Rhetorik der Gewissheit – dynamisches Wissen. Glaubensfragen in der Vormoderne/Rhetorics of Certainty – Dynamic Knowledge: Negotiating Faith and Certainty in Premodern Europe

(Renate Dürr, Tübingen, Irene van Renswoude, Den Haag/Utrecht)

Irene van Renswoude, Den Haag:
What Not to Read. Lists of »Suspicious« Books Before the Index (500–1500)

Carine van Rhijn, Utrecht:
»A Good Day to Move your Bees«. Early Medieval Prognostic Texts Between Fabula and Pastoral Care.

Martin Mulsow, Gotha:
Unter der Oberfläche der Gewissheit: »katholische« Lehre um 1700

Eric Jorink, Den Haag:
The Ark and the Temple. Visualizing Biblical Constructions in the Dutch Republic (17th century)

Renate Dürr, Tübingen:
War Noah ein Chinese? Heterodoxie im christlichen Universalismus jesuitischer Weltchroniken des 17. und 18. Jahrhunderts

Abstracts (scroll down for English version)

Angesichts der Rhetorik, mit der man nicht nur in der Vormoderne versucht hat, gesichertes Wissen von hypothetischem, Wahrheit von Betrug, Rechtgläubigkeit von Häresie zu unter­scheiden, erscheinen sich Glaubensfragen schnell in der Gegenüberstellung von richtig oder falsch zu erschöpfen. Was als rechtgläubig zu gelten hat und worin gesichertes Wissen be­steht, erscheint nach dieser Rhetorik eindeutig definierbar und damit klar abgrenzbar von Hä­resie oder Phantasterei. Folgt man dieser Rhetorik und fragt nach der jeweils anerkannten kodifizierten Wahrheit, dann reproduziert man zum einen die spezifische Lesart einer spezifi­schen Zeit und Gesellschaft, auch dann, wenn man sich für die jeweils andere Seite interes­siert. Zum anderen impliziert diese Rhetorik von Gewissheit zumindest die Idee von ewiger oder grundsätzlicher Gültigkeit. Inso­fern verbindet sich mit dem Konzept von Orthodoxie gerade nicht die Frage nach deren ge­sellschaftlicher Konstruiertheit, nach den Prozessen von Adaptation und Überformung, nach Uneindeutigkeiten und dem Zusammenspiel mit dem, was jeweils für heterodox gehalten wurde. Wandel ist in Glaubensfragen eigentlich nicht vorgesehen. Wandel erscheint dann als Bruch mit alten Traditionen oder als wissenschaftliche Revolution, jedenfalls als etwas, das die Rhetorik der Gewissheit von außen erschütterte. Nicht nur in modernisierungstheoretisch angehauchten Erklärungsmodellen wird eine solche Rhetorik der Gewissheit für ein typisches Moment der Vormoderne gehalten.
Mit dem Konzept des „Wissens“ verbindet sich häufig ebenfalls nicht die Idee der Vorläufig­keit. Denn auch der Begriff „Wissen“ scheint als Gegenbegriff zu Glauben und Nicht-Wissen grundsätzliche Gültigkeit zu beanspruchen – jedenfalls aus Perspektive der jeweiligen Ak­teure. Dass dies stets eine Illusion darstellt, haben wissenssoziologische wie auch wissens­historische Forschungen seit geraumer Zeit herausgestellt. Auch aus der Vormoderne gibt es Hinweise darauf, dass man sich der Vorläufigkeit des Wissens bewusst sein konnte. Zur Rhetorik der Gewissheit gehörte jedoch die Evokation einer klaren Gegenüberstellung von kodifiziertem und verworfenem Wissen. Dagegen interessieren wir uns für die Implikationen des „apokryphen“ Wissens, das trotz oder vielleicht sogar wegen ihres apokryphen Status rezipiert wurde. Was dies für die Konzeption von Wissen überhaupt bedeutet, wird in der neueren Wissenschafts-und Ideengeschichte manchmal unter Rückgriff auf den Begriff „pre­käres Wissen“ diskutiert, den Martin Mulsow (2012) für bestimmte Wissensstränge und be­stimmte Wissensträger in der Frühen Neuzeit geprägt hat, der allerdings vielleicht auch dazu dienen kann, „Wissen“ überhaupt „dynamisch“ zu fassen.

Irene van Renswoude, Den Haag:
Nicht lesen! Listen ‘verdächtiger’ Bücher vor dem Index (500-1500)
Lange vor dem Index verbotener Bücher (1559) zirkulierten Kataloge und Listen empfehlenswerter und abzulehnender Bücher. Was aber bedeuteten Klauseln wie ‚abzulehnen‘ oder ‚nicht aufzunehmen‘ in mittelalterlichen Buchlisten genau? Unterlagen solche Bücher, die als häretisch, apokryph oder auf andere Weise verdächtig klassifiziert wurden, tatsächlich einem Leseverbot? Sollten sie vernichtet werden? Oder wurde ihnen eher ein besonderer Status zugewiesen? Dieser Vortrag nimmt die Kommentare und Anmerkungen von Lesern an den Rändern abgelehnter Texte in den Fokus, um herauszufinden, wie die Vorschriften in präskriptiven Buchlisten bezüglich nicht zu lesender Bücher interpretiert und in die Praxis umgesetzt wurden. Tatsächlich, so die These des Vortrags, war der Übergang zwischen akzeptierter und abgelehnter Lektüre fließend und verhandelbar.

Carine van Rhijn, Utrech:
‚Ein guter Tag, um deine Bienen umzusiedeln‘. Frühmittelalterliche Prognostiken zwischen fabula und Seelsorge
Prognostische Texte, die beispielsweise dem Zyklus der Woche oder des Mondes folgen, um alltägliche Dinge wie die Ernte, die Bedeutung von Träumen, die Aussichten, eine Krankheit zu überleben, oder den Charakter eines Neugeborenen vorherzusagen, sind für die Zeitspanne von der ausgehenden Antike bis in die Frühe Neuzeit in beachtlicher Anzahl überliefert. Meist wurden sie als Texte interpretiert, die sich außerhalb der religiösen Sphäre im engeren Sinne bewegten, entweder als Volksglaube, Aberglaube, heidnisches Überbleibsel oder sogar Magie. Auf der Basis einer Fallstudie aus der karolingischen Zeit (8./9. Jhdt.) soll dagegen aufgezeigt werden, dass diese Texte vielmehr Teil der frühmittelalterlichen religiösen Kultur waren und ihnen eine wichtige Rolle in der Seelsorge spielen konnten, wenn sie sich in den ‚richtigen‘ Händen befanden. Das Beispiel einer Handschrift führt in die Welt ländlicher Laiengemeinschaften, in denen solche Texte eine Brücke zwischen den Idealen christlichen Verhaltens und den Anforderungen des alltäglichen Lebens bauen konnte, für die das Christentum keine konkrete Orientierung bot.

Martin Mulsow, Gotha:
Unter der Oberfläche der Gewissheit: „katholische“ Lehre um 1700
Unter „doctrina catholica“ verstand man im 17. Jhdt. nicht nur die römische Konfes­sion, sondern konnte sich auch auf die noch „allumfassende“ Lehre der Kirchenväter vor dem Konzil von Nizäa beziehen. Die Autorität dieser Väter war ungebrochen – dennoch wurde ihre Logostheologie inzwischen heiß diskutiert. Es war umstritten, ob die subordinatianische Trinitätstheologie nur „noch nicht“ ganz orthodox, aber auf dem Wege dahin war, oder ob sie „nicht“ orthodox war und den Antitrinitariern in die Hände spielte. Eine Vermittlungsposition entwickelte der Engländer George Bull, und an ihm orientierte sich der preußische Theologe Johann Georg Wachter, der eine nie veröffentlichte „Theologia martyrum“ schrieb und die Logoslehre mit Spinoza und der Kabbala assoziierte. Was war Wachter nun? Ein Freidenker, der langsam katholisch wurde, oder ein patristisch gebildeter Theologe, der auf den Abweg des Spinozismus geriet? Dass Wachter seine „Theologia Martyrum“ nicht veröffentlichen konnte, zeigt, dass die Dynamik des Wissens ihn ins Prekäre geführt hatte.

Eric Jorink, Den Haag:
Die Arche und der Tempel. Visualisierungen biblischer Konstruktionen in der Niederländischen Republik (17. Jhdt.)
Frühneuzeitliche Gelehrte waren davon fasziniert, im Anschluss an frühe Bibelkommentare Gebäude und andere Konstruktionen auf der Basis der biblischen Berichte zu visualisieren – z.B. den Turm zu Babel. Oft aus religiösen Motiven begonnen, brachten diese Vorhaben erhebliche Schwierigkeiten mit sich, neben philologischen Details v.a. hinsichtlich der Einbindung mathematischer Berechnungen, neuer empirischer Befunde und Vernunftüberlegungen. Der Vortrag konzentriert sich auf Willem Goeree (1636-1711), einen zu seiner Zeit berühmten niederländischen Architekten, Theologen, Sammler und selbsternannten Gegner von Spinoza, Adriaan Koerbagh, Isaac Vossius und anderen Bibelkritikern. Er wollte von den künstlerischen Fantasien über biblische Geschichten wegkommen und stattdessen die Wahrheit des wörtlichen Schriftsinns belegen, indem er die relevanten Textstellen sowohl mit seiner eigenen orthodoxen Sichtweise als auch mit dem Wissen der Antike und der Völker des Orients in Einklang zu bringen suchte. Dennoch geriet er mit seinen Rekonstruktionen der Arche und des Tempels in gefährliche Nähe zu radikalen Bibelkritikern.

Renate Dürr, Tübingen:
War Noah ein Chinese? Heterodoxie im christlichen Univer­salismus jesuitischer Weltchroniken des 17. und 18. Jahrhunderts
Im Mittelpunkt des Vortrages soll eine Chronologie des Grazer Jesuiten Joseph Stöcklein ste­hen, die er im Jahre 1729 in dem von ihm herausgegebenen „Neuen Welt=Bott“ veröffentlicht hatte. Stöcklein war der erste, der die gestellte Frage, ob Noah ein Chinese war, klar mit „ja“ beantwortete, insofern er sämtliche alttestamentlichen Patriarchen mit chinesischen Kaisern aus der Frühzeit der Überlieferung gleichsetzte. Die Frage selbst lag allerdings spätestens seit der ersten lateinischen Geschichte Chinas von 1658 des Jesuiten Martino Martini in der Luft. Das Wissen um die Geschichte und Kultur in China (und Ägypten) forderte die europäischen Gelehrten darum nun schon seit Jahrzehnten heraus. Welche Methoden erlauben Gewissheit über das Alter von Kulturen, wurde gefragt? Wie ist Gewissheit über die unterschiedlichen Versionen der biblischen Geschichte zu erlangen? Und: Sind nicht vielleicht doch verschie­dene Anfänge der Menschheitsgeschichte anzunehmen? Von grundsätzlicher Bedeutung wa­ren all diese Fragen, weil mit diesem Wissen aus anderen Kontinenten die Idee des christli­chen Universalismus, der konfessionsübergreifend die Vorstellung von Welt und Geschichte bis dahin prägte, zunehmend brüchiger wurde. Joseph Stöckleins Antwort auf diese Fragen liest sich nun als ein besonders eloquentes Plädoyer für diesen christlichen Universalismus – ein Universalismus allerdings, der sich unter der Hand als ein chinesischer entpuppt.

Abstracts (English version)

 Rhetorics of Certainty – Dynamic Knowledge: Negotiating Faith and Certainty in Premodern Europe
Could statements in matters of knowledge only be either right or false? Premodern rhetorical attempts to define certain knowledge, truth, and orthodoxy and to distinguish them from fantasy, fraud, and heresy convey this impression. From a modern viewpoint, this concept of certainty, implying eternal and fundamental validity, is often considered to be characteristic of the premodern era. The concept of ‘orthodoxy’ is inherently incompatible with the notion of truth as a social construct. It leaves no room for processes of adaptation and transformation, for ambiguity or even interaction with what was regarded as heterodoxy. In matters of knowledge, to put it briefly, change seems impossible. It can only appear as a breach with tradition or scientific revolution, hence a blow from outside against the rhetoric of certainty.
Similarly, the concept of ‘knowledge’ does not convey the idea of something preliminary. As the opposite to belief and unknowing, ‘knowledge’ seems to claim fundamental validity, too, at least from the perspective of those involved. Research into the sociology and history of knowledge have revealed these claims as illusory. Nevertheless, the rhetoric of certainty involved the evocation of a clear juxtaposition of codified and rejected knowledge. But what were the implications of declaring certain knowledge as ‘apocryphal’, which was received despite or perhaps because of this status? And what did this categorization mean for the concept of knowledge in general? In 2012, Martin Mulsow has proposed the term ‘precarious knowledge’ for certain strands of knowledge and its protagonists in the early modern period. This panel intends to demonstrate that this term has the potential to interpret ‘knowledge’ as dynamic.

Irene van Renswoude, Den Haag:
What not to Read. Lists of ‘Suspicious’ Books before the Index (500-1500)
Catalogues and lists that prescribed which books were good to read and which ones should be rejected circulated long before the Index of Forbidden books (1559). But what did the clause ‘to be rejected’ or ‘not to be received’ in medieval book lists precisely imply? Were those books that were classified as heretical, apocryphal or otherwise suspicious, actually banned from being read? Were they meant to be destroyed? Or were they rather allotted a special status? This paper will discuss the comments and annotations of readers in the margins of rejected texts, to see how the regulations in prescriptive book lists on ‘what not to read’ were interpreted and put into practice. It will demonstrate that the line between acceptable and un­acceptable reading was in fact fluid and open to discussion.

Carine van Rhijn, Utrecht:
‚A good day to move your bees‘. Early Medieval Prognostic Texts between Fabula and Pastoral Care.
Prognostic texts, which follow for instance the cycle of the week or the moon to ‚predict‘ every-day matters such as the harvest, the verity of dreams, the chances of surviving disease, or the character of a new-born child, survive in respectable quantities from Late Antiquity up into the Early Modern Period. Generally they have been interpreted as texts that move outside the realm of ‚real‘ religion, either as folk belief, as superstition, as pagan remnants or even as magic. This paper is a case study set in the Carolingian period (s.VIII/IX), in which I would like to argue that, quite to the contrary, these texts were part of early medieval religious cul­ture, and that they played a role in pastoral care if in the hands of the right people. The case of one manuscript will take us to the world of rural, lay communities, in which these texts may have functioned as a bridge between ideals of good Christian behaviour and the many de­mands of daily life for which Christianity had no fitting format.

Martin Mulsow, Gotha:
Under the Surface of Certainty: ‘Catholic’ Doctrine around 1700
In the 17th century, ‘Doctrina catholica’ did not only mean the Catholic confession, but could also refer to the ‘all-encompassing’ teachings of the church fathers before the council of Nicaea. The authority of the church fathers remained unquestioned; their theology of ‘logos’, though, had by then become a matter of hot debates. Catholic theologians argued over whether the subordinatian version of trinitarian theology could be regarded as merely ‘not yet’ orthodox but on the way towards it, or whether it was in fact unorthodox and a played into the hands of the antitrinitarians. The Englishman George Bull developed a compromise, which had an influence on the Prussian Theologian Johann Georg Wachter, who in his unpublished ‘Theologia martyrum’ associated the teaching of ‘logos’ with Spinoza and the Cabbala. What do we make of Wachter? Was he a libertine who slowly turned into a Catholic, or a theologian well-versed in patristic teaching, who went astray into Spinozism? The fact that he refrained from publishing his ‘Theologia Martyrum’ shows that the dynamics of knowledge led him into precarious terrain.

Eric Jorink, Den Haag:
The Ark and the Temple. Visualizing Biblical Constructions in the Dutch Republic (17th Century)
Elaborating on the work of the early commentators of the Bible, early modern scholars were increasingly fascinated by visualizing buildings and constructions as described in the Bible, such as for example the tower of Babel. However, what often started as deeply religious en­terprise, turned out to be fraught with difficulties, both with regard to philological detail as well as to mathematics, new empirical data and sound reason. I will focus on Willem Goeree (1636-1711) a little known, but then famous Dutch architect, theologian, collector and self-appointed enemy of Spinoza, Adriaan Koerbagh, Isaac Vossius and other biblical critics. Goeree wanted to get rid of artistic fancy concerning biblical stories and, instead, tried to demonstrate the truth of the literal reading. His aim was to make the surveying ground texts consistent with his own orthodox views as well as with his great knowledge of the ancient peoples and of the Middle East. However, his reconstruction of the Ark and the Temple brought him dangerously close to the radical biblical critics.

Renate Dürr, Tübingen:
Was Noah Chinese? Heterodoxy in the Christian Universalism of Jesuit World Chronicles of the 17th and 18th Centuries
This paper focuses on a chronological essay of the Jesuit Joseph Stöcklein from Graz, which he published in 1729 in his journal New World Messenger. Stöcklein was the first to answer the question as to whether Noah was Chinese with a clear yes, for he equated all Old Testament patriarchs with Chinese emperors from the earliest tradition. The question itself had been debated at least since the publication of the first history of China by Martino Martini in 1658; for decades, knowledge about the history and culture of China and Egypt had been a challenge to European scholars. Which methods offered certainty about the age of cultures? How could one make sense of the different versions of biblical history? And: Does one need to assume several origins of human history instead of one? Questions like these proved fundamental because the increasing input of knowledge from other continents threatened the concept of Christian universalism that had dominated notions of the world and of history across the confessions. Stöcklein’s answer seems to be a particularly eloquent plea for this Christian universalism –one which, as a by-product, also emerged as Chinese.