Michael Kister, Markus Krumm, Simon Suttmann (Sektionsleitung)

Ein Sonderweg im Süden? Dynamiken der Macht im normannisch-staufischen Süditalien

Thema: Mittelalterliche Geschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 3
Download iCal

Die Sektion verhandelt, welche besonderen Dynamiken die Wahrnehmung und Ausübung von Macht im mittelalterlichen Süditalien vor dem Hintergrund herrschaftlicher Umbruchsituationen bestimmten. Zeitlicher Rahmen ist die Periode von der Ankunft der ersten Normannen im 11. Jahrhundert, über die Errichtung und Etablierung des Königreichs Sizilien durch deren Nachfahren, bis zur staufischen Eroberung dieser Herrschaftsbildung am Ende des 12. Jahrhunderts.

Seit Etablierung der modernen Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert (und wesentlich bedingt durch die vom Norden durchgesetzte italienische Einigung) wird die Andersartigkeit Süditaliens im Vergleich zu Norditalien oder gar zum Reich nördlich der Alpen thematisiert. Galt das normannisch-staufische Königreich im Süden lange Zeit als eine Art proto-absolutistische, quasi-moderne Ausnahmeerscheinung, liegt der Akzent derzeit auf den scheinbar anderen, weil offenbar sehr viel härteren Spielregeln in der Region. Die drei Vorträge loten anhand von drei Umbruchssituationen aus, ob bzw. inwiefern die Vorstellung eines Sonderwegs im Süden berechtigt ist.

Simon Suttmann untersucht Situationen der Ohnmacht im Kontext der ständigen Auseinandersetzungen unter den frühen normannischen Kriegsherren, Markus Krumm die Konflikte um die Anerkennung des neuen Königtums, und Michael Kister die Aushandlungsprozesse von Macht, die der Übergang des Königtums auf den Staufer Heinrich VI. für die einheimischen Großen mit sich brachte.

Verschiebungen im Machtgefüge wurden durch die Formen sichtbar, in denen Machtverhältnisse mittels symbolisch-ritueller Handlungen kommuniziert wurden. Indem die Referenten diese Handlungen vor dem Hintergrund ihrer situativen Rahmenbedingungen analysieren, dringen sie zu den zugrundeliegenden Dynamiken vor.

Die Sektion besteht aus drei Vorträgen. Jeder von ihnen dauert 20 Minuten, sodass im letzten Drittel der Sektion 30 Minuten für die Diskussion zur Verfügung stehen.

Dynamiken der Ohnmacht. Kommunikationsprobleme personenbezogener Herrschaft im Süditalien des 11. Jahrhunderts
Simon Suttmann (Freiburg)

Der erste Vortrag beschäftigt sich mit Situationen, in denen ein Herrscher als ohnmächtig wahrgenommen wurde; in denen es ihm also nicht gelang, die Überlegenheit seiner Machtposition gegenüber anderen zu kommunizieren. Dies konnte geschehen, wenn er für krank oder tot gehalten wurde, wenn er etwaigen Gegenspielern in die Hände fiel oder wenn er symbolische Demütigungen über sich ergehen lassen musste. In diesem Kontext gilt es danach zu fragen, welche Handlungsspielräume die tatsächliche oder vermeintliche Ohnmacht des Herrschers für andere Kriegsherren, seien es Verbündete, Untergebene oder Rivalen, eröffnete und inwiefern dies zur Entstehung bzw. zur Eskalation von Konflikten beitrug.

Demonstrative Akzeptanz. Konfliktanlässe und Konfliktdynamik im jungen Königreich Sizilien
Markus Krumm (München)

Der zweite Vortrag fokussiert auf die Situation in Süditalien um das Jahr 1130. Die damalige Gründung des Königreichs Sizilien vollzog sich vor dem Hintergrund eines mehr als zehn Jahre andauernden, in seinem Verlauf relativ unübersichtlichen Krieges. Anhaltend diskutiert wird die Frage nach den tieferliegenden Gründen und konkreten Anlässen für die kurz vor der Gründung des Königreichs beendeten, jedoch bald wieder aufbrechenden Konflikte. Die Quellenlage erschwert ihre Beantwortung: Zwei im Kontext des Konflikts entstandene Geschichtswerke liefern partei- und situationsgebundene Geschichtsbilder, in denen einzelne Akteure, Motive und Zusammenhänge hervorgehoben, andere ausgeblendet sind. Vor diesem Hintergrund thematisiert der Vortrag Dynamiken der Macht zu Beginn des Königreichs Sizilien, indem die demonstrative Anerkennung der neuen Ordnung, lokale Konkurrenz und handlungsleitende Vorstellungen der Akteure Berücksichtigung finden.

Dynamiken der Eroberung. Anpassung und Widerstand im normannisch-staufischen Königreich Sizilien
Michael Kister (Mainz)

Der dritte Vortrag konzentriert sich auf die Zeit unmittelbar nach der Herrschaftsübernahme Kaiser Heinrichs VI. im Königreich Sizilien Ende 1194. Nach vier Jahren des Eroberungskrieges zog er in Palermo ein. Ausgehend von der Prämisse, dass der Eroberungsprozess damit nicht beendet war, werden Aushandlungsprozesse von Macht und Machtlosigkeit zwischen dem neuen Herrscher, in den Süden gezogenen Reichsdienern und einheimischen Großen, die einst dem Normannen-König Tankred die Treue gehalten hatten, in den Blick genommen. Eine Fallstudie am Beispiel Richards von Acerra, des vielleicht mächtigsten Gefolgsmannes Tankreds, soll zeigen, dass die dem Phänomen ‚Eroberung‘ immanente Ergebnisoffenheit bestimmte Dynamiken der Macht erst ermöglichte.

Ihr Feedback