Vera Kallenberg, Christina Morina (Sektionsleitung)

Geschichtswissenschaft als Machtkritik in transnationaler/transregionaler Perspektive

Themen: Zeitgeschichte, Geschichtsmethodik/-theorie
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 1
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Das Diskussionspanel geht der Frage nach, welche Rolle geschichtswissenschaftliche Forschungen, Narrative und Praktiken in der Analyse und Kritik von Machtverhältnissen spielen. Ausgelotet werden soll, in welcher Weise Historiografie in unterschiedlichen gesellschaftlich-kulturellen, politischen und lokal-geographischen Kontexten im 19. und 20. Jahrhundert zur Stabilisierung und Destabilisierung von Macht beigetragen hat und beiträgt. Auf Grundlage von drei thesenartigen Inputs (à 15 Minuten, ein Doppelinput) diskutieren die Beitragenden Fallstudien zu geschichtswissenschaftlichen Akteuren im weitesten Sinne – einzelne Historiker:innen, Gruppen, spezifische geschichtswissenschaftliche Felder oder zentrale Konzepte –, die machtkritisch argumentierten und agierten oder Machtkritik legitimierten und mobilisierten. 

Ziel ist es, ein breites Spektrum an analytischen und narrativen Perspektiven, Zugriffen und Methoden auszuloten, mit denen Historiker:innen auf gesellschaftliche Machtverhältnisse reagierten, sie hinterfragten, bestätigten oder zu verändern versuchten (und auch vermochten). In den Blick geraten sollen unterschiedliche (intersektionale, hierarchisch strukturierte, autoritäre, illiberale, imperiale und postkoloniale) Machtverhältnisse. Nicht zuletzt soll eruiert werden, welche Wissenschafts- und Selbstverständnisse dabei jeweils entworfen wurden und werden, und in welchem Zusammenhang Geschichtsschreibung und gesellschaftliche Transformationsprozesse stehen. 

Zwischen Machtkritik und Gewaltkritik. Revisiting Critical Historical Writing in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre
Helmut Walser Smith (Nashville)

Dieser Beitrag untersucht die Rolle der Machtkritik in der deutschen Geschichtsschreibung der 1960er und 1970er Jahre mit Fokus auf ihre Gewaltkonzepte. Während Machtkritik politisch im gesamten Spektrum analysiert werden kann, gilt dies nicht für die historische Aufarbeitung von extremer Gewalt, wie die Fischer-Kontroverse und die frühe Bielefeld-Schule zeigen. Die Arbeitsthese lautet, dass Machtkritik oft die Auseinandersetzung mit ethnischen Säuberungen, Massakern und Genozid überschattete, was im Historikerstreit der 1980er Jahre deutlich wurde. 

Caste, Class und globale Ungleichheit. Machtkritische Geschichtsschreibung in Indien
Nikolay Kamenov (St Andrews)

Der Beitrag analysiert die materialistische machtkritische Geschichtsschreibung in Indien Ende des 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt auf Class, Caste und Empire. Im Zentrum steht der Paradigmenwechsel um 1990 von der Sozialgeschichte zur postkolonialen Theorie, besonders bei den Subaltern Studies. Der Beitrag zeigt, dass bereits in den 1990er Jahren Historiker:innen vor der Gefahr einer nationalistischen Übernahme solcher Diskurse warnten.

Gesellschaftskritik oder Gesellschaftsanalyse? Sinn und Eigensinn einer kritischen Geschichtswissenschaft
Christina Morina (Bielefeld/New York), Vera Kallenberg (Bielefeld/Hannover)

Der Beitrag untersucht, vor welchem Hintergrund und mit welchen (Selbst-)Ansprüchen sich die historische Forschung seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzt. Der erste Teil (Vera Kallenberg) beleuchtet anhand der Women’s History-Pionierin Gerda Lerner den Scholar-Aktivismus in der US-Geschichtswissenschaft seit den 1960er Jahren. Lerners Geschichtsschreibung verbindet sich mit ihrem gesellschaftspolitischen Engagement und ihrem Feminismus. Als Gesellschaftskritik trug Lerners Werk zu einer integrativen und machtkritischen wie gegenwartsorientierten Geschichtswissenschaft bei. Der zweite Teil (Christina Morina) fokussiert die Herausforderungen der Zeitgeschichte im 21. Jahrhundert. Problematisiert wird eine Zeitgeschichte als „Problemgeschichte der Gegenwart“, der die Gefahr eines Verlustes an analytischer Schärfe durch zu starke Orientierung an aktuellen Problemlagen birgt. Stattdessen wird dafür plädiert, Zeitgeschichte als differenzierte Gesellschaftsanalyse zu verstehen, die historische und Selbstaufklärung verknüpft. 

Moderation
Johannes Schütz (Dresden)
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