Wahrheit schaffen – Wahrheit verwalten. Praktiken der Herstellung von Glaubwürdigkeit in der Frühen Neuzeit / Making Truth—Administrating Truth. Establishing Credibility in Early Modern History

(Andreea Badea, Rom)

Steven Vanden Broecke, Gent:
How (not) to be a Catholic Copernican after 1616: Evidence from the Low Countries
Andreea Badea, Rom:
Wahrheitsanspruch und Wissensautorität oder wer darf eine Geschichte der Kirche schreiben?
Marco Cavarzere, München:
Die plurale Wahrheit der frühneu- zeitlichen Rechtsverwaltung: Kasuistik und juristische Normen
Bruno Boute, Münster:
A Bureaucracy of Truth? Confessional Orthodoxy and Bureaucratic Truth in the 17th Century

Abstracts (scroll down for English version):

Die Sektion nimmt sich der Praktiken der Wissensbildung zwischen Konfrontation, Dissimulation und Anpassung im 17. Jahrhundert an und fragt nach den Formen der Wahrheitsgenerierung an Beispielen aus der Astronomie, Theologie, Jurisprudenz und Geschichtsschreibung. Wie konnten Überzeugungen und Erkenntnisse derart validiert werden, dass sie für wahr gehalten wurden und wie standen sie in Relation zu der vertretenen theologischen Wahrheit? Die Beiträge verfolgen die Herstellung von Glaubwürdigkeit innerhalb und in Abgrenzung von Religion im katholischen Kontext.

Steven Vanden Broecke, Gent:
Katholische Kopernikaner nach 1616? Die Niederlande als frühneuzeitliches Laboratorium
Auf das 17. Jahrhundert bezogen, behauptete Michel de Certeau, Wahrheit sei weniger das, was eine bestimmte Gruppe verteidige, als dasjenige, das sie benutzt, um sich selbst zu schützen. Im Falle der katholischen Haltung gegenüber dem Kopernikanismus findet diese These durchaus Bestätigung unter Historiker/innen.
Wie es scheint, war die antikopernikanische Polemik seit dem Dekret Pauls V. vom 5. März 1616 durchaus von den interkonfessionellen Debatten und von den Unterstützungsversuchen des Monopolisierungsanspruchs bezüglich der Bibelexegese durch Polemik motiviert worden. Doch belegen neue Forschungen zum Löwener Theologen Libertus Fromonduns (1587–1653), dass das katholische Verständnis von der Kopernikanischen Herausforderung komplexer war und dass De Certaus Forderung durchaus Interpretationsraum zulässt. Diesen wird der Vortrag mit einer Untersuchung des vielschichtigen Hintergrunds katholischer Stellungnahme zum Kopernikanismus in den Niederlanden neu abstecken.

Andreea Badea, Rom:
Wahrheitsanspruch und Wissensautorität oder wer darf eine Geschichte der Kirche schreiben?
Das Festhalten an der doppelten Wahrheit blieb auch im Jahrhundert der Kritik ein zentrales Charakteristikum römisch katholischer Geschichtsschreibung. Auf die historiographischen Selbstvergewisserungsarbeit von lutherischer Seite antwortete man aus Rom zwar unter Berücksichtigung neuer Methoden, doch stets der Ahistorizität verbunden. Eine vollkommene Identifizierung mit den papstnah geschaffenen Werken vermied man allerdings an der Kurie: Die Päpste vergaben keine offiziellen Geschichtsaufträge und enthielten sich so auch einer offiziellen Auslegung von Geschichte. Der Vortrag wird auf die Ambiguität zwischen dem römischen Anspruch auf universale Kontrolle und dem Verzicht auf historiographische Positionierung eingehen.

Marco Cavarzere, München:
Die plurale Wahrheit der frühneuzeitlichen Rechtsverwaltung: Kasuistik und juristische Normen
In der Frühen Neuzeit hatten Gesetzessammlungen eher den Charakter von Ausnahmensammlungen. Weder betrachteten Juristen „Normen“ als festgelegte Klassifikationen menschlichen Verhaltens, noch sahen sie das Recht als typisches Merkmal der Herrschaft. Im Gegenteil; Recht wurde als der Natur immanent wahrgenommen, weshalb auch die Beziehung zwischen Herrschaft und Recht eher als Einzelfallregulierung verstanden wurde. Dieses stark auf den Einzelfall fokussierte Denken war jedoch kein Spezifikum der Jurisprudenz, sondern weitläufig präsent im Bewusstsein der Zeitgenossen. Untersuchungen zur theologischen Kasuistik belegen solche Feststellungen auf eindrückliche Art und Weise. Besonders als sowohl die Staaten als auch die Kirchen ihr Monopol auf andere Formen politischer Beziehungen auszudehnen trachteten, wurde die Normierung des Einzelfalls immer dringender. Folgerichtig überschwemmte eine Flut an theologischen und juristischen practicae den Buchmarkt im Laufe der Frühen Neuzeit und brachte den Ruf nach Regulierung auf. Nur am Ende dieses so begonnenen Weges stand die sich im späten 18. Jahrhundert herausbildenden Vorstellung von der Ausnahme als Synonym des Anormalen. Der Vortrag will anhand von Quellen zeigen, wie Kasuistik ein wichtiges Element wurde, um die sowohl theologische als auch juristische Wahrheit zu verwalten.

Bruno Boute, Erlangen:
Eine Bürokratie der Wahrheit? Konfessionelle Orthodoxie und die bürokratische Wahrheit an der Universität Löwen im 17. Jahrhundert
Die plurale Welt des frühneuzeitlichen Katholizismus erschwerte es den Universitäten deutlich, ihren Anspruch auf Deutungshoheit in Fragen der Doktrin aufrecht zu erhalten.
Die Verteidigung dieses Anspruchs führte dazu, dass die Universität Löwen zu einer der am besten dokumentierten Institutionen im römischen Inquisitionsarchiv geworden ist.
Die Kardinäle des heiligen Offiziums und ihre Theologen erwogen wiederholt, die vom Heiligen Stuhl an die Akademiker gewährten Privilegien zurückzunehmen. Sie bedienten sich ähnlicher Strategien durchaus auch gegenüber Paris, dem anderen Unruheherd in theologischen Fragen.
Ein solches Vorgehen kann durchaus unterschiedlich gelesen werden, ob als Zwang bzw. Erpressung oder als Rechtsaushöhlung, es sind aber auch andere Lesarten möglich: Der Vortrag geht der Verwirkung von Wahrheit und Bürokratie nach, in den Kreisen der Bürokraten des Glaubens in Rom im gleichen Maße wie im gelehrten Mikrokosmos im Norden, das sich durch die Verwaltung seiner akademischen Privilegien stets reproduzieren konnte.

Abstracts (English version):

This Session wishes to explore different forms of Truth-making in the 17th Century amidst confessional confrontation, strategies of dissimulation, and tactics of adaptation. Feeding into examples drawn from the history of Astronomy, Theology, Law and Historiography itself, it focusses on the central problem of credibility: how could convictions and insights be verified, to the extent that they were considered „true“, i.e. real facts? And how did these different forms of knowledge relate to theological Truth? The contributions to this session seek to adress this problem both within and in confrontation with religious change in early modern Catholicism.

Steven Vanden Broecke, Gent:
How (not) to be a Catholic Copernican after 1616: Evidence from the Low Countries
In a classic essay on the relation between truth and social practices in the 17th century, Michel de Certeau claimed that in this period, “truth appears less as what the group defends and more as what it uses to defend itself” (De Certeau, The Writing of History, p. 127). This claim would certainly appear to hold true for 17th-century Catholic positions on Copernicanism. Beginning with the anti-Copernican Roman decree of 5 March 1616, such positions are usually held to have been determined by confessional polemics and the interests of maintaining a monopoly on Scriptural exegesis. However, recent research on Louvain theologians like Libertus Fromondus (1587–1653) suggests that their understanding of the Copernican challenge was far more complex, and that De Certeau’s claim –while not incorrect- requires careful interpretation and elaboration. This paper seeks to do this by presenting the case of Fromondus against a broader background of Catholic attitudes to Copernicanism in the Low Countries of this period“.

Andreea Badea, Rom:
The Claim to Truth and the Authority of Knowledge or Who is Allowed to Write a History of the Church?
Even in the time in which scholars questioned every written word, the Roman Catholic historiography still devoted itself to the double truth. In fact Roman historiographers answered the Protestant practices of self-assertion by adopting certain savant methods, while, however, still staying closely connected with an ahistorical view provided by their theological work. The Curia even refrained from identifying itself with the history books written by its own dignitaries. The Early Modern popes never authorized historical descriptions and abstained from making official statements on history. This paper aims to explain why an institution which seemed to govern every aspect of social, political and religious life never directed its own history.

Marco Cavarzere, München:
Plural Truth in Early Modern Jurisdiction: Casuistics and Juridical Norms
In early modern times, collections of laws usually took the shape of codes of exceptions. In fact, jurists did not intend “norms” as pre-determined classifications of the whole human behavior and did not consider law an attribute of sovereignty; on the contrary, law was seen as consubstantial to the natural reality. The connection between Herrschaft and law could thus be represented only by case-by-case norms.
Such “thinking by case” was not peculiar to jurisprudence, as theological “casuistry” clearly shows throughout the early modern period. At this time, the issue of mapping norms out of single cases became considerably urgent, since States and Churches sought then to impose their monopoly on other forms of political relationships. Consequently, a flood of theological and jurisprudential practicae invaded the book market, giving relief to the call for regulation. Only in the late eighteenth century, exception gradually became a synonym for abnormal.
This paper aims to understand the common elements between moral and political casuistries by analyzing some sources.

Bruno Boute, Erlangen:
A Bureaucracy of Truth? Confessional Orthodoxy and Bureaucratic Truth at the University of Louvain, 17th Century
In the immensely plural worlds of early modern Catholicism, universities faced considerable difficulties upholding their claims to a binding Magisterium or collective authority in doctrinal affairs. It is in similar circumstances that the University of Louvain ended op as one of the best documented institutions of Christianity in the Archives of the Inquisition in Rome. Interestingly, the Cardinals of the Holy Office and their theologians recurrently pondered revoking academic privileges granted by the Holy See in order to nudge stubborn Divines into compliance with papal decrees, a strategy that was also considered with respect to that other trouble spot, Paris. This might be considered just one another unsavory example of Might crushing Right, of strategies of coercion and blackmail that are difficult to reconcile with modern understandings of sound science management. Another approach is possible however. This paper will explore how such episodes can offer an excellent vantage point to explore the tangled nature of Truth and bureaucracy: among the Bureaucrats of the Faith in Rome as much as in learned microcosm in Flanders that lived by the bureaucratic practice of academic privilege.