(Katharina Wojciech, Freiburg)
Katharina Wojciech, Freiburg:
Einführung
Maria Osmers, Würzburg:
Herakles für alle? Vergangenheit als politisches Argument in der griechischen Antike
Eva Hagen, Paris/Freiburg: Glaubensgemeinschaften: Ursprungserzählungen und ethnische Identität in Rom und Latium
Katharina Wojciech, Freiburg:
Von Theseus zu Chabrias: Protagonisten historischer Erzählung in der attischen Rhetorik des 4. Jh. v. Chr.
Angela Ganter, Erlangen:
Mythos, Ritual und Rationalisierung: Romulus und Remus auf den Lupercalia, oder: Das augusteische Rom als Hirtenidyll
Uwe Walter, Bielefeld:
Kommentar
Abstracts (scroll down for English version):
Im Jahr 343 v. Chr. musste Aischines in einem Prozess zu dem Vorwurf Stellung beziehen, drei Jahre zuvor als Gesandter bei Philipp II. den athenischen Anspruch auf die Stadt Amphipolis unzureichend begründet zu haben. Der Redner verteidigte sich mit dem Verweis auf sein Argument, dass schon die Frau des Akamas, Theseus’ Sohn und einer der zehn attischen Phylenheroen, das Territorium von Amphipolis als Mitgift in die Ehe eingebracht habe.
Argumentationsstrategien wie diese begegnen auf der politischen Bühne nicht nur in Athen. Gründungsmythen und berühmte Heroen waren in der Antike fester Bestandteil der Alltagswirklichkeit, stifteten Identität und legitimierten bestehende oder erwünschte Zustände. Aber glaubte man tatsächlich an die auf diese Weise heraufbeschworene Vergangenheit? In der Sektion werden antike Zugänge zur eigenen und zur fremden Geschichte untersucht. Dabei werden nicht nur die Intentionen diskutiert, die den Verweisen auf Historie zugrunde lagen, sondern auch deren Wirkung und Rezeption. Die folgenden vier Perspektiven auf historisches Argumentieren rücken erstmalig die Gemeinsamkeiten zwischen der römischen und der griechischen Erinnerungskultur ins Zentrum des Interesses. Die gleichzeitige Betrachtung unterschiedlicher Räume, Epochen und Kontexte ermöglicht es, den vermeintlichen Gegensatz von Glaube und Wissen für die Antike aufzulösen und die Darstellung der Vergangenheit in politischen Kommunikationssituationen insgesamt als „geglaubte Geschichte“ zu begreifen.
Maria Osmers, Würzburg:
Herakles für alle? Vergangenheit als politisches Argument in der griechischen Antike
Herakles war in klassischer Zeit omnipräsent. Er schmückte Bauwerke, Vasen und Münzen, wurde in Kulten verehrt und trat prominent in der Dichtung auf. Durch seine Verbindung mit Olympia und seinen Platz in gesamtgriechischen Erzählungen galt und gilt er als der panhellenische Heros schlechthin. Zugleich aber betonten einzelne Poleis ihre jeweils eigene Beziehung zu Herakles und verfolgten dabei verschiedene politische Ziele. Die Bezugnahme auf den Heros konnte die Zugehörigkeit zur griechischen Welt unterstreichen, innenpolitische Interessen legitimieren oder Ansprüche gegenüber anderen Gemeinwesen begründen. Ein berühmtes Beispiel ist seine Vereinnahmung durch Sparta: Herakles wurde zum dorischen Heros ausgestaltet. Jedoch dominierte selbst dieses Narrativ konkurrierende Erzählungen keineswegs. Auch kleinere Poleis – dies zeigen etwa Münzen einer kleinasiatischen Symmachie aus dem beginnenden 4. Jh. – wählten Herakles als Bezugspunkt, wenn es ihnen darum ging, große Politik zu betreiben. Doch wie passte das alles zusammen? Wie gelang es den Griechen, die eigenen Geschichten mit Erzählungen anderer Gemeinschaften und überregionalen Narrativen in Einklang zu bringen? Ausgehend von der Gestalt Herakles zeichnet der Beitrag den spezifischen Umgang der Griechen mit ihrer Vergangenheit nach und zeigt, wie auch Widersprüchliches und für uns Unvereinbares in einer „geglaubten Geschichte“ zusammengeflochten werden konnte.
Eva Hagen, Paris/Freiburg:
Glaubensgemeinschaften: Ursprungserzählungen und ethnische Identität in Rom und Latium
Für das antike Latium sind zahlreiche Ursprungs- und Gründungsmythen bekannt, sowohl für das gesamte Volk der Latiner als auch für die einzelnen latinischen Städte: In der seit der Späten Republik kanonischen Erzählung hatte das Volk seinen Ursprung in dem Zusammenschluss der Ureinwohner Latiums mit den trojanischen Flüchtlingen, besiegelt durch die Hochzeit des Aeneas mit der einheimischen Königstochter Lavinia. Vor und neben dieser „Vulgata“ wiesen andere Erzählungen dem eponymen Heros Latinus die zentrale Rolle als Stammvater der Latiner zu. Die Städte erscheinen in der römischen Annalistik als Gründungen Alba Longas, der von Aeneas’ Sohn Ascanius gegründeten Mutterstadt, während sie gleichzeitig bis in die Kaiserzeit hinein über individuelle Gründungsgeschichten mit einheimischen, trojanischen und griechischen Helden verfügten. Wie sind diese teils einander ablösenden, teils gleichzeitigen und sich einander ausschließenden Erzählungen zu bewerten? Wie ist mit der Diversität der Narrative umzugehen, wenn der Glaube an eine gemeinsame Abstammung allgemein als zentrales Element ethnischer Identität betrachtet wird? Bedarf es für ihre Wirksamkeit als politisches Argument und für die ethnische Identitätsstiftung einer normativen Version und, wenn ja, wird diese zwischen den einzelnen latinischen Städten ausgehandelt oder von dem römischen Hegemon im Latinerbund verordnet – oder besteht eine „Glaubensfreiheit“, solange es andere integrative Faktoren wie die gemeinsame Sprache und gemeinsame Kulte gibt? In dem Vortrag wird die Wirksamkeit altehrwürdiger wie neu konstruierter Ursprungsnarrativen diskutiert und so ein aktuelles Bild des latinischen Ethnos als „Glaubensgemeinschaft“ gezeichnet.
Katharina Wojciech, Freiburg:
Von Theseus zu Chabrias: Protagonisten historischer Erzählung in der attischen Rhetorik des 4. Jh. v. Chr.
In der attischen Rhetorik waren Bezüge auf Geschichte Usus. In den einmal jährlich inszenierten Festen für die Gefallenen wurden dabei vor allem die gemeinsamen Erfolge der Bürgerschaft zelebriert, die gesamte Polisgemeinschaft erschien auf diese Weise als Protagonist der historischen Narration. In der Argumentation vor der Volksversammlung und in den Gerichten war es hingegen möglich, die Leistungen einzelner Athener stärker hervorzuheben. Konkrete Namen erleichterten die Erinnerbarkeit des Geschehenen, erhöhten die emotionale Teilhabe daran, konnten zur Nachahmung anspornen oder als vermeintliches Faktenwissen zur Glaubwürdigkeit des Gesagten beitragen. In diesem innenpolitischen Kontext waren es allerdings seltener mythische Heroen, sondern vielmehr Gesetzgeber wie Solon, Staatsmänner wie Aristeides oder Themistokles sowie berühmte Strategen wie Konon, Iphikrates, Timotheos und Chabrias, die innerhalb der Darstellung der athenischen Geschichte funktionalisiert wurden. Doch was wussten die Athener von ihren alten und neuen „Helden“ wirklich und wie ist die steigende Bedeutung der eigenen Zeitgenossen als paradeigmata zu erklären? Im Vortrag soll die Konkurrenzsituation zwischen der alt geglaubten Vergangenheit und der „history in progress“ unter Berücksichtigung möglicher Rationalisierungstendenzen diskutiert werden.
Angela Ganter, Erlangen:
Mythos, Ritual und Rationalisierung: Romulus und Remus auf den Lupercalia, oder: Das augusteische Rom als Hirtenidyll
Alljährlich im Februar wurde die stadtrömische Gesellschaft Zeuge eines seltsamen, archaisch anmutenden Rituals: Nachdem man Faunus, dem wilden Gott der Hirten, geopfert hatte, rannten seine Priester nackt durch das Zentrum Roms und schlugen zuschauende Frauen mit Fellriemen der Opfertiere. Taten sie dies, um die Fruchtbarkeit der Frauen zu erhöhen? Rannten die Priester um den Palatin als Ursprungshügel der Stadt, um diese in kreisförmigem Umlauf zu reinigen? Rationalisierende Diskurse um die Bedeutung des Festes entbrannten bereits in spätrepublikanischer Zeit. Anhand von Ursprungserzählungen versuchte man zu deuten, was nicht mehr in die Lebenswelt der antiken Millionenstadt zu passen schien. Oder gerade doch? Ablehnende Haltungen verschiedener Intellektueller wie Cicero, die den lasziven Charakter des Festes verurteilten, kontrastieren mit der Selbststilisierung des augusteischen Rom als Hirtenidyll. Über Romulus und Remus wurde das Fest in der Gründungszeit der Stadt verankert. Erinnerungsorte wie der Palatin, das Forum Romanum und das Lupercal als der Höhle, in der die Zwillinge gesäugt worden sein sollen, verflochten als Schauplätze des Festes scheinbar jahrhundertealte Traditionen mit gegenwärtigem Ritual. Der Beitrag hinterfragt, inwiefern man hier rituellen Vollzug und rationalisierende Geschichtsbetrachtung voneinander trennen kann und inwiefern all dies in „geglaubter Geschichte“ zusammenfließt.
Abstracts (English Version):
In 343 BC, Aeschines had to explain himself before the court against accusations that he had not adequately established the Athenian claims to the city of Amphipolis while he was part of a delegation to Philip II three years earlier. The orator defended himself by referring to his argument that Acamas, the son of Theseus and eponymous hero of one of the Attic tribes, had already acquired the territory of Amphipolis for the Athenians as part of the dowry of his wife.
Similar arguments can be found in numerous political debates in antiquity. Foundation myths and famous heroes were integral parts of everyday life, created identity and authorized existing or desired conditions. But did the people actually believe in the stories that were told about the past in these situations? In this session, we examine the approaches of ancient societies to their own history and the history of others. Besides the intentions, we discuss the effects and reception of various references to the past. Four different perspectives on historical argumentation shift the focus of research to the similarities between Roman and Greek cultures of remembrance for the first time. By simultaneously analyzing diverging spaces, eras, and contexts, we will thereby resolve the apparent contradiction between faith and knowledge for the Classical Antiquity: All representations of the past in political communication should be understood as “believed history”.
Maria Osmers, Würzburg:
“Everyone’s Herakles? The Past as a Political Argument in Ancient Greece”
In the classical period, Herakles was omnipresent. His picture decorated buildings, vases and coins, he was worshiped in cults, and he frequently appeared in ancient poetry. Due to his connection to Olympia and his prominence in numerous tales from all over the Greek world, Herakles represented and still represents the Panhellenic hero par excellence. At the same time, individual poleis emphasized their own relation to Herakles and, thereby, pursued their own interests and objectives. References to Herakles could prove the city’s belonging to the Greek world, could authorize internal political interests, and could justify claims against others. A famous example of such an appropriation can be found in Sparta: Herakles was designed as a Dorian hero. But even this narrative did not suppress conflicting accounts from elsewhere. Coins of an alliance of cities in Asia Minor from the beginning of the fourth century demonstrate that smaller poleis also preferably chose Herakles as a reference point when it came to high politics. But how does this all fit together? How did the Greeks manage to harmonize their own stories with tales of other communities and with transregional or Panhellenic narratives? Based on the figure of Herakles, my paper traces the specific way of handling the past in ancient Greece and reveals how conflicting and seemingly incompatible aspects could be brought together in one and the same “believed history”.
Eva Hagen, Paris/Freiburg:
Communities of Faith: Narratives of Origin and Ethnic Identity in Rome and Latium
Numerous origin and founding narratives are known for ancient Latium, both for the Latins as a whole and for the individual Latin cities. In the canonical narrative since the Late Republic, the people originated in the integration of the native inhabitants of Latium and the Trojan refugees, a union sealed by the marriage of Aeneas with the local king’s daughter, Lavinia. Prior to and concurrent with this “vulgate”, other narratives give the central role of progenitor of the Latins to the eponymous hero Latinus. The cities appear in the Roman annalistic tradition as being founded by Alba Longa, the metropolis built by Aeneas’ son Ascanius, while at the same time possessing their own foundation tales up to the Imperial era, with indigenous, Trojan, and Greek heroes. How are these narratives – some succeeding others, some running concurrently and contradicting each other – to be evaluated? How should the diversity of narratives be tackled when the belief in a common ancestry is generally viewed as a central element of ethnic identity? For its effectiveness as a political argument and for the formation of ethnic identity, is a normative version required? If so, is this negotiated between the individual Latin cities or decreed by the Roman hegemon within the Latin League? Or, as long as other integrative elements exist, such as a common language and common cults, are we dealing with “freedom of belief”? The paper discusses the effectiveness of time-honoured and newly constructed origin narratives, giving an up-to-date picture of the Latin ethnos as a “community of faith”.
Katharina Wojciech, Freiburg:
From Theseus to Chabrias: Protagonists of Historic Narrative in the Attic Oratory of the 4th Century B.C.
In Attic oratory historic references were common. During the annual public funeral ceremonies for the fallen warriors the collective success of all Athenians was particularly celebrated. Like that, the polis-community as a whole appeared as the protagonist of the historic narration. However, when speaking to the Assembly or a court of law, it was possible to emphasize the achievements of single Athenians. Personal names made it easier to remember events, to increase the emotional participation, to spur imitation or, as alleged factual knowledge, to contribute to the credibility of what had been said. In this domestic context, however, mythical heroes were hardly named. Instead, legislators like Solon, statesmen like Aristides or Themistocles as well as famous strategists like Conon, Iphicrates, Timotheus, and Chabrias were instrumentalized. But what did the Athenians really know about their old and new “heroes”? And how is the increasing significance of their own contemporaries as paradeigmata to be explained? Taking into account possible tendencies of rationalization, this contribution discusses the competition between the presumed old past and the “history in progress”.
Angela Ganter, Erlangen:
Myth, Ritual, and Rationalization: Romulus and Remus at the Lupercalia, or: The Idyll of Augustan Rome
Every year in February, Rome experienced a strangely archaic ritual. After having sacrificed to Faunus, the wild god of the shepherds, his priests were running naked along the streets of the Roman city centre, and they beat female spectators with laces of the victims’ skin. Did they do that to enhance their fertility? Did the priests run around the Palatine, said to be the nucleus of the settlement, in order to purify the town? Rationalizing accounts discussing the meaning of the festival already emerged in Republican Rome. By referring to the origins of their society, the Romans tried to explain phenomena that were incompatible with the environment of the metropole. Were they really? Intellectuals like Cicero condemned the lascivious character of the Lupercalia. However, positions like these collide with the self-representation of Augustan Rome as an idyll. With Romulus and Remus, the festival was anchored in the foundation era of the city. Memorials like the Palatine, the Forum Romanum, and the Lupercal – the cave where the twins were said to have been suckled – combined presumably centuries-old traditions with the places where the festival was celebrated. This contribution tries to decipher the interwoven structures of rituals and rationalization, or, to say it differently, how these aspects created a “believed history”.



