(Tim Müller, Hamburg, Hedwig Richter, Greifswald)
Tim Müller, Hedwig Richter:
Das Sprechen über die Demokratie und die narrativen Strukturen des Sonderwegs
Margaret Anderson, Berkeley:
Demokratie auf schwierigem Pflaster. Wie das deutsche Kaiserreich demokratisch wurde
Adam Tooze, New York:
Global Democracy: Provincializing the Sonderweg
Jeppe Nevers, Odense:
Differences and Similarities: Danish Democratization in a North-Western European Perspective
Abstracts (scroll down for English version):
Die Sonderwegsthese gilt seit den 1980er Jahren als überholt. Dennoch werden bis heute ihre grundlegenden Thesen in der Geschichtsschreibung reproduziert, wenn es um die Geschichte der Demokratie geht (häufig ikonographisch unterstützt durch Karikaturen aus dem Simplicissimus oder dem Wahren Jakob). Auch in den Leitmedien finden täglich Beispiele dafür. Zwei aktuelle Tendenzen forcieren die erneuerte Kritik an Sonderwegskonzepten: Erstens lassen die globale Perspektive und die Loslösung aus der nationalen Umklammerung die „Provinzialität“ der Sonderwegsvorstellungen augenfällig werden. Dieser Zugriff macht die Uneinheitlichkeit und Widersprüchlichkeit, die Pathologien und Fragilität von Demokratie gerade auch in den Gesellschaften sichtbar, die lange Zeit pädagogisch als Vorbildnationen dargestellt wurden. Zweitens gestattet die historische Distanz zur NS-Zeit den Übergang von der politischen Kritik zur methodischen Reflexion. In dem Panel sollen in vergleichender Perspektive demokratische Entwicklungen bis 1933 untersucht werden. Dabei soll es auch um die Frage gehen, was die Sonderwegserzählung so außerordentlich attraktiv macht. Tatsächlich erweist sich die schon so oft für tot erklärte Sonderwegsthese als besonders zählebig, wenn es um die Demokratieforschung geht. Womöglich hat ihre sorgfältige empirische Widerlegung auf anderen Feldern dazu geführt, dass sie in der Forschung unisono als obsolet bezeichnet und nicht weiter thematisiert wird – und daher im Hinblick auf die Demokratiegeschichte unhinterfragt und undercover weiter gedeiht und blüht.
Margaret Lavinia Anderson, Berkeley:
Demokratie auf schwierigem Pflaster. Wie das deutsche Kaiserreich demokratisch wurde
Hatte das deutsche Kaiserreich ein „Demokratiedefizit“? Das zumindest behauptete die Propaganda der Entente 1914 und initiierte damit jene Meistererzählung, die später die Sonderwegserzählung wurde. 1933 wurde diese Erzählung von den exilierten Deutschen ausgebaut. Seit den späten 60er Jahren galt dann unter Historikern innerhalb und außerhalb der Bundesrepublik dieses Grand Narrative als Konsens. Doch wenn man als Kriterium die Volksvertretung zugrunde legt – also ein durch Wahlen begründetes nationales Parlament –, dann gehörten deutsche Institutionen und Verfahren verglichen mit denen Englands und der USA zu den demokratischsten im Westen. Wenn man einen Blick auf die Praktiken wirft, auf die intensive Wahlbeteiligung deutscher Bürger und ihren Erfolg, eben jene Parteien zu wählen, die von der Regierung abgelehnt wurde, dann offenbart sich eine wachsende und immer dynamischer werdende demokratische Kultur. Doch Argumente, die innenpolitische Entwicklungen anführen, werden nach wie vor ausgestochen von dem Hinweis auf das außenpolitische Verhalten des Kaiserreichs: seinen brutalen Imperialismus (den Völkermord an den Herero), seinen Militarismus (die Entscheidung für den Krieg im August 1914) und seinen Mangel an Humanität (durch die Kriegsführung); all das wird angeführt, um die Grenzen der deutschen demokratischen Kultur zu betonen. Doch auch hier weckt der Blick auf Deutschlands Zeitgenossen Zweifel an der „Besonderheit“ Deutschlands. Der deskriptive Ausdruck „demokratisch“ ist schwer fassbar; er kann von Historikerinnen und Historikern verengt oder erweitert werden, so dass es zu ihrem jeweiligen Argument passt. Keine Debatte über ein demokratisches Defizit irgendeines Landes könnte jemals mit eindeutigem Ergebnis geführt werden. Denn „Demokratie“ ist ein Konzept, das sich nicht mit strikt empirischer Argumentation anwenden lässt, weil das Konzept selbst – wie W. B. Gallie ausgeführt hat – hoch umstritten ist. „Demokratie“ ist ein Bündel an Ideen, die unsere Sehnsucht nach einer bessern Gesellschaft und einem bessern Selbst enthalten. So wie wir – damals und heute – dem Anspruch nicht gerecht werden, so wird sich uns immer ein „Demokratiedefizit“ anbieten, das uns eine Erklärung dafür bietet, warum etwas falsch lief. Tatsächlich lief in Deutschland nach 1932 alles falsch, aber das lag gewiss nicht an einem Demokratiedefizit des Kaiserreichs.
Jeppe Nevers, Odense:
Unterschiede und Ähnlichkeiten: dänische Demokratisierung in nordeuropäischer Perspektive
Während die deutsche Geschichtsschreibung in den letzten Jahren die Prozesse der Demokratisierung zeitlich immer weiter zurück verfolg – von der Weimarer Republik über den Ersten Weltkrieg bis hin zum Kaiserreich – schlägt die dänische Historiographie den umgekehrten Weg ein. Über Jahrzehnte hinweg hatten dänische Historiker die Transformation von einer absolutistischen Monarchie hin zu einer konstitutionellen Monarchie in den Jahren 1848/49 als die Geburtsstunde der Demokratie beschworen. Doch in den letzten Jahren haben dänische Wissenschaftler (aus unterschiedlichen Generationen) ihre Aufmerksamkeit auf die nur allmählich vollzogene Entwicklung demokratischer Institutionen gelenkt, auf die späte Akzeptanz eines Konzeptes von Demokratie überhaupt, auf die politischen Kämpfe am Ende des 19. Jahrhunderts und auf die Debatten über Parlamentarismus in der Zwischenkriegszeit. Insgesamt erscheint in dieser neuen Sichtweise das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert viel wichtiger für die Demokratisierung als die Mitte des 19. Jahrhunderts. In anderen Worten: Deutsche und dänische Demokratie-Historikerinnen und -Historiker scheinen zunehmend ähnliche historische Muster und Konflikte zu analysieren.
In diesem Sinne stellt der Vortrag die Geschichte der dänischen Demokratisierung von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vor. Zugleich versucht er, diese Entwicklungen in einen skandinavischen und westeuropäischen Kontext zu stellen. Der Vortrag will mit vergleichenden Einsichten auch zur Diskussion über historische deutsche Besonderheiten beitragen. Der Vergleich zwischen der deutschen und der dänischen Demokratie ist so faszinierend, weil sich die dänische Demokratie in einer stark von Deutschland beeinflussten Kultur entwickelt hat und es bemerkenswert viele Ähnlichkeiten zwischen den politischen Prozessen in beiden Ländern gibt. Und dennoch war der Ausgang so ganz unterschiedlich, denn in Dänemark gab es keine ernsthafte Krise der Demokratie in der Zwischenkriegszeit, und in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich dort ein Demokratiemodell, das schlicht auf dem Mehrheitsprinzip beruhte, während – anders als in Deutschland – konstitutionelle oder liberale Ideen wenig Einfluss gewannen.
Adam Tooze, New York:
Die Provinzialisierung des Sonderwegs: Globale Demokratie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
Vielleicht der größte Mangel aller Sonderwegsnarrative ist ihre fehlende globale Perspektive. Bereits im späten 19. Jahrhundert baute sich eine globale Demokratisierungswelle auf. Diese ungleichen, aber gleichzeitigen Entwicklungen sind als »Demokratisierungsepisoden« bezeichnet worden. Die Demokratie wurde zur globalen Erwartung. Das gilt auch für traditionell als demokratisch geltende Gesellschaften, die jedoch erst in dieser Epoche entscheidende Demokratisierungsschübe erlebten. Dem Begriff Demokratie haftete um 1914 noch die Schärfe des Oppositionellen an. Demokratie war keine etablierte Sache; Demokratie war der Schlachtruf derjenigen auf der ganzen Welt, die diese Demokratie schaffen wollten. Die politische Kultur des frühen 21. Jahrhunderts mutet wie ein blasser, schmuckloser, bürokratisierter und kommerzialisierter Schatten jenes vielfältigen und lebenssprühenden demokratischen Ökosystems am Anfang des 20. Jahrhunderts an, das nicht nur viel reichhaltiger, sondern auch viel weniger auf den Westen zentriert war. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schienen die geographische Ausrichtung der Demokratie und das politische Bewegungszentrum noch völlig offen zu sein. Der Erste Weltkrieg spitzte die demokratische Frage zu – auch auf der Seite der Sieger. Er intensivierte nicht nur die Forderung nach Demokratisierung in den beteiligten Staaten, sondern weiteten diese auch auf andere Regionen aus. Wenn Frankreich, Großbritannien und die USA die deutsche Autokratie verurteilten, konnten sie in ihren eigenen Herrschaftsbereichen nicht mehr so einfach zu Mitteln der Repression greifen.
Abstracts (English version):
Since the 1980s the thesis of the German Sonderweg is considered outmoded. Nevertheless, still today its basic theses are reproduced by historiography when it is about the history of democracy (often iconographically supported by political cartoons from Simplcissimus or Der Wahre Jacob). Also the leading media provide examples of this on a daily basis. Two current trends push the renewed criticism of Sonderweg concepts: Firstly, a global perspective as well as liberating oneself from the grip of the national make obvious how provincial any Sonderweg ideas are. This approach makes the incongruity and contradictions, the pathology and fragility of democracy visible, indeed also in those societies which for a long time have been pedagogically presented as models. Secondly, the historical distance to the NS period allows for the transition from political criticism to methodical reflection. The panel is supposed to analyse democratic developments until 1933 from a comparative perspective. Among others, also the question shall be discussed of what makes the narration of Sonderweg so attractive. As a matter of fact the Sonderweg thesis, which has been declared dead so often, proves to be particularly long-living when it comes to democracy research. Perhaps its careful empirical refutation in other fields has produced the result that research in unison calls it obsolete and does not discuss it anymore – so that when it comes to the history of democracy it stays unquestioned and lives on and flourishes undercover.
Margaret Lavinia Anderson, Berkely:
Democracy in the German Kaiserreich
Did the Deutsche Kaiserreich have a “democracy deficit”? So said Entente propaganda in 1914, thus launching a Grand Narrative of imperial Germany that would come to be called the Sonderweg. Elaborated after 1933 by its own exiled citizens, by the late ‘60s a consensus among many historians, inside and outside the BRD, accepted the narrative. Yet if one considers popular representation – elections that produce a national legislature – then German institutions and procedures, compared to those of England and the US, were among the most democratic in the West. If one considers practices, then the enthusiastic participation of German voters, and their success in electing the parties their government tried hard to defeat, reveal the emergence an increasingly vibrant democratic culture. Yet arguments for German democracy that draw on domestic developments is still trumped by citing imperial Germany’s behavior internationally – its brutal imperialism (the Herero genocide), its militarism (the decision for war in August 1914), and its lack of humanity (its conduct during that war); all have been invoked to demonstrate the limits of Germany’s democratic culture. But here too a look at Germany’s contemporaries casts doubt on its “peculiarity” of Germany. The descriptive term “democratic” is elusive; it can be stretched and shrunk by historians to fit the argument they are trying to make. Debates about any country’s democratic deficit may never be resolved, because “democracy” itself belongs to a class of concepts whose application “cannot be settled by appeal to empirical evidence,” because the concept itself is “essentially contested.” (W.B. Gallie). “Democracy” is a bundle of ideas containing our aspirations for a better society and a better self. As as we – then and now – always fall short, we will always look for a “democracy deficit” to explain why things went wrong. Things went very wrong in Germany after 1932, but it was not because the Kaiserreich had a deficit of democracy.
Jeppe Nevers, Odense:
Differences and Similarities: Danish Democratization in a North-Western European Perspective
Whereas German historiography has, in recent years, traced patterns of democratization back in time, through new interpretations of the Kaiserreich, the First World War and the Weimar republic, historians of Danish democracy have moved the opposite way. For decades, the history of Danish democracy had the transformation from absolutist monarchy to constitutional monarchy in 1848-49 as the “birth” of democracy, but in recent years a number of scholars (from different generations) have turned their attention to the only gradual development of democratic institutions, the late acceptance of the concept of democracy, the political struggles in the late 19th century, and the debate about parliamentarianism in the interwar years; leaving the late 19th and the early 20th century as a much more crucial period for the understanding of democratization than the mid-19th century. In other words, German and Danish historians of democracy increasingly seem to study similar historical patterns and types of conflicts.
This lecture introduces the history of Danish of democratization from the mid-19th century to the mid-20th century in this perspective and tries to situate this history in a Nordic and North Western-European context. Without directly addressing the question of a German Sonderweg, it is the intention of the lecture that it should provide some comparative insights to qualify the subsequent discussion of German particularities. What is so fascinating in understanding Danish democracy from a comparative perspective is that it developed in a German cultural sphere and is marked by a striking number of similarities, and yet the outcome was so different, with no serious crisis of democracy in the interwar years and a post-WWII settlement that built on majoritarian understandings of democracy rather than constitutional or liberal ideas.
Adam Tooze, New York:
Provincialising the Sonderweg: Global Democracy in the Late 19th and Early 20th Centuries
Perhaps the biggest flaw of all Sonderweg narratives is their lacking global perspective. Already in the late 19th century there developed a global wave of democratisation. These unequal though parallel developments have been called “democratisation episodes”. Democracy became a global expectation. This also refers to those societies which have traditionally been considered democratic although they experienced crucial democracy pushes only at that time. Already at about 1914 the concept of democracy had a reputation of being oppositional. Democracy was no established thing; democracy was the battle cry of those all over the world who wanted to create this democracy. The political culture of the early 21st century looks like a pale, unadorned, bureaucratised and commercialised shadow of the multiple and lively democratic ecosystem at the beginning of the 20th century which was not only much richer but also much less focussed on the Western world. In the first half of the 20th century the geographic direction of democracy and the centre of the political movement seemed to be completely open. World War I increased the issue of democracy – also among the victorious powers. It did not only intensify the demand for democratisation in the states participating in the war but extended it even on other regions. If France, Great Britain and the USA were condemning the German autocracy, it became more difficult for them to reach back to means of repression in their own territories.



