Die Macht des Klimas im langen 19. Jahrhundert
Seit dem späten 18. Jahrhundert ist das Klima in gesellschaftliche Dynamiken von Macht und Ohnmacht eingebunden. Wetterbedingungen und Klima wurden zunehmend zu bedeutenden Resonanzräumen sozialer, wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen, worin sich ein dynamisches Verhältnis von Mensch und Natur spiegelt. Klima und Wetter müssen daher als Bedingungen und Bezugsgrößen menschlicher Handlungsspielräume in europäischen und kolonialen Kontexten gelesen werden.
Vor diesem Hintergrund verfolgt die Sektion drei übergreifende Forschungsperspektiven: (1) Sie fragt nach medialen Wahrnehmungen dieser Machtverhältnisse. Welche kollektiven Perspektiven auf Wetter und Klima wurden publiziert? Welche Rolle spielten Technologien und Gewalt? Welche Eigenlogiken der medialen Klimabeobachtungen lassen sich identifizieren? (2) In Abgrenzung zum medialen Diskurs fragt die Sektion nach dem körperlich-sinnlichen Erfahren von Klima. Dies eröffnet neue Perspektiven auf die für das 19. Jahrhundert kaum beleuchtete Klima(wandel)wahrnehmung individueller Akteur:innen. (3) Die Sektion diskutiert entsprechend den individuellen Fragestellungen Potenziale und Wert digitalisierter Bestände (ANNO, digiPress) für einen mediengeschichtlichen Blick auf die Klimageschichte.
Vorgesehen sind drei 20-minütige Vorträge und eine 30-minütige Diskussion: Falko Schnicke untersucht die ambivalente Wahrnehmung des Klimawandels anhand von Berichten in österreichischen Regionalzeitungen, die in ihrer zentraleuropäischen Lokalisierung zwischen Ohnmacht und Handlungsmöglichkeiten schwankten. Karolin Wetjen analysiert die Erfahrungen kolonialer Siedler:innen in Ostafrika und deren Umgang mit den physischen und psychischen Herausforderungen des tropischen Klimas. Regina Thumser-Wöhs widmet sich den Einflüssen von Klima und Wetter auf die Kriegsführung Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg. Dabei stehen sowohl die sensuelle Wahrnehmung von Wetterereignissen als auch deren Einfluss auf Kriegserinnerungen im Fokus.
Bereits vor der Entstehung der Klimatologie im späten 19. Jahrhundert war der Klimawandel Thema öffentlicher Debatten, insbesondere in regionalen Zeitungen. Diese Medien waren unschlüssig, ob der Klimawandel eine Gefahr oder eine Chance darstellte. Einig war man sich in der Sicht auf die Natur als übermächtige, unkontrollierbare Kraft, der die Menschheit ausgeliefert sei. Ab den 1870er Jahren änderte sich diese Wahrnehmung: Es wurden kühne Pläne wie die Flutung der Sahara zur Abkühlung Südeuropas diskutiert. In den Zeitungsberichten lassen sich sowohl technikskeptische Bedenken als auch geopolitische Überlegungen zur Verschiebung des europäischen Mächtegleichgewichts nachweisen. Der Vortrag beleuchtet diese Spannungsfelder, um Macht und Ohnmacht in/durch Naturbilder/n zu analysieren.
Der Vortrag analysiert Siedlerzeitschriften aus Ostafrika während der deutschen Kolonialzeit und beleuchtet die Beziehung zwischen Klima, Körper und kolonialer Praxis. Im Fokus stehen die Herausforderungen des tropischen Klimas sowie die technologischen und kulturellen Strategien, um diese Bedingungen zu meistern. Im Sinne einer vorgeschlagenen Körpergeschichte vom Klima werden Mensch-Natur-Verhältnisse, deren Machtdynamiken und materielle Dimensionen der Siedlergesellschaft in den Blick genommen. Das Klima stellte nicht nur eine psychische und physische, sondern auch eine soziale Herausforderung dar, die zur Formierung kolonialer Identitäten beitrug.
Klima und Wetter erwiesen sich im Ersten Weltkrieg als ‚mächtige‘, oft unberechenbare Faktoren der Kriegsführung. Sie wurden zum ‚unsichtbaren Feind‘. Dieser Beitrag analysiert auf Basis von Ego-Dokumenten, Polizeiberichten und Zeitungsartikeln die erfahrungs- und sinnesgeschichtliche Wahrnehmung von Klima und Wetter sowohl an der Front als auch an der Heimatfront. Er fragt zudem nach der Rolle von Umweltfaktoren bei der Formung von Kriegserinnerungen: Regen, Schlamm, Kälte und extreme Hitze stellten eine massive physische sowie psychische Belastung dar. Klima und Wetter prägten somit nicht nur die strategischen Machtverhältnisse, sondern auch die sinnliche Wahrnehmung und die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg.