Dynamiken der Macht

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„Macht“ und „Machtmissbrauch“ sind derzeit in aller Munde. Ursachen und Folgen von Macht werden allerdings ganz unterschiedlich bewertet und eingeschätzt. So legen beispielsweise die Diskussionen im Zuge der #MeToo-Bewegung, um kirchliche Institutionen oder um Universitäten bestehende Machtmechanismen und deren fatale Möglichkeiten zum Missbrauch offen. Daran anschließend wird gefragt, wie sich diese verändern lassen. In anderen Zusammenhängen – etwa in den internationalen Beziehungen spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine – wird Macht dagegen zunehmend als unhintergehbare Größe verstanden, die eine regelbasierte Ordnung in Frage stellt und die es, gewollt oder ungewollt, zu akzeptieren gilt.

Alles spricht dafür, dass die Geschichtswissenschaft aufmerksam und sensibel auf die aktuellen Umbrüche reagieren kann.  Sie ist empirisch wie methodisch gerüstet, um die vielfältigen Erscheinungsformen von Macht in Vergangenheit und Gegenwart kritisch zu analysieren.

Lutz Raphael, Vorsitzender des VHD

In der Geschichtswissenschaft zählt Macht seit jeher zu den wichtigsten Analysekategorien. Für historische Untersuchungen geht es dabei immer wieder um ganz konkrete Fälle von Machtmissbrauch und -kontrolle. Gleichzeitig wird nach der Entstehung, dem Umgang oder der Wirkung von Machtverhältnissen gefragt. In historischer Perspektive erweist sich Macht als Produkt komplexer Beziehungsgefüge und existiert in Politik und Wirtschaft ebenso wie in Familien und Geschlechterbeziehungen. Neben formale Macht treten informelle Formen oder solche kommunikativer oder kultureller Art. Nicht zuletzt verweist das Motto „Dynamiken der Macht“ darauf, dass Macht, wie Herrschaft, eines Resonanzraums bedarf, innerhalb dessen sie sich entfalten kann und gleichzeitig Prozessen von Auflösung, Diffusion oder Subversion unterworfen ist.

Auf dem 55. Deutschen Historikertag wird es eine vielfältige Auseinandersetzung mit Dynamiken der Macht geben. Die Diskussionen befassen sich unter anderem mit folgenden Aspekten:

Phänomene des Machtgebrauchs und -missbrauchs. Damit ist das weite Feld der Kontrolle und damit eng verbunden der Konflikte benannt, die sich aus den Grenzüberschreitungen ergeben, die Inhaber von Macht begangen haben und  immer wieder begehen. Ausgangspunkt ist vielfach, dass sie etablierte Regeln und Formen überschritten, in denen ihre Entscheidungen als gerechtfertigt erschienen. Dieser Bruch mit dem Gewohnten und Tradierten betrifft alle Bereiche des historischen Lebens  und alle Epochen der Vergangenheit.  

Auseinandersetzung mit grundlegenden Mechanismen, Praktiken und Dynamiken von Macht unter diachroner und/oder synchroner Perspektive. „Macht“ als Analysekategorie bedarf der ständigen Reflexion. Dazu gehört die Prüfung aller Kategorien, mit denen die Vielfalt ihrer Erscheinungsformen und Legitimationen erfasst werden. Vielfalt der Sprachen und Kulturen, Wandel der verfügbaren Ressourcen und Begründungen machen „Macht“ zu einem historischen Phänomen, das ubiquitär erscheint, aber schwer adäquat zu erfassen ist und dessen übergreifenden Begleiterscheinungen und Wirkungselemente besonderer wissenschaftlicher Aufmerksamkeit bedürfen.

Konzepte von Macht. Diese Fragen nach den elementaren Formen und Regeln von Macht in der Geschichte sind untrennbar verbunden mit Diskussionen über adäquate Konzepte von „Macht“ und damit zusammenhängend mit kritischen Studien über die Gewohnheiten, Ergebnisse und blinden Flecken in der Historiographiegeschichte der Macht.

Untersuchungen zu den unterschiedlichen Formen von Macht und deren Zusammenspiel. Die neueren Machttheorien haben Historiker:innen dafür sensibilisiert, den Spuren von Macht nicht nur in ihren „klassischen“ Erscheinungsbereichen wie Politik oder Wirtschaft nachzuspüren, sondern ihren Formen in Gesellschaft und Kultur gleichermaßen Aufmerksamkeit zu schenken. Besonders spannend wird es, wenn man die Metamorphosen von Macht im Wechsel beziehungsweise Übergang zwischen historisch definierten Handlungsfeldern und Gestaltungsebenen untersucht.

Machtverlust und Empowerment. Ein ganz eigenes Forschungsfeld stecken die Phänomene von Machtverlust einerseits, von Ermächtigung oder „Empowerment“ ehemals Unterworfener, „machtloser“ Akteure anderseits ab. Historische Umbrüche und Revolutionen gehören zu den klassischen Themenfeldern, um solchen Phänomenen auf die Spur zu kommen.

Der Bonner Historikertag erweitert die Perspektiven solcher innerfachlichen Themenfelder und Debatten noch einmal, wenn er in seinen „TopThemen“ aktuelle Machtverhältnisse aufgreift und diskutiert.

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