Die vielen Unterschiede. Dis/ability, Bildung und Herkunft als zeitgeschichtliche Kategorien
Differenzierungen sind ansteckend. Unterscheidungen – etablierte und neue – zwischen Menschen werden kontrovers diskutiert, während der affirmative Umgang mit Differenz Gleichheitsversprechen verdrängt. Die Sektion rückt die Genese und Zeitgebundenheit von Differenzierungen und ihre Überkreuzung in den Mittelpunkt. Mit dis/ability, Bildung und Herkunft nimmt sie signifikante Konzepte der Zeitgeschichte in den Blick, um die Diagnose der vielen Unterschiede historisch zu testen.
Unterscheidungen waren wandel-, kombinier- und verschieden anwendbar. Sie dienten der gesellschaftlichen Ausgrenzung wie im Falle der Menschen mit Behinderung und der Abstufung etwa nach Bildungsabschlüssen. Sie wurden aber auch genutzt, um Emanzipationsansprüche zu artikulieren oder Zugehörigkeit zum Beispiel über Herkunft zu reklamieren. Die verschiedenen Akteure von Staaten und Unternehmen über soziale Gruppierungen bis zu Individuen sortierten andere Menschen und sich selbst und stabilisierten so als wesentlich deklarierte Kategorien oder suchten sie zu entkräften. Auch die Sozialwissenschaften und mit ihnen die Geschichtswissenschaft verstanden Differenzierung als Schlüssel, um Gesellschaften anhand der mehr oder weniger feinen Unterschiede zu analysieren.
Der Prozess- und Konstruktionscharakter von Differenzierungen durch Akteure und wissenschaftliche Beobachtung fordern die historische Analyse heraus. Die Sektion will das analytische Potential von Differenzierungstheorien und Intersektionalität durch eine konsequente Historisierung des Unterscheidens von Menschen erweitern: Sie fragt nach den Momenten einer Verflüssigung und Verfestigung von Differenzierungen, den treibenden Akteure hinter dieser Dynamik und wie sie sich zu älteren Praktiken verhält. Mit diesen Fragen soll das 20. Jahrhundert quer zu den politischen Zäsuren betrachtet werden.
Nach einer kurzen Einführung sind für die Beiträge jeweils 15 Minuten Vortrag und zehn Minuten Diskussion vorgesehen.
Die „eine“ Geschichte von Menschen mit Behinderungen hat es in der BRD nicht gegeben. Die Lebenslagen und gesellschaftlichen Vorurteile unterschieden sich deutlich zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb der als „behindert“ gelesenen Menschen. Auch variierten die Veränderungen bei der sozial- und rehabilitationspolitischen Berücksichtigung oder der Möglichkeiten zur Selbstadvokation. Einige Unterscheidungen lassen sich auf die Art und die Ursache der Behinderung zurückführen, andere erschließen sich über eine intersektionale Analyse, die Geschlecht oder soziale Herkunft einbezieht. Eine solche Betrachtung der Ungleichheitskategorie „dis/ability“ berücksichtigt neben dem Beitrag Nichtbehinderter auch jenen der behinderten Akteure bei der internen Differenzierung der Gruppe der behinderten Menschen.
Bildung wurde und wird die Fähigkeit zugesprochen, tradierte Unterschiede von Menschen nach Herkunft, Religion, Geschlecht und Klasse abzubauen und damit einer demokratischen Gesellschaft die Bahn zu ebnen. Dabei wird übersehen, dass Bildung immer wieder auch zur Stabilisierung und Legitimierung von Unterschieden zwischen Menschen diente, etwa unter Bezug auf Konzepte von Intelligenz und Begabung. Zugleich schuf die Ausweitung von Bildung neue Kategorien wie den „Hilfsschüler“ oder den „Hochbegabten“. Der Vortrag betrachtet die Bildungsreformära der 1960er und 1970er Jahre, in der sich die Debatten zuspitzten und transformierten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der neuen Figur des „Bildungsfernen“.
Herkunft ist in Debatten über Flucht und Migration, Staatsbürgerschaft oder Entschädigungen so kontrovers wie virulent. Hier setzt unser Vortrag an, um die Differenzierung nach Herkunft am Fall der „Ruhrpolen“, „Displaced Persons“ und „Opfer“ des Zweiten Weltkriegs zu analysieren. Er zeigt, wie Herkunft mit anderen Differenzkriterien wie Sprache, Religion oder körperlicher Leistungsfähigkeit verschränkt und so verfestigt, aber auch rassifiziert wurde. Die nach Eindeutigkeit strebenden Unterscheidungen büßten auch nach 1945 kaum an Bedeutung ein – zugleich wurden sie aber durch flexible Selbstzuordnungen aufgrund von Mehrfachzugehörigkeit unterlaufen.