Sarah Frenking, Andreas Guidi (Sektionsleitung)

Transnationale Unterwelt. Deviante Mobilitäten im euromediterranen Raum, 1920–1950

Themen: Zeitgeschichte, Neuere und Neueste Geschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Schlosskirche
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Das Mittelmeer ist heute ein politischer Raum, in dem Mobilität als Bedrohung erscheint – verbunden mit devianten Figuren wie Schleppern, Schleusern und Geflüchteten. Die Sektion nimmt die Geschichte unerwünschter Mobilitäten im euromediterranen Raum in den Blick. Zwischen Kriminalitäts- und Mobilitätsgeschichte fragen wir medien- und sozialhistorisch nach transnationalen Zusammenhängen, in denen Devianz als Zuschreibung eine Rolle spielte. Der betrachtete Zeitraum war durch Dekolonisierung und den Zweiten Weltkrieg, aber auch den Wandel von Infrastrukturen und moralischen Ordnungen gekennzeichnet. Den euromediterranen Raum zeichneten dabei sich verändernde imperiale Gemengelagen und territoriale Ordnungen aus, die als machtvolle Dynamiken Menschen auf „unordentliche Weise“ in Bewegung setzen. Zugleich wurden Kriminalität und Devianz auch deshalb zunehmend transnational, weil nationale Zugehörigkeit neue Bedeutung bekam und Bewegungen zugleich staatlichen und nationalen Logiken widersprachen. 

Diesen Mobilitäten wird anhand von unterschiedlichen Akteursgruppen nachgespürt: Anarchist:innen, NS-Verfolgte, die von Europa nach Nordafrika flohen, und Zigarettenschmuggler sowie „Mädchenhändler“. Die Wissenschaftler:innen fragen dabei nach Praktiken wie Passfälschung und Prostitution, Schwarzmarkt oder Schmuggel mit einem besonderen Augenmerk auf agency, Erfahrungen sowie multiplen Zugehörigkeiten der Akteure. Sie interessieren sich zudem für Kategorisierungen durch (international kooperierende) Polizei und internationale Organisationen wie den Völkerbund, ihre Wissensproduktion und Bestrebungen der Raumkontrolle. Darüber hinaus analysieren sie die medialen Repräsentationen dieser Bewegungen in Kinofilmen, Reportagen und Romanen und fragen nach den Bildern von Netzwerken und der Produktion stereotyper Figuren. Anhand dreier zwanzigminütiger Vorträge analysiert die Sektion somit die Verflechtung von Legalität und Illegalität sowie die Kriminalisierung und zugleich staatliche Produktion von Mobilitäten. Somit liefert sie einen Beitrag zur transnationalen Kriminalitäts- sowie zur Mobilitätsgeschichte und verspricht neue Erkenntnisse zu euromediterranen Beziehungen. 

Anarchistische Unterwelten. Transnationale Mobilität und Wahrnehmung und politischer Devianz im Mittelmeerraum, 1920–1950
Fabian Lemmes (Saarbrücken)

Der Vortrag blickt auf Anarchist:innen, die sich in radikaler Gegnerschaft zu bestehenden Ordnungen grenzüberschreitend zwischen Legalität und Illegalität bewegten. Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde die Figur des:der Anarchist:in in massenmedialen wie politischen Diskursen zum Prototyp des gewaltsam, transnational und im Untergrund agierenden Akteurs. Der Vortrag fragt, wie sich diese Mobilitäten und ihre Wahrnehmungen im Kontext multipler Umwälzungen seit dem Ersten Weltkrieg entwickelten und nimmt dabei den westlichen Mittelmeerraum, der an der Schnittstelle von europäischen und globalen devianten Mobilitäten eine wichtige Rolle spielte, in den Blick. 

Wer ist hier kriminell? Europäisch-nordafrikanische Verflechtungen und die Flucht über das Mittelmeer während des langen Zweiten Weltkriegs
Esther Möller (Berlin)

Der Vortrag beschäftigt sich mit der Flucht von Menschen aus dem deutschsprachigen Raum nach Nordafrika von den 1930er bis in die 50er Jahre in Folge von Nationalsozialismus und Faschismus. Mit einem Fokus auf Flüchtlingslager in Marokko, Internierungslager in Algerien und Bildungseinrichtungen in Ägypten wird die Interaktion zwischen Geflüchteten und Individuen vor Ort analysiert. Prekäre rechtliche Situationen, europäische Zugehörigkeit und koloniale Strukturen führten zu Praktiken in Graubereichen: Geflüchtete und Anwohner:innen tauschten und (ver)kauften Produkte und navigierten gemeinsam sich wandelnde rechtliche und gesellschaftliche Normen. Mit Perspektiven von Geflüchteten und internationalen Organisationen trägt der Vortrag zu einer euromediterranen Verflechtungsgeschichte bei. 

Das dunkle Mittelmeer. Zum medialen Spektakel von Kriminalität und Mobilität im euromediterranen Raum des 20. Jahrhunderts
Sarah Frenking (Potsdam/Washington), Andreas Guidi (Paris)

Der Vortrag untersucht Darstellungen von Mobilitäten, die als kriminell markiert wurden, wie Zigarettenschmuggel und „Mädchenhandel“. Analysiert werden Figuren wie gerissene Schmuggler und Männer, die in großer Zahl weiße Frauen zu Zwecken der Prostitution entführten, in Magazinen („Détective“), Filmen („Männer ohne Beruf“, 1929), Propagandaschriften (Frankreich. Zentrale des Internationalen Mädchenhandels, 1940), Enthüllungsjournalismus („Turbulent Tangier“, 1956) und autobiografischen Romanen („Das nackte Brot“, 1972). Ziel ist es, die Imaginationen der euromediterranen Unterwelt als Geflecht krimineller Aktivitäten zu analysieren und ihre Transformation in kolonialen über faschistische zu dekolonialen Kontexten nachzuzeichnen. 

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