Elsbeth Bösl Jörg Feuchter Veronika Lipphardt  (Sektionsleitung)

Die Herausforderung der Genetic History

Abstract

Seit einigen Jahren fordert die Genetik die Geschichtswissenschaften mit spektakulären Geschichtserzählungen heraus. Auf der Basis von DNA-Sequenzen entstehen Großentwürfe z.B. zur Besiedlungsdynamik ganzer Kontinente. Einige Studien fokussieren auch auf Zeiträume, in denen neben archäologischen und genetischen Daten auch klassische historische Quellen zur Verfügung stehen, wie z.B. die späte Eisenzeit und das frühe Mittelalter in Europa. In der medialen Öffentlichkeit ruft insbesondere die Untersuchung von Ancient DNA, d.h. DNA aus archäologischen Funden, begeisterte Reaktionen hervor. Weniger bekannt ist, dass Geistes- und Naturwissenschaftler*innen miteinander über methodische und konzeptionelle Grundsatzfragen debattieren. Kontroversen entbrannten um Studien zur Völkerwanderungszeit, zur Langobarden- und der Angelsachsenfrage. Archäolog*nnen und Historiker*nnen verstehen Bevölkerungsdynamiken als soziokulturelle Prozesse und befürchten eine Biologisierung von Gruppenzugehörigkeit und Identität. Es wäre verkehrt, wenn sich die Geschichtswissenschaft aus der Konfrontation mit der ‚heiklen‘ Genetik zurückzöge, weil die Einarbeitung zu schwer oder das Feld zu vermint erscheint. Sinnvoller wäre es, deren Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen und mithilfe der geisteswissenschaftlichen Ressourcen eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung zu führen. Gleichgültig, um welche Art Quelle es sich handelt, haben Historiker*innen ihre lang erarbeitete Expertise für Quellenkritik und Heuristik zu bieten. Sie sind außerdem prädestiniert, gegen Essentialismen aller Art anzutreten. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit kann sich als sehr lohnenswert erweisen, denn die Sequenzanalysen erschließen neue epistemische Ressourcen. Doch wie kann ein kritisch-offenes Miteinander entstehen? Die Sektion ruft dazu auf, sich konstruktiv mit den strittigen methodischen und theoretischen Fragen zu befassen und sich einen groben Kenntnisstand über die Arbeitsweisen der beteiligten Fächer zu erarbeiten. Aus der Perspektive der Mediävistik, Archäologie und Genetik erkunden die Referent*innen, welche methodischen und konzeptionellen Voraussetzungen sichergestellt sein müssen, damit Vergangenheitsforschung auf der Quellenbasis von DNA-Sequenzen gelingt.

Veronika Lipphardt  (Freiburg im Breisgau)
Einführung: Grundlagen für die interdisziplinäre Zusammenarbeit: Methodische, konzeptionelle und rezeptionsbezogene Ansatzpunkte für den Dialog zwischen Geschichtswissenschaften und Genetic History
Patrick Geary  (Princeton, NJ)
Genetic History oder einfach Geschichte: die Integration genomischer Daten in die historische Forschung

Mit zunehmender Anzahl von Forschungsprojekten, die Genomdaten zur Rekonstruktion historischer Phänomene (Migration, Sozialstruktur usw.) verwenden, steigt auch die Gefahr einer Fehlinterpretation dieser Daten, wenn sie isoliert betrachtet werden. In diesem Vortrag wird argumentiert, dass Genomdaten zwar zu einem tieferen Verständnis der jüngeren Geschichte beitragen können, dies jedoch nur möglich ist, wenn solche Projekte Historiker*innen, Archäolog*innen und möglicherweise Philolog*innen von Anfang an einbeziehen, und wenn Genomdaten analysiert werden in Kombination mit schriftlichen, textlichen, und nach Möglichkeit philologischen Daten

Daniela Hofmann (Bergen)
Archäogenetik als Chance – Möglichkeiten und Herausforderungen für die prähistorische Archäologie

In der Archäologie, oder zumindest in deren theoretisch aktiven Kreisen, galt das Thema Migration lange Zeit als überholt – im methodischen Nationalismus verhaftet, zu unkritisch, zu kolonialistisch. In den letzten zehn Jahren erfolgte eine totale Kehrtwendung: Genetische Daten beweisen uns jetzt, dass die Vorgeschichte Mitteleuropas ganz wesentlich von mehreren großen Migrationsschüben geprägt war. Sind damit aber auch die verpönten ‚Narrative von gestern‘ wissenschaftlich bewiesen? Was sagen uns die genetischen Daten eigentlich, wo liegt das Potential – und wo die Probleme in Interpretation und Wissenschaftsvermittlung?

Stephan Schiffels (Jena)
Die Archäogenetik als neue Quelle zur Untersuchung menschlicher Mobilität am Beispiel der Populationsgeschichte Europas

In diesem Vortrag wird das Feld der Archäogenetik kurz vorgestellt. Umrissen werden die wichtigsten Methoden, mit denen genetische Populationsgeschichte aus DNA aus menschlichen Überresten durch die Zeit entschlüsselt wird. Vor allem in Europa und Asien haben Studien zu detaillierten Erkenntnissen über geschichtlich relevante Prozesse geführt, die häufig, aber nicht immer zu den entsprechenden Daten aus der Archäologie passen. Anhand einer noch unveröffentlichten Studie mit genetischen Daten aus dem frühmittelalterlichen England, den Niederlanden, Deutschland und Dänemark sollen beispielhaft die Chancen und Grenzen der Genetik für die Vergangenheitsforschung gezeigt werden. Die Ergebnisse weisen auf eine deutliche Verschiebung der Bevölkerungsstruktur Englands während des frühen Mittelalters hin. Dies ist konsistent mit einem hohen Maß an Mobilität von Kontinentaleuropa nach England während der Jahrhunderte nach der römischen Besatzung. Obwohl während dieser Zeit schon ein hohes Maß an Vermischung mit der lokalen Bevölkerung festgestellt werden kann, hatte diese Verschiebung nur einen begrenzten Langzeit-Effekt auf den englischen Genpool. Die Interpretation solcher Analysen, vor allem auch vor dem Hintergrund geschichtlicher Quellen, macht den Dialog zwischen den Disziplinen notwendig. Zum Beispiel ist der Begriff der Mobilität unscharf und wird in Archäologie, Geschichtswissenschaft und Genetik unterschiedlich verwendet. Die Existenz begrifflicher Barrieren erfordert einen intensiven Austausch, um die Ergebnisse in vollem Umfang interdisziplinär zu verwerten.

Alfons Labisch (Halle an der Saale)
Kommentar