Von »guten Nachbarn« und »deutschen Wegen«. Rollenbilder und Machtdiskurse im außenpolitischen Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland 1969–2005/ »Good Neighbours« and »German Ways«: Role Conceptions and Concepts of Power in German Foreign Policy Discourses, 1969–2005

(Jessica Gienow-Hecht, Berlin, Friedrich Kießling, Eichstätt-Ingolstadt)

Friedrich Kießling, Eichstätt-Ingolstadt:
Einleitung: Von der »Haltung der Zurückhaltung« zur »Gegenmacht«? Außenpolitische Rollenbilder in der Bundesrepublik von Brandt bis Schröder

Frank Trommler, Philadelphia:
Kulturmacht im historischen Diskurs. Die Bundesrepublik in der wechselnden Außensicht

Bernhard Rieger, London:
Volkswagen als bundesdeutscher Sympathieträger und Konfliktherd. Deutsche und mexikanische Perspektiven auf den deutschen Exporterfolg

Bettina Fettich-Biernath, Erlangen-Nürnberg:
Präsenz ohne Einfluss? Das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland als Friedens- und Entwicklungsmacht in der Zweiten UN-Entwicklungsdekade

Jessica Gienow-Hecht, Berlin:
Kommentar: Deutsche Rollenbilder im Vergleich. Der Blick von außen

Abstracts (scroll down for English version):

Frank Trommler, Pennyslvania:
Kulturmacht im historischen Diskurs. Die Bundesrepublik in der wechselnden Außensicht
Für die Analyse des außenpolitischen Selbstverständnisses der Bundesrepublik zwischen 1969 und 2005 ist der Einbezug des Faktors Kultur deshalb von Bedeutung, weil er hilft, zwei für die Innen- wie die Außensicht bedeutsame Wandlungen genauer zu fassen:
1) Die wachsende Akzeptanz der Schuldverantwortung für die NS-Vergangenheit als Basis einer neuen demokratischen Gesellschaft, zugleich als Basis eines gewandelten Begriffs von Kulturmacht, der sich von den Assoziationen mit dem nationalistischen Kulturimperialismus befreit hat.
2) Die aktive Außenwirkung der BRD als Faktor internationaler Kultur, etwas, wofür die politische Einbindung in den Westen vor 1970 nur den Satellitenstatus bereithielt, den Ausländer mit dem Bild der kulturellen tabula rasa nach dem NS verbanden. Mit dem Einklinken in die internationalen Wandlungen von Kulturbegriff und -praxis nach 1970, die der Kultur eine aktive Rolle gegen die politische Erstarrung des Kalten Krieges verschafften (KSZE-Akte), gelang eine neue Form kultureller Außenwirkung, die bei der Wiedervereinigung den alten nationalen Rollenbildern entgegenarbeitete.
Diese Hilfestellung von Kultur(politik) für die nicht nur diplomatisch-politische Anerkennung der Bundesrepublik in der Welt geschah allerdings nicht ohne Widerstände im AA. Zwar übte man dort das traditionelle Flaggezeigen nach 1949 mit Zurückhaltung, konzipierte aber auswärtige Kulturpolitik in der Folge der NS-Außenpolitik keineswegs neu. Diese Aufarbeitung, nach Brandts Kniefall 1970 zunächst stark von den Mittlerorganisationen praktiziert, erforderte den Abschied von Machtbehauptung zugunsten des Schuldeingeständnisses, blieb jedoch durch die ständige Demonstration der Machtposition gegenüber der DDR-Außenkulturpolitik bis 1990 im Bereich traditionellen Machtdenkens.
Erst als man im Ausland Deutschland nicht mehr im Narrativ von zwei Deutschländern fasste, fand auch das AA den vollen Zugang zu einem international (und stark europäisch) basierten Denken in kultureller Ausstrahlung, die ihre Dynamik aus der transkulturellen Vernetzung im globalen Kommunikationssystem gewinnt. Kulturelle Macht wird darin als Soft Power gemessen und im Wettbewerb wahrgenommen.

Bernhard Rieger, London:
Volkswagen als bundesdeutscher Sympathieträger und Konfliktherd. Deutsche und mexikanische Perspektiven auf den deutschen Exporterfolg
Dieser Vortrag analysiert Volkswagen als ein deutsches Paradeunternehmen, dessen Erfolge international sowohl Sympathien als auch Konflikte erzeugten und ein Schlaglicht auf die Stellung der Bundesrepublik in der Welt werfen. Die Nachkriegsgeschichte des Konzerns ermöglicht die Untersuchung von Rollenbildern und Machtdiskursen, um sich der vielschichtigen internationalen Präsenz der Bundesrepublik als Exportnation mit begrenzten machtpolitischen Ambitionen anzunähern.
Nach 1945 stieg VW rasch zu einem global operierenden Unternehmen auf, das als Symbol für die Bundesrepublik starkes internationales und heimisches Interesse auf sich zog. In den USA sicherte sich der Konzern in den Fünfzigern und Sechzigern außerordentliche, bis in die Gegenwart nachwirkende Sympathien, die auf dem Ruf des Käfers als niedlichem und ehrlichem Qualitätsprodukt beruhten. Dieser wirtschaftliche Erfolg besaß politische und kulturelle Bedeutung, da Volkswagen und sein Starprodukt in amerikanischen Augen die Transformation Westdeutschlands in ein westliches Gemeinwesen und somit in einen verlässlichen Bündnispartner versinnbildlichte. In Westdeutschland wurden amerikanische Sympathien für den Käfer ihrerseits als Indikator angesehen, dass die Bundesrepublik als friedfertige und machtferne Exportnation internationale Akzeptanz gewann. Spannungen prägten hingegen die Präsenz Volkswagens in Mexiko. Zwar fungierte der VW-Käfer auch hier aufgrund seiner Erschwinglichkeit und Zuverlässigkeit als Sympathieträger, doch betrachtete die mexikanische Öffentlichkeit das Unternehmen selbst mit Ambivalenz. In den Neunziger Jahren nahm Volkswagens Ruf als generöser Arbeitgeber Schaden, als das Management im Rahmen eines Arbeitskampfes die gesamte mexikanische Belegschaft entließ, um einen verschlechterten Tarifvertrag durchzusetzen. Mochte das machtbewusste Auftreten der Firma in Mexiko auch hohe Wellen schlagen, thematisierte die deutsche Presse derartige Episoden eher selten und trug so mit dazu bei, dass sich das Selbstverständnis der Bundesrepublik als Exportnation mit begrenzten Machtambitionen trotz zunehmender globaler Geltung verstetigte.

Bettina Fettich-Biernath, Nürnberg:
Präsenz ohne Einfluss? Das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland als Friedens- und Entwicklungs- macht in der Zweiten UN-Entwicklungsdekade
Bescheiden, gutmütig und unpolitisch, suggerierte das Foto. Zur Freude des Botschafters der Bundesrepublik in Tansania machte die Szene „Schlagzeilen“: Erhard Eppler, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, schwang sich während seines Besuchs im März 1970 auf eines der 100 mitgebrachten Fahrräder. Im Gegensatz zum Außenminister der DDR, der wenig später anreiste, verzichtete der Bonner Minister auf „protokollarischen Pomp“ und die Zurschaustellung von Symbolen staatlicher Souveränität. In den Augen des bundesrepublikanischen Botschafters lag darin ein klarer Punktgewinn für Bonn.
Von einer Friedens- und Entwicklungsmacht zu sprechen, mag als Widerspruch in sich anmuten. Zugleich ist mit dieser Formulierung die Kernfrage angeschnitten, den Begriff der Macht zu historisieren und sich mit der Genese unseres heutigen Verständnisses auseinanderzusetzen. Die staatliche Entwicklungspolitik kann in besonderem Maße als Schlüssel zum Selbstverständnis der Bundesrepublik in den internationalen Beziehungen dienen, da ihr Verhältnis zur Außenpolitik kontinuierlich reflektiert wurde; per definitionem sollte Entwicklungs- von Außenpolitik abgekoppelt und von nationalstaatlichen Interessen befreit werden.
Die erste sozial-liberale Koalition forcierte den Gedanken, Entwicklungs- und Friedenspolitik als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen. Welche Erwartungen wurden daran geknüpft, welche Bedeutung den Herausforderungen wie einer Neuen Weltwirtschaftsordnung oder dem internationalen Terrorismus zugeschrieben, die heute für eine Erweiterung des Sicherheitsbegriffs in den 1970er Jahren stehen? Wie spielten Rüstungsexport und die Unterstützung ausländischer Polizeieinheiten auch durch die Bundeswehr in das Image der Bundesrepublik hinein? Der Vortrag argumentiert, dass Aushandlungsprozesse um Nichteinmischung in innere Angelegenheiten und ein Dilemma internationaler Verantwortlichkeit entscheidend für das Bild der Bundesrepublik als Friedens- und Entwicklungsmacht waren.

Abstracts (English version):

Frank Trommler, Pennyslvania:
Kulturmacht im historischen Diskurs. Die Bundesrepublik in der wechselnden Außensicht
Culture has been a particularly relevant factor in two developments that have shaped the understanding of West German foreign policy at home and abroad between 1969 and 2005:
1) The acceptance of guilt and responsibility for the Nazi past as the basis of a new democratic society as well as the basis for the transformation of the concept of cultural power that has been freed from the associations with nationalistic cultural imperialism.
2) The outreach of the Federal Republic as a player on the international cultural scene, something that before 1970 was thwarted by the assumption of its satellite status in the American orbit and the image of a tabula rasa after the Nazi destruction of culture. By joining in the transformations of the concept and practice of culture/ cultural policy after 1970 which provided culture an active role against the political petrification of the Cold War (Helsinki Accords), the Federal Republic succeeded in gaining a new form of cultural profile that impeded the recurrence of old national stereotypes when the German unification occurred.
Yet the supporting role of culture/cultural policies for the international recognition of the Federal Republic that went beyond the mere political and diplomatic acceptance met with much resistance in the Foreign Ministry after its re-founding in 1949. While toning down the cultural flag waving the ministry spurned the rethinking of cultural diplomacy with regard to its abuse under National Socialism. After Brandt’s kneeling down at the Warsaw Ghetto memorial in 1970 such re-conceptualization, initially more in the hands of cultural organizations, meant dropping claims of cultural power in favor of confessions of national guilt. This exercise, however, remained incomplete due to the assertions of power against the claims of East German cultural diplomacy on the world stage.
Once the German narrative in other countries ceased to be the narrative of two Germanys, the Foreign Ministry engaged fully in the internationally (and strongly European) based thinking of a cultural outreach that gains its dynamic from working within the transcultural networks of global communication. Within these networks, cultural power is being pursued competitively as Soft Power.

Bernhard Rieger, London:
Volkswagen as a Source of Admiration and Conflict: International Perspectives on German Export Success
This paper analyzes Volkswagen as an exemplary German enterprise whose success generated both admiration and conflict and thus casts light on the Federal Republic’s global position. The company’s history grants opportunities to examine role models and power discourses that help identify the layers that have composed the Federal Republic’s international presence as an export nation with limited power political ambitions.
After 1945, VW quickly became a global enterprise, whose international operations attracted international and domestic attention. During the Fifties and Sixties, the company gained a lasting and exceptionally positive reputation in the USA due to admiration for the Beetle as a cute and honest quality product. This economic success possessed political and cultural significance, since the American public regarded VW and its star product as indicators of West Germany’s transformation into a Western country and hence trustworthy Cold-War ally. Back home in West Germany, American admiration was read as a marker of the Federal Republic’s gradual acceptance as a peaceful export nation with limited ambitions to political power. VW’s presence in Mexico, meanwhile, was characterized more strongly by tensions. While the Beetle functioned as a source of admiration due to its affordability and its quality, the Mexican public regarded the company itself ambivalently. In the Nineties, VW lost much of its previous reputation as a generous employer when the management fired all line workers during a strike to impose a less advantageous labour contract. Since the German press barely covered heavy-handed conduct of this kind, VW’s Mexican presence also provides insights into the mechanism that allowed the Federal Republic to retain an identity as an export nation with limited power ambitions despite its steadily expanding global presence.

Bettina Fettich-Biernath, Nürnberg:
Spreading Peace and Development: Self-Perceptions of the Federal Republic of Germany during the Second United Nations Development Decade
He was modest, open-minded and apolitical, according to a photography showing Erhard Eppler, Minister for Economic Cooperation of the Federal Republic of Germany (FRG), in a curious situation: In that picture, the Minister was riding one of the 100 bicycles that he had brought along to Tanzania on the occasion of his visit to the country in March 1970. The FRG’s ambassador delightedly reported that the incident had hit the headlines. In contrast to the Foreign Minister of the German Democratic Republic, who arrived shortly afterwards, Erhard Eppler had renounced any “pomp due to protocol” or showing off symbols of state sovereignty.
To characterise a state as a peace and development power might appear as a contradiction in terms. This first impression highlights the necessity of historicizing the concept of power. In terms of Germany’s role models in international relations, the analysis of the FRG’s Official Development Aid allows particular insights into the country’s self-perceptions, as discourse was continuously focusing on how development and foreign politics intertwined. By definition, development politics were considered detached from any foreign politics assumptions and thereby freed from the donor country’s national interests.
Which outcomes did the first social-liberal coalition in Bonn aim at by emphasising a link between development and peace politics? The presentation will ask how claims for a New International Economic Order or acts of international terrorism were perceived – challenges that nowadays stand for the emergence of an expanded concept of security since the 1970s. In this regard, did the export of armaments and the support in favour of foreign police units, e.g. by the Federal Armed Forces, fit into the picture? The presentation will explain that debates on international responsibilities and non-interference in internal affairs prove to have been crucial to create the FRG’s image.