(Felix Brahm, London, Bettina Brockmeyer, Bielefeld)
Felix Brahm, London:
Die Waffen der Missionare. Zur Bedeutung von Feuerwaffen und ihrem Transfer in der kulturellen Kontaktzone Ostafrikas (1850–1890er Jahre)
Rebekka Habermas, Göttingen:
Wie die Benin-Bronzeköpfe nach Berlin kamen. Kunst und Ethnographicahandel um 1900
Bettina Brockmeyer, Bielefeld:
Europäischer Aberglaube oder Kulturtransfer? Afrikanische menschliche Überreste aus der deutschen Kolonialzeit im Wandel der Bedeutungen
Kristin Weber, Leipzig:
Vom Glauben an die wissenschaftliche Objektivität. Museale Kultur und Praxis im kolonialen/postkolonialen Ostafrika
Holger Stoecker, Berlin:
Kommentar
Abstracts (scroll down for english version)
Felix Brahm, London:
Die Waffen der Missionare. Zur Bedeutung von Feuerwaffen und ihrem Transfer in der kulturellen Kontaktzone Ostafrikas (1850er-1890er Jahre)
Ab den 1850er Jahren stieg die Einfuhr von Feuerwaffen in Ostafrika stetig an und erreichte in den 1870er und 1880er Jahren mit bis zu 100.000 jährlich importierten Gewehren eine immense Größenordnung. Bei diesen Gewehren handelte es sich überwiegend um „Second-Hand“-Waffen aus europäischen, US-amerikanischen und südasiatischen Militärarsenalen. Nach einem Überblick über Handelsrouten und Gebrauchskontexte beleuchtet der Vortrag die verschiedenen Bedeutungen, die Feuerwaffen in Situationen interkulturellen Kontakts in Ostafrika gewannen. Am Beispiel der Beziehung zwischen dem Kabaka von Buganda und protestantischen Missionaren wird gezeigt, dass Feuerwaffen geschätzte, aber zunehmend umstrittene Transferobjekte zum Aufbau von Vertrauen waren, gerade weil sie den Interaktionspartner stärkten. Feuerwaffen waren zugleich Instrumente, mit denen der eigene Wille gewaltsam durchgesetzt werden konnte, und ihre Weitergabe hatte immer auch machtpolitische Bedeutung. In der Frühphase kolonialer Herrschaft in Ostafrika, auf die ausblickend eingegangen wird, wurden Feuerwaffen zu umkämpften Objekten zwischen afrikanischen und europäischen Akteuren.
Rebekka Habermas, Göttingen:
Wie die Benin Bronzeköpfe nach Berlin kamen – Kunst und Ethnographica um 1900
Ende des 19. Jahrhunderts gelangte ein von britischen Kolonialoffizieren erbeuteter westafrikanischer Bronzekopf über Matrosen und Kaufleute nach Europa und landete schließlich in den 1930er Jahren in der Göttinger Ethnologischen Sammlung. Dieser Kopf gehört zweifellos zu den herausragenden Artefakten Afrikas, und doch ist er mehr als ein Objekt höchster ästhetischer Perfektion. Dieser Kopf ist Träger verschiedener Formen impliziten Wissens: Wissen über frühe Benin Kulturen und ihre Techniken der Bronzeverarbeitung, Wissen darüber, wie globale Machtverhältnisse unsere Form des Erinnerns und Bewahrens etwa in Museum bis heute mitbestimmen. Vor allem ist er auch ein Objekt, an dem die Grenzen zweier um 1900 erst im Entstehen begriffener Disziplinen – Kunstgeschichte und Ethnologie – verhandelt wurden. Beide Wissenschaften nämlich reklamierten den Kopf für sich, als Objekt, an dem man wahlweise die Kunst oder die Lebenswelten Afrikas studieren könne. Hier nahm eine Debatte ihren Anfang, die bis heute noch nicht entschieden ist, und die viel über europäische Vorstellungen von Kunst aussagt. Gleichzeitig wirft dieser Streit um die Benin Köpfe gerade in den letzten Jahren immer heftiger debattierte Fragen darüber auf, wie in und außerhalb Europas mit diesen und ähnlichen Artefakten umgegangen werden soll.
Bettina Brockmeyer, Bielefeld:
Europäischer Aberglaube oder Kulturtransfer? Afrikanische menschliche Überreste aus der Kolonialzeit im Wandel der Bedeutungen
Der Schädel des Chiefs Mkwawa aus Uhehe in Tansania war für die ehemaligen Kriegsparteien nach dem ersten Weltkrieg von so großer Bedeutung, dass er Teil des Versailler Friedensvertrages wurde. Seine Geschichte, die 1898 mit der Selbsttötung des Chiefs und der anschließenden Dekapitierung durch die Deutschen beginnt, ist nach wie vor nicht vollständig geklärt: Die Gebeine eines Chiefs wurden bei den Wahehe besonders begraben und verehrt. Der Schädel des Mkwawa wurde jedoch von deutschen Soldaten erbeutet und vermutlich nach Berlin geschickt, wo er zu einem Wissenschaftsobjekt wurde. In Tanganyika Territory wurden dem Schädel von den Briten magische Kräfte zugeschrieben, und schließlich wurde er nach der Unabhängigkeit in Tansania ein Objekt antikolonialer Erinnerung. Ob es sich dabei stets um denselben Schädel handelt, ist ungewiss und war Teil politischer sowie wissenschaftlicher Debatten. Ähnliches gilt für einen Zahn desselben Chiefs, der über ein Jahrhundert in Deutschland in eben jener Familie verblieb, deren Vorfahren für die Selbsttötung Mkwawas mitverantwortlich waren. Im Glauben einiger Familienmitglieder hatte dieser Zahn die männliche Linie mit einem Fluch belegt.
Im Transfer, das verdeutlicht dieses Beispiel, konnten Objekte mehrfach ihre Bedeutungen wechseln. Der Vortrag geht dem Bedeutungswandel dieser menschlichen Überreste Mkwawas von wissenschaftlichen Objekten bzw. Trophäen zu Trägern magischer Kräfte nach. Die These ist, dass Objekte nicht nur zum Transfer von Wissen oder Glauben beitrugen, sondern selbst eine Transfergeschichte durchliefen. Ihre Geschichte zeigt, wie eng verzahnt Glauben und Wissen waren. Diese Verzahnung nahm auf europäischer Seite jedoch den Weg über ‚afrikanische’ Objekte und adaptierte vermeintlich als afrikanisch verstandene religiöse Glaubensweisen.
Kristin Weber, Leipzig:
Vom Glauben an die wissenschaftliche Objektivität – museale Kultur und Praxis im kolonialen (und postkolonialen) Ostafrika
Mit dem Eintritt des Deutschen Kaiserreichs in die Reihe der Kolonialmächte im Jahre 1884 strömten immer mehr Objekte aus den sogenannten „Deutschen Schutzgebieten“ in das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin. So wuchsen die Bestände der Abteilung Afrika, die im Jahre 1880 noch 3361 Katalognummern ausgemacht hatte, bis 1914 auf 55.079 Nummern an. Damit bildete das Berliner Museum das wichtigste Zentrum der Akkumulation ethnographischer Objekte im Deutschen Kaiserreich und sogar weltweit. Das damalige „Deutsch-Ostafrika“ (das heutige festländische Tansania, Ruanda und Burundi) war durch eine besonders umfangreiche Sammlung im Museum vertreten.
Ausgehend von der Sammelpolitik der Berliner Museumsethnologen wird in dem Vortrag anhand einzelner Objekte bzw. Objektkategorien das „Sammeln“ von „Ethnographica“ zur Zeit der deutschen kolonialen Expansion in Ostafrika und die Rolle dieser Objekte in der Ausgestaltung kolonialer Machtbeziehungen dargelegt. Anhand der Sammelpraxis kolonialer Beamter, Militärs, Wissenschaftler und Missionare in den Kolonien – diese reichte von Raub, Diebstahl, Erpressung, Ankauf bis hin zum Austausch von Geschenken – wird ein besonderes Augenmerk auf die Brüchigkeit der deutschen Kolonialherrschaft gerichtet. Zugleich geht es darum, den Glauben der Wissenschaftler in der Metropole an eine objektive Wissensproduktion im Kontext einer objekt-zentrierten und naturwissenschaftlich ausgerichteten Ethnologie zu dekonstruieren.
Mit einem Blick auf die Übernahme „Deutsch-Ostafrikas“ durch die Briten als Mandatsgebiet des Völkerbundes nach dem Ersten Weltkrieg, die aufkommenden nationalen Bewegungen in Tanganyika sowie die Unabhängigkeit des kolonialen Territoriums in den frühen 1960ern wird auf Kontinuitäten und Brüche in der musealen Kultur und Praxis Ostafrikas verwiesen.
Abstracts (english version)
Felix Brahm, London:
The Missionaries’ Weapons: On the Meaning of Firearms and their Transfer in the Cultural Contact Zone of East Africa (1850s to 1890s)
From the 1850s onwards, firearms entered East Africa in increasing numbers, reaching immense volumes of up to 100.000 imported guns annually in the 1870s and 1880s. These guns were mainly ‘second-hand’ weapons, discarded from European, US-American and South Asian military arsenals. After giving an overview on trading routes and different contexts in which these firearms were used, the paper looks at the ambiguous meanings firearms gained in situations of intercultural contact in East Africa. Studying the case of the relation between the Kabaka of Buganda and protestant missionaries, the paper argues that firearms were appreciated, but increasingly contested objects to build trust, not least because they empowered the opposite partner. Simultaneously, firearms were instruments to violently assert a unilateral will, and their transfer always gained political importance. In the phase of early colonial rule in East Africa, the paper finally discusses, firearms became highly contested objects between African and European actors.
Rebekka Habermas, Göttingen:
How the Benin Bronzes Came to Berlin – Art and Ethnographica around 1900
At the end of 19th century British colonial officers looted the so-called Benin Bronzes and brought them from West Africa to London, where they immediately raised public interest. They were presented at auctions and even were exposed in colonial festivals and private as well as public collections. In the 1930s one of this Bronzes, a bronze memorial head, found its way to Goettingen. This head is one of the most beautiful African objects to be seen until today in European Ethnological Museums. At the same time it is much more than an aesthetic object, it can as well be understood as an important source of knowledge: Carrying knowledge about early Benin culture and its techniques of Bronze craftsmanship as well as knowledge about the impact global power formations until today have in structuring forms of remembering and representing in for instance museums. But first of all it is an object at the frontier of two academic disciplines taking shape around 1900: history of art and anthropology. The epistemology has been made and remade by negotiating this and other objects brought to Europe by more or less brutal forms of looting. Both academic disciplines claimed to have expertise and therewith authority in studying the Bronzes. While art historians regarded the memorial heads as basis for understanding so called primitive art, anthropologists were pretending to need these and similar objects in order to study African everyday life. This debate is still going on and at the same time is revealing in regard to European concepts of art and of everyday life. It also is a debate very recently echoing in controversial discussions of museum studies as well as in the everyday life of museums.
Bettina Brockmeyer, Bielefeld:
European Superstition or Cultural Transfer? Changing Meanings of African Human Remains from Colonial Times
The skull of Chief Mkwawa’s from Uhehe in Tanzania was of such importance for the former warring parties after World War I, that it was made a part of the Versailles Peace Treaty. We still do not know the complete story of the skull, which begins in 1898 with the suicide of the chief and his decapitation. The Wahehe people used to bury and to worship their chiefs’ remains in a special way. Instead, Mkwawa’s skull was taken by the Germans and sent to Berlin in order to become an object of science. In Tanganyika Territory, the British perceived the skull to have magical powers and finally, after independence, the skull became an object of anticolonial memory. This is, in short, the story of the skull, but whether it had been one and the same skull always is uncertain and forms part of political and historical debates. This also applies to a tooth of the same Chief that was kept by the descendants of the German officer, who was involved in the Chief’s suicide, and was considered to have cursed the family.
While being transferred the examples show, objects could change their meanings several times. The paper follows these changes in the case of Mkwawa’s human remains from trophies to scientific objects or objects of magical belief. It thereby argues that objects not only started a transfer process of knowledge or faith but could also change their meanings within the process. Their history reveals the intertwining of faith and knowledge – in Western ways of knowledge this conjunction went via ‘African’ objects.
Kristin Weber, Leipzig:
On the Believe in Scientific Objectivity – Museum Culture and Practice in Colonial (and Postcolonial) East Africa
By the time Germany entered the circle of colonial powers in 1884 more and more objects from the new colonies (so-called Deutsche Schutzgebiete) arrived at the Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin. The number of objects in the African collection grew steadily. While in 1880, 3361 objects had been listed, one would find 55.079 in 1914. The Berlin Museum became the most important centre of accumulation of so-called ethnographic objects in the German Kaiserreich and even worldwide The former Deutsch-Ostafrika which included today’s mainland Tanzania, Ruanda and Burundi was well represented by an extensive collection of objects in the Museum.
Starting from the collecting policy of the Berlin Museum this talk explores the methods of “collecting” Ethnographica during the German colonial expansion in Eastern Africa, using particular objects or groups of objects as an example. It also highlights the important role objects played in shaping colonial relations of power. The ways through which colonial officials came into possession of objects desired by the Museum ethnologists ranged from plundering, thievery, blackmailing to purchasing and the exchange of gifts. They also shine a light on the fragility of German colonial rule. This talk will also aim to deconstruct the Museum scientists’ believe in an objective production of knowledge in the context of an object-centered and science-oriented Ethnology.
With reference to the takeover of German East Africa by the British, following the mandate of the League of Nations after World War I, and later the emergent national movements in Tanganyika and the Independence of the territory in the early 1960s this presentation will also briefly look at continuities and disruptions in museum culture and practice in Eastern Africa.



