar nicht oder nur selten rezensiert. Während es sich bei traditionellen Forschungspublikationen meist um abgeschlossen Werke handelt, sind digitale Ressourcen nicht statisch, sondern wandelbar, oft prozesshaft und nicht abgeschlossen. Doch auch unabgeschlossene Forschungsprozesse können bereits öffentlich sichtbar gemacht werden.

Zudem sind Öffentlichkeiten und Zielgruppen heterogener geworden, worauf sich auch die fachimmanente Wissenschaftskommunikation einstellen muss. Wie verändert Digitalisierung die Formate und Funktionen von Rezensionen? Wie ändern sich Expertenkulturen und Formen der Kritik? Wie sieht ein adäquates Rezensionswesen für die heterogenen Publikationsformate im Digitalen aus? Brauchen wir neue Standards für die öffentliche Sichtbarmachung von Forschung – und ihre Bewertung und Qualitätskontrollen? Wie sollen Rezensent:innen mit dynamischen Datenpublikationen oder mit Algorithmen, die zu Scriptsammlungen oder Apps geronnen sind, umgehen? Welche Publikationsorte spielen eine Rolle, und welche (digitalen) Infrastrukturen brauchen wir in Zukunft für ein umfassendes Rezensionswesen?Diesen und weiteren Fragen wollen wir in der Podiumsdiskussion nachgehen. Das Podium wird versuchen, mit kurzen Impulsvorträgen in das Problemfeld einzuführen und nach einer knappen Diskussionsrunde auf dem Podium in den offenen Austausch mit dem Publikum übergehen.

Katja Castryck-Naumann (Leipzig) Niels Eichhorn (Macon, GA) Patrick Sahle (Wuppertal) Thomas Werneke (Berlin)
Beteiligte