Deportation, Peuplierung, Menschenhandel. Dynamiken erzwungener Mobilität in der Frühen Neuzeit
Die räumliche Mobilität von Menschen und Menschengruppen erlangte in der Frühen Neuzeit nach einhelliger Meinung eine neue Qualität – und mit ihr die obrigkeitlichen Versuche, diese Mobilität zu steuern. Während sich die Forschung bisher vor allem staatlichen Formen der Migrationskontrolle sowie institutionalisierten ‚Deportationssystemen‘ zugewandt hat, fragt das geplante Panel nach den Dynamiken und Aushandlungsprozessen frühneuzeitlicher Zwangsmobilität. Denn häufig waren die Möglichkeiten frühneuzeitlicher Obrigkeiten, Zwang auszuüben, sehr begrenzt. Nicht selten wurde die Zwangsausübung anderen Instanzen übertragen, zum Teil ging sie gänzlich von profitorientierten Akteuren wie Handelskompanien oder Sklavenhändlern aus. Zwangsmobilität war somit in der Frühen Neuzeit häufig nur wenig institutionalisiert und wurde vielmehr meist situativ zwischen verschiedenen Akteuren mit jeweils eigenen Interessen ausgehandelt.
Das Panel nimmt drei Beispiele erzwungener Mobilität in den Blick: den Transport von Galeerensträflingen aus dem Alten Reich ans Mittelmeer, die Verschickung von Frauen zum Aufbau kolonialer Siedlungen in Neufrankreich sowie die Verschleppung versklavter Menschen aus Indonesien, Indien und dem östlichen Afrika in die niederländische Kapkolonie. Gefragt wird dabei nicht nur nach unterschiedlichen Formen von Zwang und Gewalt im Hinblick auf die Nutzbarmachung von Arbeitskraft bzw. die obrigkeitliche Kontrolle des Körpers, sondern auch nach der administrativen Umsetzung obrigkeitlicher Machtansprüche. Wie und mit welchen Effekten wurde Zwangsmobilität legitimiert, umgesetzt oder in Frage gestellt? Welche Institutionen, Akteure und Zwischenakteure waren daran beteiligt und über welche Handlungsspielräume verfügten sie? Und welche Agency kam den betroffenen Menschen dabei zu?
Geplant sind drei Vorträge von max. 20 Minuten mit einer kurzen Einleitung durch die Referierenden (5–10 Minuten). Für die anschließende Diskussion sind 20 Minuten vorgesehen.
Auch wenn man von einer wirklichen Bevölkerungspolitik in Deutschland vor dem 17. Jahrhundert kaum sprechen kann, so gab es doch bereits schon vorher verschiedene Maßnahmen, um die Zusammensetzung der Untertanenschaft zu steuern. Neben dem klassischen Mittel des Landesverweises kam zu Beginn der 1560er Jahre erstmals eine weitere Idee auf: die Verschickung auf die Galeere. Der Vortrag fragt nach der Reichweite dieser Idee, sowohl in gesetzgeberischer als auch in praktischer Hinsicht. Auf welche Gruppen bezogen sich die Bestimmungen und wer waren die beteiligten Akteure? Welche Motive standen hinter der Einführung der Galeerenstrafe? Dienten die Gesetze in erster Linie der Abschreckung oder wurde sie tatsächlich zur Ausweisung unliebsamer Personen eingesetzt?
Anders als in den britischen Kolonien blieb die Migration in die französischen Atlantikkolonien bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein drängendes Problem. Als prekär galt insbesondere der Mangel an französischen Frauen. Zwischen 1663 und 1728 organisierte die französische Krone daher regelmäßige Konvois mit heiratsfähigen Frauen und Mädchen nach Kanada, Louisiana und auf die Antillen. Diese Programme sind ein eindrückliches Beispiel staatlicher Bevölkerungspolitik, machen bei genauem Hinsehen aber auch die Grenzen obrigkeitlicher Kontrolle sichtbar. Anhand ausgewählter Beispiele werden im Vortrag die Hintergründe der Transporte, ihre Umsetzung sowie die Handlungsspielräume der beteiligten Akteurinnen und Akteure thematisiert.
Der Vortrag widmet sich den spezifischen Machtdynamiken, die sich in Südafrika aus Kolonialismus und Sklaverei entwickelten. Die niederländische Kapkolonie an der südafrikanischen Küste wurde zunächst als Versorgungsstation für Schiffsbesatzungen auf dem Weg von Europa nach Asien gegründet. Dazu wurden unfreie Arbeitskräfte aus Asien und Ostafrika ans Kap transportiert. Damit begann ein Sklavenhandel, der die niederländische Herrschaft in Südafrika prägen sollte. Der Vortrag untersucht zum einen die Mechanismen von Zwang und Gewalt, die dem Import unfreier Arbeitskräfte zugrunde lagen. Zum anderen wird anhand eines Aufstands auf einem Sklavenschiff der Frage nachgegangen, welche Möglichkeiten des Widerstands es gab.