Eva Haverkamp-Rott (Sektionsleitung)

Jüdische Frauen und Männer und die Macht (16.–18. Jahrhundert)

Themen: Frühe Neuzeit, Geschlechtergeschichte
Sprachen: Deutsch, Englisch
Ort: Hörsaal 10
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Machtausübung von herrschaftlicher Seite gegenüber Jüdinnen und Juden ist häufig die erste Assoziation, denkt man an die Geschichte der Beziehungen zwischen Juden und Christen seit dem Mittelalter in Europa. Die Sektion macht auf die Perspektive von Jüdinnen und Juden aufmerksam, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert im aschkesanischen Raum Machtverhältnisse unterschiedlich rezipierten, kommunizierten und selbst repräsentierten. Damit steht die agency dieser Personen mit besonderem rechtlichem, politischem, sozialem, wirtschaftlichem und religiösem Status im Fokus: Sie navigierten in und zwischen unterschiedlichen Bereichen der Machtausübung. Jüdische Akteure – individuell oder kollektiv – versuchten, die ihnen offenstehenden Möglichkeiten zu nutzen oder sogar zu schaffen. Zu den damit zusammenhängenden Phänomenen gehörten die Durchsetzung jüdischer Interessen vor den Behörden oder vor Gericht und die aktive Unterwanderung bestehender Machtverhältnisse, aber auch die Kooperation oder Kollaboration.

Vorgestellt wird zunächst ein herausragender jüdischer Geldverleiher, der trotz erheblicher Einschränkungen Handlungsspielräume durch Kreditvergabe erweiterte und dabei Netzwerke aufbaute, in denen er zu einem politischen Vermittler wurde. Ein weiterer Beitrag nimmt die Machtverhältnisse innerhalb von jüdischen Gemeinden und insbesondere die Stellung der Gemeindevorsteher (Parnasim) in den Blick, deren politisches Handeln von Gemeindemitgliedern in Frage gestellt und deren Autorität herausgefordert wurde. Eine oft unterschätzte Bedeutung in der Führung von jüdischen Gemeinden hatten Frauen, denen der dritte Vortrag gewidmet ist. Deren informelle und formale Macht wirkte innerhalb von Familien der jüdischen Elite und darüber hinaus in religiösen Positionen sowie in Verhandlungen mit der christlichen Umwelt. Die Sektion ist eingereicht im Namen der „Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden“ (GEGJ).

Simon von Günzburg als Vermittler in Herrschaftskonflikten (1569–1575)
Tobias Claudius Stampfer (Eichstätt)

Unter den wenigen namentlich bekannten Vertretern einer jüdischen Führungsschicht im 16. Jahrhundert tritt ohne Zweifel die Person des Simon von Günzburg hervor. Der Vortrag beleuchtet, wie er mit verschiedenen regionalen Machthabern agierte und versuchte, seine Netzwerke jenseits seiner Wirtschaftstätigkeit auszubauen. Gezeigt wird sein strategisches Abwägen, die taktische Vorgehensweise und auf welche Weise er situativ Chancen nutzte, um seine Interessen zu befördern.

Die Parnasim und die anderen. Formale Macht und informelle Machtausübung in der Frankfurter Judengasse
Rahel Blum (Frankfurt am Main)

Der Frankfurter Gelehrte Johann Jakob Schudt behauptet 1717, dass den Parnasim (Gemeindevorsteher) die Autorität in der Judengasse und Macht über ihre Bewohner zukam. Tatsächlich aber war die innere Organisation der Gemeinde geprägt von einem differenzierten Bild der Machtausübung und Machteinforderung. Anhand jüdischer Gemeindestatuten und Entscheidungsprotokollen aus dem 17. und 18. Jahrhundert wird gezeigt, auf welche Weise mächtige Akteure innerhalb der Judengasse die innere Organisation der Gemeinde, ihre Strukturen und Verfahren prägten, Mitsprache einforderten oder die Gemeindeleitung für Ihre Interessen vereinnahmten.

She Taught Knowledge to the People. Early Modern Jewish and Informal Power
Debra Kaplan (Ramat Gan)

Jewish leaders and intercessors in early modern European communities were typically male, often representatives of wealthier and more prominent social classes. A close examination of contemporary sources reveals that women also wielded both formal and informal power within these Jewish communities. This paper will explore several types of women’s leadership within Jewish communities: their roles in spaces segregated by sex; their roles as extension of the male gaze in the realm of women’s bodies; and the informal power wielded by wives of communal leaders and officials. The public recognition afforded to some of these women – from leaders in the synagogue to intercessors with Christian authorities on behalf of the community – underscores how historians have neglected to tell their stories and to acknowledge women’s roles in their own and shared communal spaces.

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