Monarchische Macht im 19. Jahrhundert. Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta im Lichte neuer Forschung
Der erste deutsche Kaiser Wilhelm I. und seine Ehefrau Kaiserin Augusta stehen bis heute im Schatten des „Eisernen Kanzlers“ Otto von Bismarck. Wie die jüngst zeitgleich publizierten Dissertationen von Susanne Bauer, Jan Markert und Frederik Frank Sterkenburgh belegen, muss diese historiographische Marginalisierung allerdings grundlegend revidiert werden. Auf breiter und bislang weitgehend unbekannter archivalischer Quellengrundlage werden nicht nur Leben und Wirken des Herrscherpaares detailliert rekonstruiert, sondern auch neue und provokante Thesen zu Funktion und Charakter monarchischer Macht im 19. Jahrhundert formuliert. Dadurch werden vor allem tradierte Forschungsnarrative und populäre Geschichtsbilder der sogenannten „Ära Bismarck“ infrage gestellt.
Beispielhaft stehen Wilhelm I. und Augusta für eine multiperspektivische Neubewertung der Handlungsspielräume dynastischer Eliten. Dabei rücken neben entscheidungspolitischen, militärischen, höfischen und repräsentativen Strukturen auch informelle Einflussmöglichkeiten jenseits kodifizierter Institutionen und Kanäle in den Analysefokus. Die Konstitutionalisierung und Nationalisierung der Hohenzollernmonarchie nach 1848 führte sowohl zu einem institutionellen Machtverlust als auch einem symbolischen Machtgewinn der Krongewalt. Wilhelm I. und Augusta reagierten auf unterschiedliche Weise auf diese Entwicklung und versuchten sie bisweilen sogar gezielt zu steuern. Anhand des ehelichen Modus vivendi des Kaiserpaares können zudem neue Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Grenzen und Gestaltungsfelder monarchischer Machtausübung gewonnen sowie die – zeitgenössische und historiographische – Rezeption dieser Rollentopoi neu betrachtet werden. Insgesamt zeigt sich, dass die von Bismarckquellen und Bismarckforschung kolportierten Bilder eines entscheidungsschwachen Kaisers und einer intrigierenden Kaiserin nicht länger haltbar sind.
Bauer, Markert und Sterkenburgh präsentieren ihre Forschung eingangs in jeweils fünfzehnminütigen Kurzvorträgen. Anschließend wird das Publikum unter der Moderation Ulf Morgensterns, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, zur Diskussion eingeladen.
Kaiserin Augusta stand in europaweitem Briefwechsel mit den bedeutendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit. Als Ehefrau Wilhelms I. hatte sie zwar selbst keine kodifizierte politische Entscheidungsgewalt, aber vielgestaltige Handlungsspielräume, die anhand ihrer Briefe rekonstruiert werden können. Insgesamt sind über 22.000 Briefe mit knapp 500 Personen überliefert. Augusta nutzte ihre internationalen Kontakte, um Neuigkeiten und Meinungen von Höfen, Gesandtschaften, Hauptquartieren, Parlamenten und Kirchengemeinden einzuholen und weiterzuleiten. Sie fungierte als Beraterin des Monarchen, Ansprechpartnerin von Einflusssuchenden und Vermittlerin zwischen den Instanzen.
Kaiser Wilhelm I. steht beispielhaft für die ambivalente Multifunktionalität der Monarchie als institutioneller Motor, aber auch als Hemmfaktor der politischen Modernisierung im 19. Jahrhundert. Während des Vormärz trug er in der Rolle des „Kartätschenprinzen“ maßgeblich dazu bei, das preußische Königtum in die Krise der Revolutionen von 1848/49 zu stürzen. In den Folgejahren forcierte er die Nationalisierung von Thron und Staat und dirigierte den Prozess der Reichsgründung. Wie der umfangreiche und der Forschung bislang weitgehend unbekannte archivalische Nachlass des Kaisers belegt, muss die Herrschaft Wilhelms I. als persönliches Regiment charakterisiert und die preußisch-deutsche Politikgeschichte vor 1888 in großen Teilen revidiert werden.
In seiner Rolle als Kaiser standen Wilhelm I. unterschiedliche Instrumente zur Verfügung, um die Macht der Hohenzollernkrone im neugegründeten Nationalstaat auszubauen. Anhand erstmals ausgewerteter Archivquellen kann rekonstruiert werden, wie er die politischen und militärischen Entscheidungsprozesse persönlich überwachte und aktiv in diese eingriff. Auf der medialen Politikebene nutzte er gezielt Publikationen und öffentliche Auftritte, um sich als Personifikation des monarchischen Nationalstaats zu inszenieren und so das Kaisertum populär zu legitimieren. Nach 1888 wurde die Figur Wilhelms I. im kulturellen Gedächtnis jedoch verzerrt und es wurde behauptet, erst Wilhelm II. habe versucht, die Kaiserrolle aktiv zu gestalten.