Rainer Hering, Gerald Maier (Sektionsleitung)

Die Macht der Archive

Themen: Neuere und Neueste Geschichte, Zeitgeschichte, Digitale Geschichtswissenschaft
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 3
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Wem gehört die Geschichte? Unverzichtbare Quellen für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit befinden sich in Archiven. Daher kommt dem Zugang zu Archiven eine besondere Bedeutung für die Erforschung der Vergangenheit und dem Verständnis der Gegenwart zu. Wer die Nutzung der Archive kontrolliert, regelt also nicht nur den Zugriff auf die Quellen, sondern übt erheblichen Einfluss auf die Geschichtsschreibung und -deutung aus. Gehört den Eigentümern der Archive also die Geschichte? 

Am Beispiel des Landesarchivs Schleswig-Holstein, der Überlieferung der Stasi und den Archivquellen zu sogenannten Heim- und Verschickungskindern in Baden-Württemberg wird diesen Fragen vom Kaiserreich bis in das 21. Jahrhundert aus rechtlicher, politischer und archivischer Seite nachgegangen. Deutlich wird, wie wichtig für die historische Forschung der Blick auf das Entstehen der archivischen Überlieferung und deren Zugänglichkeit ist. Archive müssen immer im Kontext ihrer Zeit gesehen werden, ihre Rahmenbedingungen und Handlungsmöglichkeiten sind immer von politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen abhängig. Die Situation der Archive ist für das Vorhandensein der Quellen und somit indirekt für die Ergebnisse historischer Forschung prägend. 

Deutlich wird: Archivierung ist ein fundamentaler demokratischer Vorgang, der dem Staat, der Kommune, gerade den Bürgerinnen und Bürgern Erinnerung verschafft und deren fundierte Erinnerung überhaupt erst ermöglicht. Gerade im Zeitalter von Fake News sind valide, rechtssichere Informationen für einen demokratischen Staat und dessen Machtsicherung von herausragender Bedeutung.

Die Macht der Archive. Das Beispiel Schleswig-Holstein
Rainer Hering (Schleswig)

Am Beispiel des Landesarchivs Schleswig-Holstein wird der Zugang zu Archivalien vom Kaiserreich bis zur Gegenwart analysiert. Gab es in der Monarchie restriktivere Zugangsbeschränkungen für Ausländer, so waren noch in der Bundesrepublik bestimmte Bestände für alle unzugänglich, bis 1992 z. B. die Entnazifizierungsakten, die nicht einmal für die juristische Aufarbeitung der NS-Zeit zur Verfügung gestellt wurden. Erst mit dem Landesarchivgesetz von 1992 gibt es für alle einheitliche Zugangsregelungen, wodurch Forschungen erleichtert wurden. Mehr noch: Im digitalen Zeitalter zeichnet sich die Linie ab, die Archivnutzung unabhängig vom konkreten Archivort zu ermöglichen, d. h. durch Onlineangebote: Die Entnazifizierungsakten werden jetzt sogar für die Online-Nutzung digitalisiert. 

Das Archiv als Machtfaktor. Das Stasi-Archiv im Herrschaftssystem der SED-Diktatur
Michael Hollmann (Berlin)

Die Stasi war ein wesentliches Instrument zur sozialen Disziplinierung und Formierung der DDR-Gesellschaft. Es war gerade die numinose Latenz des Stasi-Archivs, die seine Wirkung als Machtinstrument enorm verstärkte. Damit sich dieser Wissensspeicher nicht als Machtfaktor verselbständigen konnte, musste die Informationsspeicherung und -aufbereitung bei der Stasi einen Mittelweg wählen zwischen strukturierter Wissensorganisation, effektiver Informationsaufbereitung und eng kontrolliertem Zugang auch und gerade für die Mitarbeiter des MfS. Damit wurde verhindert, dass nicht mehr Stasi-Mitarbeiter einen wirklichen Überblick über das enorme in den Akten und Karteien gespeicherte Wissen erlangen konnten als unbedingt nötig. 

Heimkindheiten in Baden-Württemberg. Machtübertragung an die Betroffenen durch Akten-Überlieferung
Sina Fritsche (Stuttgart)

In den Nachkriegsjahrzehnten wirkten in Kinderkur- und Kindererholungsheime Dynamiken der Macht auf viele Kinder und Jugendliche. Diese litten oftmals unter der Machtausübung des Betreuungspersonals auf sie, unter Kontroll- und Individualitätsverlust und einem Gefühl des Ausgeliefertseins, das einige lebenslang geprägt hat. Durch Archive, deren Bereitstellung der Akten und auch durch die Befähigung der Betroffenen zu eigenen Recherchen kann die Macht über das eigene Leben und die eigene Vergangenheit (wieder) auf die Betroffenen übertragen werden. 

Zusammenfassung
Gerald Maier (Stuttgart)
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