Rüdiger Graf (Sektionsleitung)

Wutausbrüche, Heuchelei und Kompromisse. Der Wandel politischer Kommunikation in liberalen Demokratien nach 1945

Thema: Zeitgeschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 10
Download iCal

Nach 1989/90 war allenthalben ein globaler Siegeszug der liberalen Demokratie verkündet worden. Angesichts der Erfolge rechtsextremistischer Parteien und der auch medial induzierten Veränderungen der politischen Kommunikation gelten liberaldemokratische Ordnungen aber inzwischen selbst in Westeuropa wieder als gefährdet. Der britische Politologe Colin Crouch begriff die politische Gegenwart gar als „Postdemokratie“, in der personalisierte Scheinwahlkämpfe geführt würden, während nicht gewählte Eliten die eigentlichen Entscheidungen fällten. Vor dem Hintergrund dieser Krisenwahrnehmungen untersuchen die Beiträge der Sektion die Veränderung der politischen Kommunikation in der Bundesrepublik, in Frankreich und Großbritannien seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. In der bisherigen Forschung wurde der Wandel des Politischen in diesem Zeitraum als Aufstieg und Verfall der Debatten- und Streitkultur beschrieben und mit Prozessbegriffen wie Emotionalisierung, Moralisierung, Medialisierung oder Personalisierung zu erfassen und zu erklären gesucht. Um die Tragfähigkeit dieser Interpretationen zu überprüfen, konzentrieren sich die Vorträge jeweils auf ein kommunikatives Phänomen: den Umgang mit Wutausbrüchen, die Kritik von Selbstwidersprüchen als Heuchelei und die Verhandlung von Kompromissen angesichts wachsender Transparenzforderungen. Dabei wird die diachrone Analyseperspektive sowohl durch die Nutzung von distant reading Tools als auch dadurch ermöglicht, dass die Kommunikation über die Veränderung dieser kommunikativen Praktiken untersucht wird. Zwar steht in jedem der Vorträge ein Land im Zentrum, aber sie werfen mit der Frage nach wesentlichen Elementen liberal-demokratischer Ordnungen jeweils vergleichende und transnationale Perspektiven auf. Die drei thesenhaft gehaltenen Vorträge werden jeweils 15 Minuten nicht überschreiten, so dass ca. 45 Minuten Zeit für die Diskussion verbleiben. 

Die Ridikülisierung des Cholerikers. Affekte und Affektkritik in Frankreich transnational
Nina Verheyen (Köln)

Der Vortrag greift die in der Politikwissenschaft vertretene These einer jüngsten Emotionalisierung von Politik auf. Er erörtert, wie führende männliche Politiker Westeuropas seit dem Zweiten Weltkrieg in Reden und Interviews Affekte zeigten, wie ihr Verhalten interpretiert und kritisiert wurde. Im Zentrum stehen politische Rhetorik und metakommunikativer Austausch in Frankreich von den 1960ern bis in die 1990er-Jahre in transnationaler Perspektive. Ausgehend von den in Westeuropa sehr erfolgreichen Komödien mit Louis de Funès, die einen cholerischen Gaullisten zeigten, geht es um den kommunikativen Stil von Charles de Gaulle, François Mitterand und Valérie Giscard d’Estaing. 

Moralisierung, Personalisierung und Empörung. Heucheleivorwürfe in der politischen Kultur der Bundesrepublik
Rüdiger Graf (Potsdam)

Gemäß der politischen Theorie (Judith Shklar, David Runciman) und der Organisationssoziologie (Nils Brunsson) entstehen in liberaldemokratischen Systemen zwangsläufig Widersprüche zwischen erklärten Werten und tatsächlichen Praktiken. Deren kritische Thematisierung als Heuchelei variierte jedoch und nahm in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren genauso zu wie politische Bewegungen, die beanspruchten, politische Überzeugungen und Alltagshandeln in Einklang zu bringen. Ausgehend von Bundestagsdebatten fragt der Vortrag nach den Ursachen dieser Veränderung der politischen Kommunikation. Er dient damit als Sonde, um die Moralisierung, Personalisierung und Medialisierung des Politischen zu untersuchen. 

Hinter verschlossenen Türen. Der Konflikt von Kompromiss und Transparenz in der Bundesrepublik und Großbritannien
Constantin Goschler (Bochum)

Nach 1945 entwickelte sich in westeuropäischen Demokratien eine enge Verbindung von Demokratie und Kompromiss, die sich auf die Parteien der „Mitte“ stützte und die in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit offensichtlich gewordene Anfälligkeit der liberalen Demokratien überwinden sollte (Martin Conway). Seit den 1980er-Jahren wurden parlamentarische Praktiken des Kompromisses jedoch häufiger mit dem Verdikt der Hinterzimmerpolitik belegt und stattdessen Transparenz gefordert. Damit wurde das Spannungsverhältnis von öffentlicher und nicht-öffentlicher parlamentarischer Kommunikation zu einem dauerhaft thematisierten Problem. Der Vortrag vergleicht diese Entwicklung und ihre Folgen am Beispiel der Bundesrepublik und Großbritanniens. 

Moderation
Christina von Hodenberg (London)
Ihr Feedback