Karolin Wetjen Regina Thumser-Wöhs (Sektionsleitung)

Sinnliche „Fakten“? Die Fragilität von Umweltwissen in der Moderne

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Abstract

Neuere Ansätze der Sensory Studies betonen die Bedeutung der Sinne und Emotionen für die Produktion von Wissen. Dies scheint insbesondere für die Frage nach Umweltwissen relevant. Wir fragen deshalb nach dem Einfluss sinnlicher Wahrnehmung auf die Produktion oder Infragestellung von Wissen am Beispiel von Klima- und Umweltdebatten im 19. und 20. Jahrhundert, einem Zeitraum des vermeintlichen Ausschlusses der Sinne als Zugang zu Wissen und einer zunehmenden Rationalisierung.

Ziel der Sektion ist es, weitergehende Fragen zum Verhältnis von sinnlicher Erfassung der Umwelt und dem Umgang mit Faktizität aufzuwerfen: Wie wurde Wissen über Umwelt und Klima mittels sinnlicher Wahrnehmung in der Moderne bestätigt oder infrage gestellt? Welche Rolle spielten hierbei Emotionen?

Die Beiträge beleuchten Verflechtungen von Wissen, sinnlicher Wahrnehmung und Emotionen am Beispiel von Klima, Nachhaltigkeit und Naturschutz im 19. und 20. Jahrhundert. In den Blick genommen werden dabei unterschiedliche Quellen, die von wissenschaftlichen Untersuchungen über Medienberichte bis hin zu Egodokumenten und Literatur reichen. Insgesamt plädieren wir mit einem sinnesspezifischen Fokus auf Umweltwissen so für eine Verbindung von Sensory Studies, Wissensgeschichte und Umweltgeschichte.

Hubertus Büschel (Kassel)
Moderation
Maria Heidegger (Innsbruck)
Verweht und verwirrt. Der Föhn und die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts

Die Phänomene Wind und Wahnsinn waren über Jahrhunderte durch Nichtvoraussagbarkeit charakterisiert. Der Föhn kündigte sich den aufmerksamen Sinnen jedoch durch Wärme, Farben, Gerüche oder tierisches Verhalten an und erzeugte besondere ‚Stimmungen‘. Unter dem Eindruck der Romantik fokussierten medizinisch-neurologische Schriften auf Gemütsverfassungen und die Stimulanz des Nervensystems. Ausgehend von psychiatrischen Texten befasst sich der Beitrag mit dem synästhetischen Phänomen des Föhns, er fragt nach dem fragilen Wissen um Luft und Luftdruck in der Medizin und den zeitgenössischen Debatten über Wirkungszusammenhänge von Föhnereignissen auf die reizbaren Nerven ‚wetterfühliger‘ Menschen.

Richard Hölzl (Göttingen)
Der Klang der Axt. Emotion und Moralisierung von ‚Nachhaltigkeit‘ im 19. Jahrhundert

Die Axt repräsentierte in der Belletristik (etwa bei von Droste-Hülshoff, von Ebner-Eschenbach, von Scheffel oder von Bassewitz) geordnete, nachhaltige Forstwirtschaft wie auch Zerstörung durch eine demoralisierte Bevölkerung. Die ambivalente, irritierende soundscape wird auch in nicht-literarischen Quellen des 19. Jahrhunderts manifest. Mein Beitrag möchte die Spuren aufnehmen, die literarische Texte legen. Ich frage, wie Sinneswahrnehmung, Emotion (etwa Empörung oder Furcht) und Moralität von Naturnutzung verbunden waren. Der Blick auf die Klangwelt legt verborgene Narrative und die moralischen Kodierungen von ‚Nachhaltigkeit‘ in wissenschaftlichen Quellen des 19. Jahrhunderts frei.

Wilko Graf von Hardenberg (Berlin)
Natur hören. Zur Rolle des Auditiven in der Entwicklung von Naturschutzdiskursen, 1850–1950

Die Entstehung einer modernen Umweltsensibilität wird oft fast exklusiv in Zusammenhang mit (post-)romantischen Landschaftsdarstellungen gesetzt. Die Entwicklung des frühen Naturschutzes erscheint deshalb als visuelle Geschichte. Dies ist eine eingeschränkte Perspektive. In meinem Beitrag bringe ich deshalb die emotionale und affektive Rolle von Klanglandschaften im Entwicklungsprozess des Naturschutzes hervor. Im Detail widme ich mich der Analyse der Tourismus- und Naturschutzpresse; sie diente als diskursiver Raum, in dem Beschreibungen von Naturgeräuschen zuerst bestimmten Formen von Umweltwissen Gestalt verliehen, die dann als Gründe für die Notwendigkeit des Schutzes angeführt wurden.

Karolin Wetjen (Göttingen)
Temperatur fühlen. Die Fragilität von Klimawissen im 20. Jahrhundert

Moderne Klimadefinitionen bestimmen Klima als das ‚mittlere Wetter‘ und basieren auf exakten Messungen und mathematischen Berechnungen. In Klimadiskursen blieben dennoch sinnliche Wahrnehmungen wie die gefühlte Temperatur oder die Erwartungen von Kälte und Hitze bestimmende Faktoren. Die angestrebte Sinnesgeschichte vom Klima geht von diesem Spannungsverhältnis aus und zeigt anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen und Wetterbeschreibungen, wie sinnliche Erfahrungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Fragilität bzw. Stabilität von Klima(-wandel)wissen beitrugen.

Regina Thumser-Wöhs (Linz)
Unsichtbares Gepäck. Sinnes- und Umweltwissen im Exil, 1933–1950

Im Exil musste Sinneswissen neu erlernt werden. Gründe dafür lagen in der oft fremden Sprache, ungewohnten Sounds oder nicht vertrautem Geruchs- und Geschmackswissens. Geschärft wurden neue Erkenntnisse durch die Konfrontation mit anderen Mentalitäten (etwa Zeitwahrnehmung, Zahlungsmoral) und dem Umgang mit Nähe und Distanz. Im Zentrum steht die Frage nach der Vorbereitung auf und den Umgang mit klimatischen Eigenheiten in den Aufnahmeländern und deren sinnlicher Erfassung, vorrangig in Israel, Afrika sowie in Nord- und Südamerika. Anhand von Zeitungsberichten, Egodokumenten und literarischen Texten wird von neugewonnenem auf bekanntes Sinneswissen von Exilant*innen referenziert.

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