Birgit Aschmann, Johannes Bosch (Sektionsleitung)

Dynamiken der Selbst- und Fremdbestimmung. Die Lebensreform um 1900 zwischen Körperkult und autoritärer Kontrolle

Thema: Neuere und Neueste Geschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Schlosskirche
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Nicht erst die Querdenker-Bewegung während der Corona-Pandemie zeigte das Konfliktpotential, das im Zugriff staatlicher (Gesundheits-)Politik auf den Körper liegt. Mit ihrer plakativen Alternativkultur, ihrer Kritik an der modernen Gesellschaft und ihrer zugleich äußerst modernen Sorge um das Individuum steht die Lebensreform wie kaum eine andere Bewegung für die Widersprüchlichkeit ihrer Epoche.

Doch ob sie nun als gefühlsbetonte Gegenbewegung gegen die Aufklärung, als Korrektiv einer umweltzerstörerischen Industrialisierung oder als Vorbote einer postmodernen Kultur der Selbstverwirklichung gedeutet wird: Stets wurden in den gegenkulturellen Impulsen der Lebensreform nicht nur ein adäquates Wissen von und ein anderes Verhältnis zur Natur verhandelt, sondern auch Machtverhältnisse. In Entwürfen alternativen Zusammenlebens prägten sich autoritäre Formen der Reglementierung aus, im Arzt-Patienten-Verhältnis der modernen Medizin wurde die individuelle Handlungsfähigkeit verhandelt und in die Empfehlungen zu individuellen Ernährungspraktiken schlichen sich rassistische Vorstellungen von Biopolitik ein.

In der Sektion fragen wir nach den Machtdynamiken der Lebensreform der Jahrhundertwende. Mit Blick auf verschiedene Aspekte soll gefragt werden, aus welcher Konfliktkonstellation die Bewegung entstand, welche Akteure diese trugen und welche Effekte für die politische Kultur sie mit sich brachten. Dabei soll auch diskutiert werden, welche paradoxen Entwicklungen aus einer Bewegung entstanden, die zunächst die Gesellschaft natürlicher gestalten wollte. Ähnlich wie die Querdenker stellte die Lebensreform eine politisch vielfältige Bewegung dar, die ihrem Anspruch nach Freiheit und Selbstbestimmung propagierte, aber zugleich autoritär organisierten und völkisch ausgerichteten Gruppen eine Heimat bot.

Charisma und Gefolgschaft. Zu Attraktivität und Autorität der Kommunen des „Urvaters der Alternativbewegungen“ Karl Wilhelm Diefenbach
Birgit Aschmann (Berlin)

Unter den Lebensreformern befanden sich auch die damaligen Aussteiger. Einige fanden in alternativen Lebensgemeinschaften zusammen. Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach gründete drei Kommunen, in denen ein Lebensstil gemäß seinen Vorstellungen von natürlichem Leben eingefordert wurde. Anhand der Entwicklung dieser Kommunen lassen sich beispielhaft Dynamiken der Macht aufzeigen, die aus Befreiungsangeboten in Gefolgschaftsforderungen umschlugen. Insbesondere anhand der Beziehungen zum Künstler Fidus, der mit dem Lichtgebet von 1908 die zentrale Ikone der Lebensreform schuf, lässt sich das Spannungsfeld von Charisma und Gefolgschaft paradigmatisch ausleuchten.

Medizinisches Gegenwissen und Selbstsorge in Lebensreform-Ratgebern
Johannes Bosch (Heidelberg)

In den Theorien der Lebensreform wurde nicht nur eine andere Krankheitslehre verhandelt als in der Schulmedizin, sondern auch ein anderes Subjektverständnis: Gegen die Fremdbestimmung des Körpers durch ein medizinisches Expertenwissen propagierte die Lebensreform Selbstbestimmung und Selbstkontrolle – Ideale einer klassischen bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts, die angesichts der Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts bedroht schienen. Im Vortrag wird am Beispiel der lebensreformerischen Ratgeberliteratur gezeigt, auf welche Weise Rezipient:innen angeleitet wurden, den eigenen Körper zu gestalten und wie der Streit um die richtige Medizin zu einer Auseinandersetzung um die Grundlagen der Gesellschaft wurde.

Selbstpraktiken und politische Agitation. Dynamiken der Lebensreform und die extreme Rechte
Stefan Rindlisbacher (Fribourg)

Seit der Covid19-Pandemie haben Diätfragen, Fitnessprogramme und Alternativmedizin in rechtsextremen Kreisen an Bedeutung gewonnen. Mit diesen scheinbar unpolitischen Alltagspraktiken versucht die extreme Rechte bereits seit längerer Zeit gesellschaftliche Normen infrage zu stellen. Schon um 1900 verknüpften deutsche und Schweizer Lebensreformer wie Richard Ungewitter oder Theophil Christen ihre Impfkritik mit völkischen Degenerationsängsten, stellten vegetarische Diäten in den Dienst rassistischer Biopolitik und bauten Landkommunen als Rückzugs- und Radikalisierungsorte auf. Diese Dynamiken zwischen individuellen Selbstpraktiken und politischer Agitation werden im Vortrag analysiert.

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