Babett Edelmann-Singer Claudia Horst (Sektionsleitung)

Frieden – Macht – Konflikt. Friedensdiskurse in antiken Gesellschaften

Abstract

Frieden wird sowohl heute als auch mit Rückblick auf die Antike oft als Gegenbegriff zu Krieg betrachtet. Er wird entweder als Gegenzustand von Krieg behandelt oder als dessen Folge beziehungsweise Ergebnis angesehen. Außerhalb der binären Struktur von „Krieg und Frieden“ existiert „Frieden“ aber auch als Diskurskategorie innerhalb politischer Machtverhältnisse. Das Panel verschiebt den Aufmerksamkeitsfokus auf die Untersuchung von „Frieden“ als Diskurs- und Deutungskategorie bei der Etablierung, Legitimation oder Herausforderung von Machtstrukturen. Vor diesem Hintergrund stellen die Beiträge in Hinblick auf antike Kontexte (Israel, Mesopotamien, Griechenland, Römische Republik und Kaiserzeit) die Frage, wer Frieden definierte, über welche Medien und in welchem Maße er verhandelt werden konnte. Denn Friedenskonzepte sind alles andere als statische Konstrukte. Die Beiträge werden zeigen, wie die Dynamik gesellschaftlicher, politischer und sozialer Prozesse sich im Friedensdiskurs widerspiegelt und wie sich der Diskurs wiederum auf die Erneuerungen und Modifikationen ebendieser Prozesse auswirkte.

Omer Sergi (Tel Aviv)
"Are you in peace?" - Some Thoughts on the Concept of Peace in Ancient Israel in Light of its Kin-based Social Structure

In its first appearance in extra-biblical sources (in the Merenptah Stela, late 13th century BCE) the name „Israel“ refers to a kinship group. Almost 350 years later the same name, „Israel“, was used to denote the 9th century BCE territorial polity ruled by the Omride dynasty in northern Canaan. The transition from kinship group to monarchy reflects on the significance of kinship as a dominant ideology of social interaction in the ancient Near East. The kingdom of Israel, like any other Iron Age south Levantine polity was segmented by nature, as kinship relations maintained their essential integrity over long periods of time, and even under shifting political rules. Hence, it was the struggle for power among rival clans as much as the alliances between them that formed Israel as a territorial polity. This brings to the fore the question of how peace was conceived in such a fragmented society, characterized often by constant power-struggles? To which extent could „peace“ define the social structure of a kin-based polity and to which extent was it even desired? This presentation aims to explore the concept of peace within the kin-based polities of the southern Levant during the early Iron Age, taking Israel and its immediate neighbors as test cases. The Hebrew Bible together with contemporaneous royal inscriptions are the main sources providing access to the concept of peace. Beyond this, I also intend to discuss the role of archaeology in contextualizing textual sources, providing insights into social structure and social practices, within which the concept of peace could be conceived.

Claudia Horst (München)
Wer definiert den Frieden? Konkurrierende Ordnungsvorstellungen in Mesopotamien und Griechenland

Das Weltschöpfungsepos Enūma eliš, das die Grundlagen einer idealen Gesellschaftsordnung beschreibt, war kulturell und institutionell fest im Zentrum der babylonischen Gesellschaft verankert. Berichtet wird, dass sich die Götter nach zahlreichen politischen Kämpfen entschieden, ihre Rechte abzugeben, um sie auf Marduk, den neuen Stadtgott von Babylon, zu übertragen. Die nach der Rechtsübertragung etablierte Friedensordnung sollte allen späteren babylonischen Königen als Richtschnur dienen. Auch im klassischen Griechenland wurde versucht, Bürgerkriege, die als schlimmste kriegerische Auseinandersetzung galten, durch Verträge zu beenden. Aus Dikaia in Thrakien ist ein Eid bekannt, der allen Bürgern bedingungslose Zustimmung abverlangte. Wer den Eid nicht anerkannte, sollte seine bürgerlichen Ehrenrechte verlieren und keinerlei Rechtsansprüche mehr haben. Die aus Mesopotamien und Griechenland genannten Beispiele erinnern an den von Thomas Hobbes beschriebenen Gesellschaftsvertrag, gegen den schon früh der kritische Einwand erhoben wurde, dass die Menschen mit der uneingeschränkten Übertragung ihrer Rechte auf den Souverän die Möglichkeit verlören, nach der Vertragsschließung noch einmal zu Rate gezogen zu werden. Vor dem Hintergrund dieser Problematik soll der Frage nachgegangen werden, wer in der Antike Frieden definierte, inwieweit Friedensverträge auf Veränderungen reagieren konnten und wo das Potential für die Entstehung neuer Konflikte lag.

Hannah Cornwell (Birmingham)
Discourses of peace and dynamics of power in the late Roman Republic

The imperial version of peace, as propagated in a variety of forms as Pax Augusta and Pax Augusti, was something nominally accepted (yet also challenged) as a mechanism through which to interact with imperial power. Nevertheless, the value of peace as an imperial ideal and possession, albeit one that is open to (re)interpretation and deliberate vagueness, belies the intense struggle and debate during the civil conflicts of the late Republic from which it emerged. For the triumviral historian Sallust, the distortion of language and the emergence of ‘hostile politics’ was indicative of the collapse of social order. Civil conflict disrupts societal norms and values, forming new frameworks for political discourse and dynamics of power. In the context of extreme instances of verbal and physical violence, Rome’s internal conflicts also produced a rapidly expanding repertoire of political ideals (notably on the coinage) as part of a political language of crisis. Ideals of social agreement, loyalty, duty and liberty − key concepts for the structuring of Roman social life − along with a politicised notion of peace were subject to shifting political dynamics, disputes, and contests of ownership. The political conflict of the late Republic was conceptualised in the fluidity and application of commonly held ideals concerning the wellbeing of the state. This paper examines the debates over notions of peace during the civil conflicts of the late Republic, as indicative of the collapse of the framework of the Republic in terms of social cohesion, while also revealing that the development of such discourses and disputed commonalities laid the foundation for the imperial monopoly on peace.

Babett Edelmann-Singer (München)
„Ubi solitudinem faciunt, pacem appellant“ – Veränderungen der Deutungskategorie Pax im Prinzipat

Pax als temporärer Zustand der Gesellschaft und des Reiches, aber auch als normative Deutungskategorie des politischen Handelns wurde von Augustus ins Zentrum der Prinzipatsidee gestellt und als Pax Augusta mit der Person des Prinzeps verknüpft. Sowohl seine Nachfolger als auch die flavischen Herrscher folgten dieser normativen Pax-Idee und veränderten sie lediglich in Nuancen. Einen Höhepunkt erlebte das zur Pax Romana erweiterte Konzept unter Vespasian mit dem Bau des Templum Pacis. Bereits im 1. Jh. n.Chr., vor allem aber im 2. Jh. n.Chr. lässt sich das Konzept der Pax allerdings auch als ambivalente Deutungskategorie fassen. Der Vortrag beleuchtet exemplarisch Tendenzen in den Provinzen und innerhalb der römischen Aristokratie, über das Deutungskonzept der Pax einen Diskurs zur Ausformung des Prinzipats und zur Legitimation des einzelnen Herrschers zu führen.