Taceat mulier? Öffentlich sprechende Frauen in der Antike. Zwischen Realität und Fiktion
Öffentliche Rede war in der Antike Männern vorbehalten. Und doch sprachen auch Frauen in der antiken Öffentlichkeit. Einige, um sich mit Familie, Freunden oder Kunden zu unterhalten. Im Fokus dieser Sektion aber stehen Frauen, deren Sprechakte sich an eine breite Öffentlichkeit wandten.
Nach einer kurzen Einleitung soll anhand von drei Fallbeispielen ermittelt werden, welche Muster und Themen sich hier im Spannungsfeld zwischen der (fiktiven) Realität sprechender Frauen und Fiktionen über weibliches Sprechverhalten erkennen lassen. Dafür sollen die betrachteten Sprechakte in ihren sozialen, bildlichen, narratologischen und räumlichen Kontexten verortet werden. Gefragt werden soll zudem, inwiefern sich hier die erwarteten Eigenschaften weiblicher Sprache (Emotionen, Bezug zur Familie, Privatheit) finden lassen und auch, inwiefern die Tatsache, dass diese Sprechakte mehrheitlich von männlichen Autoren und Künstlern überliefert wurden, ein Problem darstellt. Ziel ist es, neue Einsichten in antike weibliche Rede im öffentlichen Raum zu generieren bzw. eine Diskussion darüber anzuregen, wie diese erreicht werden können.
Bewusst sind die drei Beiträge der Sektion über drei antike Epochen (archaisches und klassisches Griechenland, Spätantike) verteilt und betrachten unterschiedliche Quellengattungen (Vasenmalerei, Epigraphik, Liturgie) und Kontexte (Symposion, Grabkult, Religion). Dadurch können sie verschiedene soziale, normative und rechtliche Sprechsituationen antiker Frauen untersuchen, in denen sich Realität und Fiktion überlagerten. Eine Gesamtdiskussion von ca. 25 Minuten rundet die Sektion ab.
Der Vortrag wird sich auf die Analyse der Darstellung weiblicher Figuren auf griechischer (korinthischer und attischer) bemalter Keramik des sechsten und fünften Jh. v. Chr. konzentrieren, die von den Vasenmalern durch die Verwendung von Inschriften als sprechend dargestellt wurden. Nach einem Überblick über den kulturgeschichtlichen Kontext der griechischen Vasenmalerei und dieser „Direkte-Rede“-Inschriften wird der Vortrag die seltenen, aber aufschlussreichen Beispiele sprechender Frauen auf bemalten griechischen Gefäßen erörtern und darlegen, welches Potential sie für die Erforschung zeitgenössischer sozialer Normen hinsichtlich der Rede von Frauen in der Öffentlichkeit im Griechenland archaischer und klassischer Zeit besitzen. Dabei wird besonders auf die Thematik des „male gaze“, der dargestellten Lebenskontexte der Sprecherinnen und ihres sozialen Status eingegangen werden.
Der Vortrag „Sprechende Frauen auf attischen Grabstelen“ wird fiktive Sprechakte von Frauen aus dem klassischen Athen untersuchen. In den Grabepigrammen wird die Rede von Frauen dauerhaft und wiederholt an einem öffentlich zugänglichen Ort imaginiert. Anhand eingängiger Beispiele wird gezeigt, wie die Gedichte die direkte Rede verstorbener Frauen projizieren, die die Betrachter:innen über ihren Tod und ihre Vorzüge unterrichtet. Dies geschieht häufig in Form von Dialogen mit männlichen Familienmitgliedern, Ehemännern oder Söhnen. Dieser Befund widerspricht in vielfacher Weise dem Schema der geschlechtlichen Segregation von Sprechgemeinschaften in der klassischen Zeit, welches die Rede von Frauen räumlich, zeitlich und inhaltlich von jener der Männer trennt.
Abgesehen von Ausnahmen wie offiziellen Akten und chorischem Gesang waren weibliche Stimmen in den Kirchen der Spätantike selten zu hören. Doch in liturgischen Lesungen, wie biblischen Perikopen und hagiographischen Erzählungen, traten Frauen oft als Sprecherinnen auf. In der syrisch-christlichen Tradition wurden einige dieser Geschichten während der Liturgie in Form von dialogischen Gedichten wiedererzählt. In „Sprechende Frauen in liturgischen Dialoggedichten“ werden drei dieser Texte näher untersucht, in denen Frauen die Hauptrolle als Sprecherinnen übernehmen. Diese drei Dialoggedichte bieten Einblicke darin, wie weibliche Sprechakte einer breiten Öffentlichkeit präsentiert wurden, und zwar in einem Kontext, in dem Frauen selbst kaum die Gelegenheit hatten, vor Publikum zu sprechen.