Repräsentation von Kindheit in außereuropäischen Gesellschaften/ Representations of Childhood in the Extra-European World

(Barbara Potthast, Köln, Nina Schneider, Köln)

Silke Strickrodt, London:
Sticken für die christliche Mission: Mustertücher als Quelle für die Erfahrungswelten afrikanischer Kinder in Sierra Leone, 1820er–1840er

Katharina Stornig, Mainz:
Die Kindheit des Sklaven/der Sklavin: Repräsentationen ostafrikanischer Sklavenkinder in christlichen Medien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

Barbara Potthast, Köln:
Die Repräsentation von Kindern und Jugendlichen im Paraguaykrieg (1864/5–1870)

Vanessa Höse, Köln:
Gefährlich und gefährdet: Straßenkinder im Fokus der argentinischen Magazinpresse, 1900–1920

Nina Schneider, Köln:
Die fotografische Repräsentation von Kinderarbeit in Brasilien im frühen 20. Jahrhundert

Abstracts:

Silke Strickrodt, Birmingham:
Sticken für die christliche Mission: Mustertücher als Quelle für die Erfahrungswelten afrikanischer Kinder in Sierra Leone, 1820er-1840er
Der Vortrag diskutiert die Repräsentation von Kindern durch christliche Missionsgesellschaften in der britische Kolonie Sierra Leone in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen dabei Mustertücher, die von afrikanischen Mädchen in Missionsschulen angefertigt und von den Missionaren an Unterstützer/innen der Mission in Großbritannien geschickt wurden. Diese Tücher sollten Zeugnis von der Lernfähigkeit der Kinder und der erfolgreichen Arbeit der Missionare geben. Als direkte, von afrikanischen Kindern stammende Quellen sind die Tücher einzigartig, doch was können solche materielle Quellen oder „Textil-Dokumente“ über die Erfahrungs- und Lebenswelten dieser Kinder in den Missionsschulen aussagen? Im Vortrag werden der Entstehungskontext wie die Nutzungsgeschichte dieser Tücher untersucht, wobei der Instrumentalisierung von Kindern für Werbezwecke durch die Missionare im Kontext der Neubewertung von Kindheit in Europa in dieser Zeit besondere Aufmerksamkeit gilt.

Katharina Stornig, Mainz:
Die Kindheit des Sklaven/der Sklavin: Repräsentationen ostafrikanischer Sklavenkinder in christlichen Medien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
Der Vortrag von Katharina Stornig analysiert die Repräsentation von Sklavenkindern aus dem nordöstlichen Afrika in deutschsprachigen Missionszeitschriften des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Seit der Jahrhundertmitte propagierten vor allem katholische Gruppen die Expansion der Missionstätigkeit im Inneren Afrikas mit Verweis auf beides, die Rettung von Seelen und die Befreiung von Körpern aus Sklaverei und Sklavenhandel. Dabei standen insbesondere Kinder im Zentrum der Argumentation: Die missionarischen Werbeschriften fokussierten häufig auf Sklavenkinder, die sie zum einen als unschuldige Opfer grausamer Erwachsener und zum anderen als besonders empfänglich für die christliche Unterweisung repräsentierten. Die Missionen druckten und verbreiteten zahlreiche Berichte aus Afrika, mittels welchen sie die Schicksale von Sklavenkindern für eine deutsche Öffentlichkeit glaubwürdig darstellen und um finanzielle Unterstützung werben wollten. Dabei handelt es sich nicht nur um gedruckte (Kurz-)Biografien, Augenzeugenberichte, Fotos und literarische Erzählungen von Sklavenkindheiten, sondern vereinzelt auch um (vermeintliche) Selbstzeugnisse, Kindheitserinnerungen und Briefe ehemaliger Sklaven und Sklavinnen. Der Vortrag setzt hier an. Im Rahmen einer kritischen Auseinandersetzung mit ausgewählten Zeitschriften („Jahresbericht des Vereins zur Unterstützung der armen Negerkinder“, „Das Negerkind“, „Echo aus Afrika“), sollen deren Möglichkeiten und Grenzen als historische Quellen diskutiert werden. Es wird argumentiert, dass Teile dieser Zeitschriften – trotz ihrem propagandistischen und oft stereotypen Charakter – auch wertvolle Einblicke in die Leben und Erfahrungen einer bislang von der Geschichtswissenschaft nur wenig beachteten Gruppe von Kindern in außereuropäischen Gesellschaften erlauben.

Barbara Potthast, Köln:
Die Repräsentation von Kindern und Jugendlichen im Paraguaykrieg (1864/5-1870)
Während des sog. Paraguay- oder Tripel Allianz Krieges (1864/5 – 1870), des blutigsten Krieges in Lateinamerika im 19. Jh., wurden auf paraguayischer Seite in den letzten beiden Kriegsjahren Kinder und Jugendliche eingezogen. Um der Gegenseite über die Schwäche und Dezimierung des paraguayischen Heeres zu täuschen, kämpften Kindersoldaten in einer der letzten Verteidigungsschlachten mit angeklebten Bärten. Bereits während des Krieges entbrannte in der Propaganda sowohl der Alliierten als auch der Paraguayer eine Debatte über den Einsatz von Kindersoldaten, die zur Untermauerung der jeweiligen politischen Positionen diente.  Der Vortrag wird diese Debatte anhand von Zeitungsmeldungen, Bildmaterial sowie Memoiren nachzeichnen.

Vanessa Höse, Köln:
Gefährlich und gefährdet: Straßenkinder im Fokus der argentinischen Magazinpresse, 1900-1920
Im Kontext von Urbanisierung, Masseneinwanderung und Sozialer Frage zu Beginn des 20. Jahrhunderts widmete sich die argentinische Presse extensiv Fällen von Straßenkindern, Familiendramen, Waisenkindern, Kinderarbeit und straffälligen Kindern im städtischen Raum. Insbesondere Fragen der Delinquenz, Internierung und Reformierbarkeit von Kindern und Jugendlichen geriet in den Fokus der Bildpresse. Kinder wurden dabei zu einer Projektionsfläche für die gesellschaftlichen Umbrüche und Probleme der urbanen Gegenwart, über die sich Diskurse von Ökonomie, Pädagogik, Famile, Geschlecht, Kriminalistik und Hygiene entfalteten.
Der Vortrag wird vor allem auf bildanalytischer Ebene zeigen, wie über die Frage der Kindheit defizitäre Familienverhältnisse problematisiert, die Rolle von Wohlfahrtorganisationen evaluiert und letztlich die Notwendigkeit eines fürsorglichen Staats behauptet und durchgesetzt werden konnte. Die Problematisierung von Kindern und Jugendlichen aufgrund sozialer Prekarität und deviantem Verhalten gewann dadurch im argentinischen Magazinjournalismus biopolitischen Charakter und wurde zum Fluchtpunkt von Debatten um die Verfasstheit der Nation.

Nina Schneider, Köln:
Die fotografische Repräsentation von Kinderarbeit in Brasilien im frühen 20. Jahrhundert
Der Beitrag diskutiert fotografische Repräsentation von Kinderarbeit Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts in Brasilien. Kinderarbeit war in Brasilien lange Zeit kein gesellschaftlich relevantes Thema. Erst in den 1970er Jahren formierten sich erste soziale Bewegungen gegen Kinderarbeit. Bis heute fehlen detaillierte Forschungen, wie viele Kinder zur Jahrhundertwende arbeiteten, um welche Altersgruppen es sich handelte und in welchen Sektoren sie eingesetzt wurden. Unerforscht ist zudem, ob bestimmte Tätigkeiten Kindern einer bestimmten sozialen oder ethnischen Gruppe bzw. einem Geschlecht zugeteilt wurden. Der Beitrag zeigt die Schwierigkeit auf, geeignete Quellen über Kinderarbeit zu finden und geht der Frage nach: Inwieweit kann Fotomaterial die historische Forschungslücke schließen insbesondere wenn wenig (oder keine) weitere Quellen zur Triangulierung vorliegen? Was sind Vor- und Nachteile von Bildquellen, speziell inwiefern erhellt oder verdeckt die  fotografische Darstellung die Handlungsmacht von Kindern? Fotos, so die Hypothese, haben nicht nur das Potenzial, zu einer mehrstimmigeren Geschichtsschreibung beizutragen, sondern helfen,  anachronistische moralische Bewertungen kritisch zu reflektieren und zu differenzierteren Ergebnissen zu gelangen. So zeigen Fotos aus verschiedenen Archiven in Rio und Sao Paulo, dass die Arbeitsbedingungen sehr stark variierten und dass, obgleich Kinder häufig physisch ausgebeutet wurden, sie Ausbildungen erhielten die mit einer Lehre vergleichbar sind. Das Fotomaterial hilft somit Fragen aufzuwerfen und Ambivalenzen aufzuzeigen, welche bestmöglich durch weitere Quellen eindeutiger geklärt werden können.