Christian Marx (Sektionsleitung)

Neue Machtverhältnisse: Die Ära der Deindustrialisierung in Westeuropa seit den 1970er Jahren

Themen: Zeitgeschichte, Geschlechtergeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Schlosskirche
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Seit den 1970er Jahren bewirkte der Prozess der Deindustrialisierung tiefgreifende Veränderungen in den westlichen Industriegesellschaften. Der Abbau von Industriearbeitsplätzen, hauptsächlich in traditionellen Fertigungssektoren wie der Textil- und Montanindustrie oder dem Schiffbau, führte in vielen Ländern Nordamerikas und Westeuropas zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit und mündete damit in neue und alte gesellschaftliche Machtkonflikte. Der Rust Belt in den USA und das Ruhrgebiet in Deutschland stehen symbolhaft für diese Entwicklung, aber auch Großbritannien, Nord- und Ostfrankreich, Belgien oder Luxemburg waren hiervon auf je eigene Weise betroffen. Proteste gegen das Werftensterben oder die Schließung von Kohlezechen erregten vielfach hohe öffentliche Aufmerksamkeit und verfestigten damit die Erinnerung an ein „Goldenes Zeitalter“ und die Erfolge kollektiver Arbeitnehmerinteressen. Zugleich zeichnete sich infolge technologischer Fortschritte ein Ende harter körperlicher Arbeit ab, was viele politische und ökonomische Akteure begrüßten, aber auch den Verlust der Identität der Industriearbeiterschaft bedeutete. 

Die drei Vorträge bewegen sich folglich an den Schnittflächen von Sozial- und Politikgeschichte. Im internationalen Vergleich wird der Leitfrage nachgegangen, welche neuen betrieblichen und gesellschaftlichen Machtkonstellationen sich in Westeuropa infolge der Deindustrialisierung entfalteten. Inwiefern reagierten Politiker, Unternehmer und Gewerkschafter unterschiedlich auf den drohenden Verlust von Industriearbeit und was bedeutete der Beschäftigungsabbau im Industriebereich langfristig für das Verhältnis von Tarifpartnern oder Geschlechtern? Auf diese Weise geraten auch erinnerungskulturelle Aspekte in den Blick, die weit über die ökonomische Dimension der Deindustrialisierung hinausreichen und in denen sich die umkämpften Vorstellungen von Industriearbeit widerspiegeln. 

Nach den drei Kurzreferaten ist eine Diskussion von 40 Minuten vorgesehen. 

Einführung
Christian Marx (München)
Das „Luxemburger Modell“. Neuordnung im Zuge der Stahlkrise in den 1970er Jahren
Nicolas Arendt (Luxemburg), Zoé Konsbruck (Luxemburg)

Die Stahlkrise der 1970er hatte in Luxemburg nicht nur tiefgreifende wirtschaftliche Veränderungen zur Folge, sondern führte auch zu einer Verschiebung der sozialpolitischen Machtverhältnisse. Die Einführung einer Tripartite im Rahmen des „Luxemburger Modells” ermöglichte den Gewerkschaften, gemeinsam mit der Regierung und den Stahlunternehmen am Verhandlungstisch Platz zu nehmen und an der industriellen Umstrukturierung mitzuwirken. Heute ist dieser korporatistische Krisenmechanismus als Erfolgsstory im nationalen Narrativ verankert. Eine Analyse der zeitgenössischen Diskurse der Gewerkschaften offenbart jedoch, dass die neue Machtkonstellation durchaus kritisch wahrgenommen wurde. 

Vom Akteur zum Opfer. Der britische Bergarbeiterstreik von 1984/85 im kollektiven Gedächtnis
Jörg Arnold (München)

Der große Streik der britischen Bergarbeiter 1984/85 hat einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis. Weit über die Grenzen Großbritanniens hinaus gilt der erbittert geführte Arbeitskampf als Schlüsselereignis der Deindustrialisierung. Im Gegensatz zum Ereignis ist die inzwischen 40-jährige Erinnerungsgeschichte bisher kaum erforscht. Ziel des Vortrages ist es, die Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen sich ein zeitgenössisch äußerst umstrittener Konflikt zu einem weitgehend konsensualen Gedächtnisort verwandeln konnte. Am Beispiel des Streiks lässt sich zeigen, wie der Prozess der Deindustrialisierung in Westeuropa insgesamt gedeutet wurde. 

Starre Machtverhältnisse? Arbeiterinnen in der Deindustrialisierung des bayerischen Vogtlands seit 1970
Helena Schwinghammer (München)

Statik und Dynamik von Macht in Geschlechterverhältnissen in einer sich rapide verändernden Industrieregion stehen im Mittelpunkt des Vortrags. Anhand der Textilindustrie im bayerischen Vogtland wird der Einfluss von Deindustrialisierung auf Geschlechterhierarchien in einer weiblich-dominierten Industriebranche seit 1970 analysiert. Die Folgen des industriellen Niedergangs auf die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern waren vielschichtig. Frauenerwerbstätigkeit und Frauenerwerbslosigkeit prägten die Region und formten die Geschlechterrelationen. Nicht nur die deutsche Teilung, sondern auch generationelle Unterschiede beeinflussten diese Dynamik entscheidend. 

Moderation
Stefan Krebs (Luxemburg)
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