(Thorsten Logge, Hamburg, Christoph Hilgert, München)
Cord Arendes, Heidelberg: Einführung, Moderation
Thorsten Logge, Hamburg:
Geschichte im Bild: Körperliche Aneig nung von Geschichte im »Battle of Gettysburg«-Panorama in den 1880er Jahren
Christoph Hilgert, München:
Der Reiz der gefühlten Wahrheit. Geschichte(n) erzählen in den Massen medien
Claudia Nickel, Göttingen: Geschichte(n) im Text: Zur Konstruktion von Authentizität in Narrativen zu den französischen Religionskriegen
Angela Siebold, Heidelberg:
Kommentar
Abstract (scroll down for English version):
Repräsentationen von Geschichte im öffentlichen Raum sind zentraler Gegenstand der Public History. Für eine forschungsorientierte Annäherung an diese Repräsentationen schlagen die Sektionsbeiträge Performativität, Medialität und Authentizität als ertragreiche Analysekategorien vor. Geschichte wird immer erzählt. In Geschichte(n) finden Ereignisse und Strukturen ihre narrative Fassung. Ereignisse werden über ihre Erzählung erst greifbar und als solche – in verschiedenen medialen Formen und Modi – verbreitet. Performativität, Medialität und Authentizität sind dabei drei wesentliche Aspekte sowohl für die Produktion als auch für die Rezeption von Geschichte(n). Sie zeigen zugleich, dass ein interdisziplinärer Ansatz nötig ist, um diese Thematik produktiv zu bearbeiten.
Public History beschäftigt sich in Deutschland bislang im Wesentlichen mit projektorientierten Lehrangeboten. In theoretischen Fragen rekurriert sie weitgehend auf die anglo-amerikanische Public-History-Forschung oder vergleichbare Traditionen der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik, die mit einigem Recht für sich reklamiert, Public History bereits seit Jahrzehnten zu betreiben. Versteht man Public History als Oberbegriff für anwendungsbezogene Formen öffentlicher Geschichtsdarstellung sowie zugleich auch als deren geschichtswissenschaftliche (Begleit-)Forschung, gelingt es den vorliegenden Ansätzen bisher nicht, alle theoretischen und methodischen Herausforderungen des Feldes zu erfassen und zu systematisieren. Ein geschichtswissenschaftlich orientiertes Public-History-Forschungsprogramm steht weiter aus. Die drei Fallbeispiele der Sektion sind in verschiedenen räumlichen wie zeitlichen Kontexten situiert und nutzen zunächst einen disziplinären Zugriff, um die jeweilige Begriffe zu schärfen. Anschließend wird im Sinne der Interdisziplinarität eine Zusammenführung angestrebt, um zu verdeutlichen, wie Prozesse der Narration von Geschichte funktionieren.
Thorsten Logge, Hamburg:
Geschichte im Bild. Zur körperlichen Aneignung von Geschichte im „Battle of Gettysburg“-Panorama in den 1880er Jahren
Der Vortrag behandelt Panoramen (oder Cycloramen) als populäres Massenmedium des späten 19. Jahrhunderts. Am Beispiel des Gettysburg-Panoramas werden Zugänge zur Performativität von Geschichtsbildproduktionen und die emotional-sinnlichen Dimensionen der Auseinandersetzung mit Geschichte im öffentlichen Raum diskutiert. Die Hypothese, dass Bedeutung erst im Moment des Äußerns oder Aufführens generiert wird, wird dabei verbunden mit einem Verständnis von Geschichtsbewusstsein als spezifische Bedeutungsproduktion, die Vergangenes ausgehend von gegenwärtigen Fragestellungen erzählt. Diese jeweilige Gegenwart der Geschichte lässt sich über die Panoramen zur „Schlacht von Gettysburg“, die seit den 1880er Jahren bis heute öffentlich zugänglich sind, historisieren. Auf diese Weise wird ein Zugriff auf die unterschiedlichen, kontextabhängigen, erzählenden Aneignungen des US-amerikanischen Bürgerkriegs in einem populären, massenmedialen Unterhaltungsformat ermöglicht, das schon in seiner Produktion in großem Maße Wert legte auf eine möglichst realistische, „authentische“ Darstellung der Schlacht von Gettysburg.
Christoph Hilgert, München:
Der Reiz der gefühlten Wahrheit. Geschichte(n) erzählen in den Massenmedien
Der Vortrag betrachtet Massenmedien als bedeutsame Mittler, aber auch eigensinnige Akteure der öffentlichen Aushandlung historischen Wissens. Für sie ist Geschichte vor allem für die Gegenwarts¬deutung sowie als Unterhaltungsangebot von Interesse. Basis ihrer Geschichtsrepräsentationen ist die Reduktion historischer Komplexität mittels zielgruppenspezifischer Narrativierung. Dies geschieht durch die bedarfsgerechte Informationsreduktion und -anreicherung sowie durch die Verwendung emotionalisierender Erzählmodi. Die journalistische Erzählung verknüpft und inszeniert dabei ausge¬wählte materielle und immaterielle „Objekte“ der Geschichte zu einem schlüssigen und sinnstiften-den Deutungszusammenhang. Den einzelnen Bestandteilen dieser Geschichtserzählung kommt dabei der Charakter von „Authentizitätsankern“ zu, welche die historische Wahrheit des Erzählten ver¬bürgen sollen. Der Vortrag untersucht das Arrangement und die Funktion dieser Elemente unter an¬derem am Beispiel der Geschichtserzählungen im crossmedialen Angebot „Die Geschichte des Süd¬westens“ (SWR 2015). Der Beitrag will damit Wege zu einer sach-, fach- und mediengerechten Be¬wertung massenmedialer Geschichtsdarstellungen als Bestandteil der Public History aufzeigen.
Claudia Nickel, Göttingen:
Geschichte(n) im Text: Zur Konstruktion von Authentizität in Narrativen zu den französischen Religionskriegen
In dem Beitrag werden Produkte erzählender Geschichtsdeutung vor der Herausbildung wissenschaftlicher Historiografie untersucht. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage nach der authentischen Darstellung und Vermittlung der Ereignisse am Beispiel von Narrativen zu den französischen Religionskriegen (1562–1598).
Literarische und künstlerische Werke, die historische Ereignisse thematisieren, werden von ihren Rezipienten häufig als authentisch eingeschätzt, wenn sie das Dargestellte für diese auf eine glaubwürdige und wahrhaftige Weise darbieten. Ebenso bemühen sich die Autoren um Authentizität, um den Eindruck der Künstlichkeit ihres Produktes zu minimieren und die Echtheit des Erzählten zu betonen. Authentizität ist demnach Form und Effekt der Produktion sowie der Rezeption einer medialen und künstlerischen Vermittlung beziehungsweise Kommunikation.
An ausgewählten Texten über die französischen Religionskriege, u. a. von Pierre de Ronsard und Théodore Agrippa d’Aubigné, wird untersucht, wie ästhetische Mittel, die sich als „Authentizitätsanker“ bezeichnen lassen, eingesetzt werden, um diese Wirkung zu erreichen und das Erzählte glaubhaft zu machen.
Abstracts (English version):
Representations of history in public spheres are core objects of study in the field of public history. To foster a more research-oriented public history approach, the contributors suggest performativity, mediality and authenticity as fruitful categories of analysis to tackle these representations. History is always narrated. In histories, past events and textures are put in a narrative shape. By this, events become tangible and are distributed in various medial forms and modes. Therefore, performativity, mediality and authenticity are crucial aspects for the production as well as reception of histories. They also indicate the necessity of an interdisciplinary approach for public history research.
In Germany, public history is still largely involved with project-oriented academic programs. When it comes to theory, the evolving field resorts to Anglo-American public history research or comparable traditions of the German didactics of history. Considering public history as both an umbrella term for diverse practical uses and primary and secondary research of the past in public, existing approaches have not yet mastered all the theoretical and methodological challenges of the field: a public history research program anchored in historical studies themselves is still missing. The case studies in this section are situated in different spatial and temporal contexts, and begin by using a disciplinary perspective to define and employ hypotheses and definitions. Following this, the concepts are merged in an interdisciplinary manner to illustrate the process of narrating the past.
Thorsten Logge, Hamburg:
History in the Picture: On the Physical Adoption of History in the „Battle of Gettysburg“ Cyclorama in the 1880s
The paper addresses cycloramas as a popular mass medium in the late 19th century. It develops approaches to the performative emergence of concepts of history and the emotional and sensual dimensions of public uses of the past on the example of the “Battle of Gettysburg” cyclorama. Thereby the hypothesis that meaning is produced in the very moment of its expression and performance will be brought together with an understanding of historical consciousness as a specific production of meaning that narrates the past from current needs and issues. This particular presence of the past can be historicized by using the example of the Gettysburg cycloramas. Having been publicly accessible from the 1880s to today, these cycloramas give access to diverse, context-sensitive, and always narrated uses of Civil War history in a popular mass medium, that was put into practice as an outmost realistic and “authentic” depiction of the Battle of Gettysburg.
Christoph Hilgert, München:
The Allure of the Perceived Truth. Representations of History in Mass Media
The paper examines mass media not only as important transmitters, but also as conscious, deliberate, and intentional co-creators of public historical knowledge. First and foremost mass media are interested in history to explain and to interpret the shape of the present age and as a rich reservoir of entertaining anecdotes. The base for such representations of history is the reduction of its complexity by narrativization. This is usually done by choosing an emotional narration as well as by reducing the amount of details while adding explanatory information, which is considered to be useful for the respective audience. The journalistic story, hence, combines selected material and immaterial “objects” of history, creating a conclusive and comprehensive interpretation of the past. The narrative elements, therefore, serve as “anchors of authenticity”, which are supposed to prove the accuracy and the historical truth of the respective story. The arrangement of such elements will be investigated by referring, for instance, to representations of history in 2015’s cross-media offering „Die Geschichte des Südwestens“ (“The history of the Southwest”) by public service broadcaster SWR. Doing this, appropriate ways of evaluating mass media representations of history as part of public history will be discussed.
Claudia Nickel, Göttingen:
(Hi)stories in Texts: On the Construction of Authenticity in Narratives about the French Wars of Religion
The paper examines products of historical interpretation before the formal emergence of historiography. Its main focus will be the authentic representation and mediation of historical events exemplified by narratives about the French Wars of Religion (1562-1598). Consumers of literary texts and art works that depict historical events as a central theme often consider them to be authentic if the subject is represented in a ‘truthful’ way. Authors also strive for authenticity in order to minimize the impression that their work is artificial and to underline the truthfulness of the content. Authenticity is therefore both form and result of the production and reception of a specific mediative and communicative process. Reading texts about the French Wars of Religion, for example by Pierre de Ronsard or Théodore Agrippa d’Aubigné, this paper analyzes how aesthetic features are used to achieve this effect and to make the narrated content credible.



