Daten und Macht. Politiken der Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die historische Forschung
In der Geschichtswissenschaft sind machtpolitische Dimensionen der Bewahrung von Kulturerbe spätestens seit den 1970er Jahren theoretisiert worden. Jede Phase des Archivierungsprozesses – von der Sammlung über die Erschließung bis hin zur Bereitstellung – ist von Machtdynamiken geprägt. Diese beeinflussen, welche Quellen und Inhalte bewahrt oder marginalisiert werden und wer Zugang hat, um Geschichte schreiben zu können.
Die Digitalisierung rückt diese alten Fragen um machtpolitische Aspekte der Entstehung und Erschließung von Quellen erneut in den Vordergrund und erweitert sie um zusätzliche Dimensionen und Dringlichkeit. Digitalisierung ist kein neutraler Prozess, sondern eine machtpolitische Inwertsetzung von Kulturgut. Daten – als digitale Repräsentationen von Retrodigitalisierungen, als Born Digitals und Erschließungsdaten – sind nicht einfach gegeben, sondern konstruiert und Ergebnisse sozio-materieller Anordnungen. Entscheidungen zur Auswahl von Quellen, ihrer Anreicherung mit Metadaten und Gestaltung digitaler Infrastrukturen knüpfen an wissensontologische Traditionen an, erweitern diese und können quelleninhärente Verzerrungen verstärken. Denn die Massendigitalisierung bietet zwar einen stark erweiterten Zugang zu Quellen, doch sind bisher nur etwa 4% der europäischen Archivbestände digitalisiert, vor allem zur nationalen politischen Geschichte. Historiker:innen greifen jedoch zunehmend auf digital verfügbare Quellen zurück, was die Themenwahl beeinflusst und bestimmt, welche Narrative dominieren. Der Zugang zu digitalen Ressourcen ist zudem weltweit ungleich: Teile bleiben hinter Bezahlschranken oder sind, in kolonialer Tradition, für betroffene Gesellschaften und Communities nicht zugänglich, was die epistemische Ungleichheit zwischen Globalem Norden und Süden verstärkt.
Die Sektion beginnt mit einer kurzen Einführung und drei Impulsvorträgen (je 10 Minuten). Nach einer Diskussion auf dem Podium (20 Minuten) folgt eine Diskussion mit dem Publikum (35 Minuten).
Die Sektion ist aus den Diskussionen der Expert:innenrunde zur Digitalen Transformation der Geschichtswissenschaften der Task Area Data Culture in NFDI4Memory hervorgegangen, der neben Mareike König, Till Grallert, Gerald Hartung, Torsten Hiltmann, Tobias Hodel, Sarah Lang, Ursula Lehmkuhl, Jascha Schmitz und Silke Schwandt angehören.
Wo verortet sich die Jüdische Geschichte? Ist sie Religions- oder Kulturgeschichte, Teil der deutschen oder europäischen Geschichte? Diese und andere Fragen stellen sich nicht nur für die historische Forschung, sondern auch für die Erschließung relevanter Medien und Daten. Gängige Erschließungswerkzeuge enthalten teils problematische Konzepte, die historische Hegemonien fortschreiben, z. B. durch ihre Zentrierung auf Deutschland/Europa bzw. das Christentum. Forschungsgebiete wie die Jüdische Geschichte fordern einen kritischen Blick auf diese impliziten Machtstrukturen und formulieren ganz eigene Anforderungen an (Meta-)Daten.
Im Sinne von data as capta (Drucker) haben Forschungsdaten ebenso wie historische Quellen eine Erschließungs- und Entstehungsgeschichte, die kritisch aufgearbeitet werden muss. Dies zeigt sich z. B. im Gender-Data-Gap, also der mangelnden Repräsentation von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen in Datenerhebungen. Data Feminism kann als nützliches theoretisches Werkzeug dienen, um diese Diskrepanzen und Lücken in Datenbeständen einzuordnen. Unter Einbezug von feministischen Theorien wie der matrix of domination (Collins) oder situiertem Wissen (Haraway) hinterfragt Data Feminism, welche Machtstrukturen Datensammlungen zugrunde liegen und wie diese mit digitalen Methoden herausgefordert und verändert werden können.
Der Begriff der Dekolonisierung steht für eine grundlegende Emanzipation der Gesellschaften des Globalen Südens von westlich geprägten Wissensformationen. Das betrifft fundamental auch die Frage, wie welche Materialien und Daten aus kolonialen Kontexten digital zur Verfügung gestellt werden, etwa mit Blick auf Erschließungssysteme und Terminologien. Konzepte wie die CARE Principles for Indigenous Data Governance fordern dazu auf, in gemeinsamer Auseinandersetzung mit bestehenden Konventionen, Macht- und Ordnungsverhältnissen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit solchen Daten zu kommen.