Zeitgeschichte und Wissenschaftsgeschichte am Beispiel deutsch-israelischer Wissenschaftsbeziehungen von den 1950er bis in die 1980er Jahre

(Jürgen Kocka, Berlin)

Jürgen Kocka, Berlin:
Einleitung, Schlussdiskussion

Ute Deichmann, Köln:
Der Beginn deutsch-israelischer Zusammenarbeit in den Naturwissenschaften – Motive, Erfolge, moralische Kosten und Hintergedanken

Jürgen Renn/Thomas Steinhauser, Berlin:
Wendepunkte der deutsch-israelischen Kooperation in den Naturwissenschaften

Gabriel Motzkin/Yfaat Weiss, Jerusalem:
Wissensexport als Außenpolitik: zur Rolle der Geisteswissenschaften in den deutsch-israelischen Beziehungen

Jenny Hestermann, Frankfurt am Main:
Fördern auf Augenhöhe? Die Rolle der Stiftungen in der deutsch-israelischen geisteswissenschaftlichen Kooperation

 

Abstract:

Allgemeine Zeitgeschichte und Wissenschaftsgeschichte enger zu verzahnen ist ein wichtiges Desiderat der Forschung. Dazu soll die Sektion beitragen. Wie wirkten Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft bei den belasteten Neuanfängen in den Beziehungen zwischen der BRD und Israel seit den1950er Jahren zusammen? Üblicherweise wird angenommen, dass die Naturwissenschaften dabei die Rolle eines „Eisbrechers“ spielten, dessen sich die Politik bediente. Trifft diese Sichtweise zu? Was bedeutete die politisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit für die Weichenstellungen, die Form und vielleicht auch die Inhalte der wissenschaftlichen Arbeit, zunächst in den Natur- und Technik-, bald auch in den Geisteswissenschaften? Wie beeinflussten sich die Entwicklungen in den Natur- und den Geisteswissenschaften gegenseitig? Wie abhängig war, wie unabhängig blieb Wissenschaft? Welche Rolle spielten die Öffentlichkeiten und nicht-staatliche Organisationen wie Stiftungen und die Max Planck- Gesellschaft?

Derzeit sind Forschungen zu dieser Thematik im Gange: in Jerusalem (Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrum, Van Leer Institut), in Beer-Sheva (Ben Gurion Universität), in Frankfurt (Fritz Bauer-Institut) und in Berlin (im Zusammenhang eines Forschungsprogramms zur Geschichte der MPG am MPI für Wissenschaftsgeschichte). Die Sektion soll Zwischenergebnisse darstellen, miteinander in Beziehung setzen und das Thema der kritischen Diskussion öffnen.

Im ersten Beitrag (Deichmann) wird der Beginn der deutsch-israelischen Kooperationen in den Naturwissenschaften genauer untersucht. Welche Motive und Absichten standen hinter den frühen naturwissenschaftlichen Beziehungen? Die von wenigen Wissenschaftlern initiierte Kooperation, die bald politische Unterstützung fand, führte innerhalb weniger Jahre zu einer groß angelegten Zusammenarbeit. Diese basierte z.T. auf stilisierten und unzutreffenden Vorstellungen über die angebliche Distanz deutscher Wissenschaftler und von Institutionen wie der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft gegenüber dem Nationalsozialismus. Die naturwissenschaftliche Zusammenarbeit entwickelte sich von einer vor allem politisch und materiell motivierten in eine inhaltlich fundierte und kooperative Forschung mit hohem wissenschaftlichen Standard.

Im zweiten Beitrag (Renn/Steinhauser) werden verschiedene Phasen der bilateralen naturwissenschaftlichen Projekte vom Ende der 1950er bis in die 1980er Jahre identifiziert. Aus institutionell und fachlich sehr begrenzten Anfängen entwickelte sich schrittweise ein stabiles, vielfältiges Kooperationsnetzwerk. Wie wirkten politische und wissenschaftliche Faktoren zusammen? Blieb das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik stabil oder gab es Veränderungen? Welche Rolle spielten dabei das Wissen über die Ereignisse von Gestern und der Glaube an die Möglichkeiten von Morgen?

Im Vergleich zu den Naturwissenschaften setzte die bilaterale Kooperation in den Geisteswissenschaften später ein. Im Zuge der Ausarbeitung von Richtlinien für Beziehungen mit Deutschland in den Sektoren Bildung und Kultur war es noch in den frühen 1960er Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen in der israelischen Knesset und zur Verabschiedung von Bestimmungen gekommen, die eine Zusammenarbeit mit Deutschland auf diesem Gebiet nur in sehr beschränktem Maße zuließen. Wie konnte trotzdem spätestens zu Anfang der 1970er Jahre auch eine erhebliche deutsch-israelische Forschungskooperation in den Geisteswissenschaften zustande kommen, vor allem in den Fächern Germanistik und Geschichte? Welches waren die treibenden Kräfte und die maßgeblichen Akteure, welches die Hindernisse und Einschränkungen – mit welchem Ergebnis und mit welchen Auswirkungen, nicht nur, aber auch für die Wissenschaften und Wissenschaftler? Damit befassen sich der dritte und vierte Beitrag.

Der dritte Beitrag (Motzkin/Weiss) richtet sein Interesse auf die deutsch-israelischen Kulturbeziehungen, auf Strategien der deutschen und der israelischen Wissenschaftspolitik sowie auf Reaktionen in der öffentlichen Meinung besonders Israels. Dazu werden die Situationen an der Hebräischen Universität in Jerusalem und der Universität Haifa als konkrete Beispiele kurz skizziert, wo deutsche intellektuelle Traditionen stark waren. Es wird untersucht, aus welchen Gründen die Wirkung der Kooperation mit der deutschen Geschichtswissenschaft in Israel bedeutender war als die mit der Germanistik. In welchem Verhältnis standen israelischen Erwartungen und deutsche auswärtige Kulturpolitik? Hat diese die Kulturlandschaft Israels beeinflusst und wenn ja, wie?

Der vierte Beitrag (Hestermann) beschäftigt sich mit den Bedingungen und Förderungspolitiken der staatlichen wie privaten deutschen Stiftungen, die am Aufbau der geisteswissenschaftlichen Kooperation mit Israel seit den späten 1960er Jahren beteiligt waren. Er geht der Frage nach, wie die von deutscher Seite gewährte Finanzierung von Forschungen in Germanistik und Geschichtswissenschaft die Entstehung wissenschaftlicher Netzwerke zwischen Israel und Deutschland beeinflusste. Welche Erwartungen und Motive standen am Anfang der Förderungspolitik und von wem wurde diese maßgeblich geleitet? Wie wandelte sich beispielsweise die politische Agenda der Minerva-Stiftung im Lauf der Jahrzehnte? Welches waren die institutionellen Hintergründe, Interessen und Erwartungen des früheren BMFT (später BMBF), des Außenministeriums, der DFG sowie des DAAD?

Ziel der Sektion ist es, eine kritische Bestandsaufnahme der Geschichte der deutsch- israelischen Wissenschaftsbeziehungen vorzunehmen, mit Schwerpunkt auf der Zeit bis in die 1970er Jahre aber perspektivisch darüber hinaus. Es geht um Wissenschaftsgeschichte als Zeitgeschichte.