Technik, Fortschritt, Rationalität: Der Glaube an eine bessere Welt/ Technology, Progress, Rationality: Believing in a Better World

(Martina Heßler, Hamburg)

Martina Heßler, Hamburg:
Einleitung

Adelheid Voskuhl, Pennsylvania:
Ingenieurwesen, Technikglaube und philosophische Eliten um 1900

Rüdiger Graf, Potsdam:
Fortschrittsbehauptungen nach dem Ende des Fortschritts. Die gesellschaftliche Dimension technischer Fortschrittsvorstellungen in den 1920er und 1970er Jahren

Martina Heßler, Hamburg:
Der »fehlerhafte Mensch« und der Glaube an die Überlegenheit der Technik im 20. Jahrhundert

Heike Weber, Wuppertal:
Müll und Recycling: Der Glaube an das technische Schließen des »Kreislaufs« der Stoffe seit dem späten 19. Jahrhundert

Helmuth Trischler, München:
Kommentar

 

Abstracts (scroll down for English version)

Adelheid Voskuhl, Pennsylvania:
Ingenieurwesen, Technikglaube und philosophische Eliten um 1900
In der Epoche um 1900 waren Ingenieure in Deutschland nicht nur dabei, sich als neue Berufsgruppe zu konstituieren. Sie versuchten auch, sich neben traditionellen Eliten aus Militär, Adel und Bildungsbürgertum als neue soziale Elite zu verorten. Ingenieure entwickelten zur gleichen Zeit Interesse an der neuentstehenden Subdisziplin Technikphilosophie und nutzten sie, um ihre technischen und sozialen Anliegen theoretisch zu fassen, zu integrieren und weiterzuverbreiten. Eine Gruppe von Ingenieuren im elitären Verband Deutscher Diplom-Ingenieure (VDDI, gegründet 1909) versuchte in der  Verbandszeitschrift Technik & Kultur, Spannungen zwischen Ideen von technischem und gesellschaftlichem Fortschritt bzw. Rückschritt für ihre Ingenieurleserschaft aufzubereiten und sich hierbei auch als meinungsbildende politische Klasse darzustellen. Es ist nicht untypisch für diese Epoche (und andere), dass dort, wo technische und soziale Theoriebildung betrieben wurden, der Glaube an das Gute und an das Schlechte der Technik enggeführt wurden und sich keine klaren Abgrenzungen zwischen Fortschritts- und Untergangsglauben in Bezug auf das Industriezeitalter ziehen ließen. Das galt auch für Ingenieure. Ganz besonders interessant ist hier, dass sich Ingenieure der Erkenntnistheorie und politischen Philosophie von kanonischen Philosophen wie Kant, Fichte, Spinoza und Schopenhauer annahmen und versuchten auf dieser Grundlage, einen Platz für Ingenieure in der bestehenden Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs bzw. der Weimarer Republik zu finden. Mein Augenmerk soll darauf gerichtet sein, wie Ingenieure sich sowohl in ihrer philosophischen Arbeit als auch ihren Bemühungen um sozialen Aufstieg mit vorindustriellem Gedankengut und mit vorindustriellen Gesellschaftsstrukturen auseinandersetzen mussten, wie sich dies in ihren Texten zur Technikphilosophie widerspiegelte und wie dies uns erlaubt, den Glauben an die Technik anhand der Historizität von Industrialisierung zu differenzieren.

Rüdiger Graf, Potsdam:
Fortschrittsbehauptungen nach dem Ende des Fortschritts. Die gesellschaftliche Dimension technischer Fortschrittsvorstellungen in den 1920er und seit den 1970er Jahren
Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die 1970er Jahre gelten gemeinhin als Hochphasen der Fortschrittskritik. Nachdem das industrialisierte Massentöten im Krieg für viele Zeitgenossen der Annahme einer vor allem auch durch Wissenschaft und Technik induzierten, kontinuierlichen Höherentwicklung der Menschheit die Grundlage entzogen hatten, konstatierten Soziologen, Philosophen und auch Historiker im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, dass das „Zeitregime“ der Modere insgesamt und mit ihm die Idee des Fortschritts an ein Ende gekommen sei. In beiden Fällen blieben die naturwissenschaftlich-technischen Eliten von diesem angeblichen Ende des Fortschritts jedoch erstaunlich unbeeindruckt. Während ihre kontinuierliche Fortschrittsbehauptung historiographisch zumeist als „nur technischer“, das heißt sektoral beschränkter Fortschritt von den umfassenderen Fortschrittsvorstellungen des 19. Jahrhunderts unterschieden wird, untersucht der Vortrag, ob und inwiefern sich mit den naturwissenschaftlich-technischen Fortschrittsversprechen weitergehende emanzipatorische Vorstellungen verbanden. Dabei wird gezeigt, dass Fortschrittsglauben und Fortschrittskritik nicht in eine diachrone Abfolge gebracht werden können, sondern vielmehr als Deutungsmuster historischer Zeit im 20. Jahrhundert miteinander konkurrierten und bis heute konkurrieren.

Martina Heßler, Hamburg:
Der „fehlerhafte Mensch“ und der Glaube an die Überlegenheit der Technik im 20. Jahrhundert
Der Glaube an Technik war und ist begleitet von der Vorstellung, Technik würde zu gesellschaftlichem Fortschritt, zu einem besseren und bequemeren Leben führen. Diente Technik in diesem Sinne also der Verbesserung menschlichen Lebens, so erschien nun aber „der Mensch“ selbst im Vergleich zur Technik in dieser fortschrittlichen Welt häufig als fehlerhaft. Die Rede vom „Störfaktor Mensch“ im technischen System versinnbildlicht dieses Konzept kurz und bündig. Besonders prominent wurde diese Figur im Kontext technischer Unfälle.
Der Vortrag widmet sich der Figur des „fehlerhaften Menschen“. Gezeigt werden soll, dass mit dem vor allem seit der Industrialisierung einsetzenden Vergleich von Mensch und Technik „der Mensch“ auf neue Art und Weise als fehlerhaft konzipiert wurde. Die Schwäche und Fehlerhaftigkeit der Menschen fiel zuerst in der Fabrik des 19. und des 20. Jahrhunderts auf. Die Argumentation findet sich seitdem in vielen weiteren technischen Bereichen, so im Flug- und Automobil-Verkehr, in der Medizin oder bei Entscheidungsprozessen.
Historisch betrachtet zeigt sich allerdings die Vielschichtigkeit des Prozesses: Je stärker technisiert wurde, desto ambivalenter wurde die Rolle der Menschen. Neben ihre Fehlerhaftigkeit offenbarten sich historisch immer wieder die Grenzen der Technik und führten dann jeweils zur positiven Neubewertung menschlicher Fähigkeiten. Gleichwohl handelt es sich bei der Feststellung der Fehlerhaftigkeit des Menschen, so die Kernthese, um ein Konzept, dass die technische Kultur seit der Industrialisierung trotz aller Gegentendenzen nachhaltig prägte. Es beschreibt eine Grundkonfiguration der Moderne, die immer wieder an ihre eigenen Grenzen stieß: die Orientierung an Effizienz, Produktivität und dem reibungslosen Ablauf.
Ziel des Vortrags ist es erstens, die historische Entstehung dieser Figur des fehlerhaften Menschen im 19. und 20. Jahrhundert herausarbeiten; zweitens sollen die Ambivalenzen der Argumentation nachgezeichnet werden. Drittens gilt es, die Argumentation auf ihre technischen Parameter, die vermeintlich rationalen, vor allem aber ökonomisch inspirierten Prämissen hin zu befragen und sie im historischen Kontext zu betrachten

Heike Weber, Wuppertal:
Müll und Recycling: Der Glaube an das technische Schließen des „Kreislaufs“ der Stoffe seit dem späten 19. Jahrhundert
Seit dem späten 19. Jahrhundert ist das geregelte „Entsorgen“ von Abfällen ein festes Element der modernen Stadt und ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch der gesamten (westlichen) Gesellschaft. Verglichen mit den Fortschritten der Produktion, erfolgte die Professionalisierung und Technisierung des Abfallumgangs damit verzögert; der Entsorgungsbereich reagierte auf Entwicklungen wie steigende Abfallmengen oder Toxizität der Abfälle erst, als diese bereits als akute Problemlagen bestanden. Dennoch waltete auch in der Entsorgung ein starker Glaube an Technik, Fortschritt und Rationalität, der sich auf zweierlei Weise äußerte: Zum einen wurden Entsorgungs- und Recyclingverfahren des 20. Jahrhunderts wie Deponierung, Müllverbrennung und Kompostierung als „technological fix“ angepriesen, unkontrolliert wachsende Reste einer steigenden Produktion sowie Konsumtion problemlos beseitigen zu können. Zum anderen blieb die Abfallexpertise der Leitidee verhaftet, die so genannten Stoffkreisläufe „technisch“ schließen zu können: So wie die Natur organische Reste als Nährstoffe wieder aufnehme, so könnten Reststoffe ähnlich reibungslos mittels Recycling der Produktion als Rohstoffe wieder zugeführt werden.

Insbesondere diese – sich über weit als ein Jahrhundert haltende – Leitvision vom technischen Schließen der Stoffkreisläufe wurzelte stärker in Glaube und Hoffnung denn in Objektivität und Rationalität, und sie widersprach sehr bald zentralen Wissensbeständen des 20. Jahrhunderts: So führte jedes Recycling zu „Downcycling“-Effekten, d.h. zu Verlusten und einer Verminderung von Stoffqualitäten; und auch die Annahme, Abfall zersetze sich in der Deponie nach den Regeln des Komposthaufens, ließ sich bei genauerer Analyse der Zersetzungsprozesse nicht halten. Neben Glaube und Hoffnung, so wird der Vortrag zeigen, muss zur Erklärung der Entwicklung von Abfalltechniken außerdem ein Drittes hinzugezogen werden: die Dimension von Nichtwissen-Wollen und Ignoranz. Im Verbund mit der Hoffnung auf einen möglichst kostengünstigen „technological fix“ brachte letztere die Abfallexperten dazu, wider besseres Wissen heikle Lösungswege vorzuschlagen, die zu neuen Problemlagen führten.

 

Abstracts (English version)

Adelheid Voskuhl, Pennsylvania:
Engineering, Philosophy, and Belief in Progress in the Second Industrial Revolution
In the so-called „Second“ Industrial Revolution, German engineers emerged as a new professional group and tried to constitute themselves also as a social and cultural elite, which happened in fierce competition with traditional elites from the military, the nobility, and humanistically trained bourgeois mandarins. At the same time, engineers also became interested in in philosophy, using the novel subdiscipline of „philosophy of technology“ to grasp theoretically their technical and social agendas, and integrate and disseminate them. A group of engineers organized in an elite association of academically trained engineers tried in the association’s periodical to explicate and debate tensions that emerged between ideas of technological progress and social and economic decline. Doing so, such elite engineers also aimed to establish their credentials in the public sphere as political and cultural leaders. It is not uncommon to find in this period (and others) that beliefs in the good and the bad in technology are constantly intertwined in the constructions of social and technical theories, and that it is impossible for us to distinguish clearly how and where belief in progress and belief in decline of the industrial age were negotiated in consistent ways. This also held for engineers. It is particularly interesting to see how engineers were interested in the epistemology and political theory of canonical philosophers such as Kant, Fichte, Spinoza and Schopenhauer and tried, on this basis, to find a place for engineers in the existing (and rigid) social orders of the German Empire and the Weimar Republic. My paper focuses in particular on the role of engineers’ (and others’) imagination and invocation of pre-industrial landscapes and social orders in these negotiations of social upward mobility. I study the place of the “pre-industrial” in early philosophy of technology to differentiate belief in technology on the basis of the historicity of industrialization.

Rüdiger Graf, Potsdam:
Progressive Thought after the End of Progress. The Social Dimension of Technological Progress in the 1920s and 1970s
The 1920s and the 1970s are commonly described as periods in which the idea of progress was widely doubted and criticized. For many contemporaries, industrialized mass killing in the First World War had destroyed the assumption that science and technology might induce a continuous upward development of humanity. Similarly, in the last third of the 20th Century, sociologists, philosophers and historians argued that the time regime of modernity had come to an end, destroying also the notion of progress. In both cases, the alleged death of progress had surprisingly little effect on scientific and technological elites. Whereas their conceptions of progress are commonly deemed as merely technological, distinguishing only sectoral progress from the all-encompassing visions of progress of the 19th Century, I will scrutinize if and in how far scientific and technological promises of progress continued to be connected to broader emancipatory visions. The paper will argue that the affirmation and the critique of progress should not be brought into diachronic sequence, distinguishing periods of progress from periods of decline. Rather, they should be understood as concurring modes of ordering historical time that have existed since the opening of the future around 1800 and continue to exist today.

Martina Heßler, Hamburg:
Faulty Humans“ and Belief in the Superiority of Technology in the 20th Century
Belief in technology has always been accompanied by the idea of progress, and a better and more comfortable life. Improving human lives through technology was a great promise. However, in industrial cultures, humans themselves suddenly were regarded as faulty in relation to technology. The language of humans as „disruptive factors“ symbolizes this idea well. It is often used to identify causes of technical accidents.
This paper deals with the concept of „faulty humans“. It shows that, historically, humans were regarded as deficient at the very moment that they were compared to machines, i. e. since industrialization. The weakness and faultiness of humans first became conspicuous in the factory of the 19th century. Since then, the concept has been found in almost all spheres of life, such as automobile or air traffic control, medicine, and political and algorithmic decision-making.
Nevertheless, history is of course much more complex. The more technology permeated society, the more ambivalent the role of humans became. In the industrial age, and all the way to this, day, humans have been compared to technology and then characterized as faulty and problematic, for technology supposedly functions in smooth and frictionless ways. And yet the experience of technological constraints has also led to positive re-evaluation of human potential and capacities. This paper aims to show that the idea of humans as faulty constructions has been a highly relevant concept with great impact on Western societies since the industrialization. It is a fundamental element of modernity, which simultaneously produced its own limits by pushing industrial cultures’ limits towards efficiency, productivity and frictionless processes.
The paper aims, first, to show the historical formation of the concept of faulty humans. Second, it carves out the ambivalence of the argumentation and its historical change. Third, it contextualizes the discourse on faulty humans historically to make its technical and economical premises clear.

Heike Weber, Wuppertal:
Waste and Recycling since the Late 19th Century: The Faith into Closing Material Loops Through Disposal Technologies
Waste disposal techniques constitute a basic element of the modern city since the late 19th  century, and they reached out to (western) societies as a whole over the second half of the 20th century. When compared to technological progress inside the sphere of production, the professionalization of waste disposal lagged behind, and it only reacted to e.g. rising waste amounts and the growing toxicity of waste once these processes already had turned into urgent problems. Nevertheless, also waste experts were driven by a strong believe for technology, progress and rationality: For one, disposal and recycling methods such as landfilling, incineration and composting were promoted as “technological fix” to solve the problem of wastes that were developing in uncontrolled ways in both, production and consumption. For another, waste experts believed in the idea that material flows could be technically channelled into closed loops: Just as nature metabolizes organic rests as valuable nutrients, wastes could be fed back into production without too much loss.

It is in particular this vision – dominanting for more than a century – that must be explained by the dimensions of faith and hope rather than by objectivity and rationality, and it soon came into conflict with 20th century scientific knowledge: For example, any recycling results in so called downcycling effects, namely loss and inferior material qualities. Likewise, the idea that landfilled waste would decompose along the lines of a compost heap did not withstand a closer scientific analysis of dumpsites. The presentation argues that, for the case of waste disposal, we need to consider a third dimension next to faith and hope to find a cost-effective “technological fix”, namely that of ignorance. The latter lead actors to propose disposal methods of which they must have known that they would lead to new problems.