Marie Müller-Zetzsche, Yves Müller, Dominik Rigoll (Sektionsleitung)

Antinazismus, Demokratie und radikale Rechte in der frühen Bundesrepublik

Thema: Zeitgeschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 7
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Viel ist seit der Gründung der Bundesrepublik darüber geschrieben worden, wie man einen „Nazi“ erkennt und wie ehemalige Funktionsträger des „Dritten Reiches“ das Land prägten. Das Bild von den Nazigegnerinnen und -gegnern blieb demgegenüber merkwürdig unbestimmt. Was ist ein „Antinazi“ überhaupt? Was unterscheidet Antinazismus von dem ungleich besser erforschten Antifaschismus? Welche Spuren hinterließen Gegner und Gegnerinnen des Nationalsozialismus in der Bonner Demokratie? Diese Sektion fragt erstmals nach dem Ort des Antinazismus im demokratischen Wiederaufbau und in der frühen Bundesrepublik, auch mit Blick auf die besondere Beziehung zur DDR. 

Das Konzept des Antinazismus hat seine Wurzeln in der Weimarer Republik. 1930 publizierte der republikanische Journalist Walter Gyßling mit „Der Anti-Nazi“ eine Argumentationshilfe gegen die NSDAP. Im Zweiten Weltkrieg erarbeiteten deutsche Emigranten für den US-Geheimdienst Kriterien für die Identifizierung von „Nazigegnern“ und „Nicht-Nazis“, die für den demokratischen Wiederaufbau rekrutiert werden sollten. Anders als beim Antifaschismus, der meist kommunistisch oder sozialistisch geprägt war, ging mit dem Antinazismus eine demokratische Verortung einher, die liberal, sozialistisch, sozialdemokratisch oder konservativ ausgeprägt sein konnte. 

In der Sektion wird diskutiert, welche Rolle das Handeln von Antinazis für den Aufbau der Demokratie und die Auseinandersetzung mit rechtsradikalen Strömungen in der Nachkriegszeit spielte. Welche Handlungsspielräume hatten Antinazis, wie lenkten sie mediale Aufmerksamkeit, wo scheiterten sie? Mit Blick auf Langzeitwirkungen des Antinazismus gilt es zu fragen: Wo haben sich Praktiken verstetigt, inwiefern prägten die frühen Antinazis jüngere Generationen? Die zeithistorische Forschung hat zeigen können, wie ehemalige Nazis als Bremser von Liberalisierungsprozessen auftraten. Umgekehrt stellt sich die Frage, inwiefern gerade die Antinazis zu Pionieren einer demokratischen Kultur der Bonner Republik avancierten. Daher möchten wir den Antinazismus als politisches Konzept und zeithistorisches Analyseinstrument für das Feld der Demokratiegeschichte vorschlagen. 

Antinazismus von rechts. Die Nationalkonservativen auf der „White List“ des US-Geheimdienstes und ihre Rolle beim demokratischen Wiederaufbau
Dominik Rigoll (Potsdam)

Ende 1944 erstellten deutsch-jüdische Emigranten im Office for Strategic Services (OSS) eine „White List of persons in Germany believed to be anti-nazi or non nazi“, die von allen Besatzungsmächten genutzt wurde und rund 1.500 Personen aufführte, darunter 76 Frauen. Auf der Liste befanden sich viele bekannte Namen wie Adenauer, Heuß, Bonhoeffer und Pieck, aber auch unbekannte – darunter viele, die Jüdinnen und Juden geholfen hatten. Der Beitrag skizziert zunächst, was der OSS unter „Antinazi“ und „Nicht-Nazi“ verstand und gibt einen quantitativen Einblick in den sozialen und politischen Hintergrund der Personen auf der Liste. Danach richtet er den Fokus auf die am weitesten rechts stehenden Gelisteten, zu denen Robert Lehr und Ernst Jünger zählen, und fragt nach ihrer Rolle beim demokratischen Wiederaufbau. 

Der Grünwalder Kreis. Bekämpfung extrem rechter Publizistik, Anti-Antikommunismus und Geschichtspolitik
Marie Müller-Zetzsche (Potsdam)

1956 gründete sich der Grünwalder Kreis, aus dem der langlebigere Club republikanischer Publizisten hervorging. Das Netzwerk setzte sich für die Aufklärung über (neo-)nazistische Aktivitäten ein und bereitete Prozesse vor. Rechtsradikale Publizist:innen reagierten mit einer Gegengründung: der Gesellschaft für freie Publizistik. Die „Grünwalder“ kritisierten den „Verdachtsantikommunismus“ der Regierung Adenauer und die ausschließlich gegenwartsbezogenen Gründungsmythen der Bundesrepublik. Die Verantwortung der 45er-Generation für NS-Verbrechen wurde eher negiert. Daher ist der Grünwalder Kreis auch als eine Vor-Geschichte von 1968 und als Teilprojekt einer „intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“ zu diskutieren. 

„Verdacht der Agententätigkeit“. Der Publizist Kurt Hirsch und die Sozialdemokratie im Kalten Krieg
Yves Müller (Halle a.d.S.)

Der österreichische Holocaustüberlebende Kurt Hirsch war einer der aufmerksamsten Beobachter des nach 1945 wiederaufkeimenden Nationalismus in Westdeutschland. Mit seinen Artikeln für gewerkschaftliche und sozialdemokratische Zeitungen und seiner publizistischen Tätigkeit wies er früh auf die Gefahr einer „Restauration“ hin, gründete 1968 schließlich die antinazistische „Demokratische Aktion“. Zugleich geriet er im Kalten Krieg immer wieder ins Visier der Geheimdienste. Während die Staatssicherheit ihn anzuwerben versuchte, hegten die westlichen Sicherheitsbehörden den „Verdacht der Agententätigkeit“ gegen Hirsch. Die Sozialdemokratie changierte zwischen Zusammenarbeit mit dem Antinazi und Misstrauen gegenüber dem ehemaligen Kommunisten. 

Moderation
Christina Morina (Bielefeld/New York)
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