Dynamiken von Macht und Ohnmacht im Holocaust
Im sozialen Gefüge des Holocaust spielten Dynamiken von Macht und Ohnmacht im Verhältnis zwischen den deutschen Tätern und ihren jüdischen Opfern zweifelsohne eine besonders große Rolle. Diese Dynamiken prägten darüber hinaus aber alle sozialen Interaktionen und hatten erhebliche, oft auch existenzielle Folgen für die Menschen. In der Sektion möchten wir das Verhältnis von Macht und Ohnmacht in all ihren Abstufungen und Schattierungen anhand von drei bisher weniger beleuchteten Akteursgruppen – der deutschen Judenräte in Riga und Minsk, der polnischen Verwaltung auf lokaler Ebene sowie der Hamburger und Bremer Kaufleute im besetzten Polen – ausleuchten.
Anders als es die alte Hilberg’sche Trias der Täter, Opfer, Zuschauer nahelegt, verteilten sich Macht und Ohnmacht nicht immer eindeutig entlang dieser (ohnehin weitgehend hinfälligen) Gruppeneinteilung. Statische Begriffe werden der Vielfalt von Handlungsweisen und damit den sozialen Dynamiken des Holocaust nicht gerecht. Die internationale Holocaustforschung hat sich in den letzten Jahren immer mehr verschiedenen Akteursgruppen zugewandt und deren Interpretationen und Reaktionen analysiert. Auch die vermeintlich passiven Opfer und Zuschauer verfügten über Handlungsmacht (agency) – von den deutschen Besatzern überantwortete oder selbst ermächtigte und sie interpretierten diese Handlungsspielräume unterschiedlich. Die Gestaltung und die Grenzen dieser Handlungsmacht und damit die Dynamik von Macht, Machtmissbrauch und Ohnmacht untersuchen die drei Beiträge dieser Sektion in ihren konkreten sozialen Konstellationen.
Die Sektion besteht aus drei Vorträgen, die im Anschluss diskutiert werden. Moderiert wird die Sektion von Dr. Kim Wünschmann vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.
Markus Roth lenkt den Blick auf die Handlungsmacht der lokalen polnischen Verwaltung im Holocaust. Ein wesentlicher Faktor für ihre (relative) Macht waren ihre Kenntnisse der örtlichen Verhältnisse: Wer war Jude? Was war Eigentum der Juden? Bei diesen und weiteren Fragen waren die Besatzer auf das Wissen der polnischen Verwaltung angewiesen. Dies gab ihr ein Maß an Handlungsmacht – zu Gunsten und zu Ungunsten der jüdischen Bevölkerung vor Ort. Anhand konkreter Quellenbeispiele diskutiert Markus Roth dies und beleuchtet damit die konkrete Ausgestaltung des arbeitsteilig betriebenen Holocaust.
Felix Matheis untersucht, wie deutsche Handelsunternehmen, die von 1940 bis 1944 im Generalgouvernement tätig waren, ihre Macht gegenüber der lokalen, hier besonders der jüdischen Bevölkerung ausnutzten. Die Mehrheit dieser Firmen stammte aus Hamburg und Bremen und hatte bis 1939 in überseeischen und kolonialen Gebieten gearbeitet. Im polnischen Gebiet besaßen die Unternehmer eine Doppelrolle, die für die NS-Besatzungsherrschaft maßgeblich war: Erstens hatten sie wesentlich am System der Agrarausbeutung teil, zweitens ermöglichten sie die flächendeckende wirtschaftliche Verdrängung der jüdischen Händler. Felix Matheis zeigt, wie die Firmen am rassistischen und antisemitischen Herrschaftsprogramm partizipierten. Außerdem analysiert er, welche Rolle antisemitische und kolonialistische Selbst- und Fremdwahrnehmungen für diese Akteure spielten.
Die 1941/42 nach Riga und Minsk deportierten deutschsprachigen Jüdinnen und Juden waren dort in eigenen, von der lokalen jüdischen Bevölkerung getrennten Ghettos untergebracht und sie hatten auch eigene jüdische Verwaltungen, die das Leben der „nach Osten“ Verschleppten organisieren, ihre Lebensmittel verteilen und ihnen Arbeitsplätze zuweisen mussten. Andrea Löw widmet sich diesen nur wenig bekannten deutschen Judenräten im „Reichskommissariat Ostland“ und untersucht anhand von Erinnerungen Überlebender, wie die jüdischen Zwangsfunktionäre die ihnen verliehene Macht nutzten und wie dies von der übrigen Ghettobevölkerung wahrgenommen wurde. Konnten diese Judenräte in geringem Maß Einfluss nehmen, waren sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und kulturellen Herkunft in einer besseren Situation gegenüber den deutschen Machthabern vor Ort oder standen sie der antijüdischen Politik und letztlich den Massenmorden doch ohnmächtig gegenüber?