Religionskriege im Mittelalter. »Eine Glaubensfrage?« / Religious Wars. »A Matter of Faith?«

(Hans-Werner Goetz, Hamburg)

Hans-Werner Goetz, Hamburg: Glaubenskriege? Die Kriege der Christen gegen Andersgläubige in der mittelalterlichen Wahrnehmung
Wolfram Drews, Münster:
»Glaubenskriege« Karls des Großen? Die fränkische Auseinandersetzung mit Sachsen und mit spanischen Muslimen
Nikolas Jaspert, Heidelberg:
Kreuzzüge und »Reconquista« im 12. Jahrhundert: die Grenzen des Glaubenskriegs
Almut Höfert, Zürich:
Heilige und heiliger Krieg

Abstracts (scroll down for English version):

Im abendländischen Mittelalter, das gern als „Zeitalter des Glaubens“ bezeichnet wird, wirken Religion und Kirche nicht nur in alle Lebensbereiche hinein, sondern der christliche Glaube wird unstrittig auch zur Legitimation von Kriegen gegen Andersgläubige, gegen Muslime ebenso wie gegen Häretiker und Heiden, benutzt, die entsprechend immer wieder als gezielte Glaubenskriege gedeutet werden. Diesbezügliche Forschungen zum ‚Heiligen Krieg‘, zum Verhältnis des Klerus zum Krieg oder zur Anwendung christlicher Riten in Krieg und Heerwesen untermauern das, auch wenn Begriffe wie „Heiliger Krieg“ bekanntermaßen nicht mittelalterlich sind: Gewalt im Namen der Religion ist auch nach jüngsten Forschungen ein Kennzeichen des Zeitalters. Andererseits nehmen Neuzeithistoriker durch den Glauben begründete „Religionskriege“ erst für die Frühe Neuzeit in Anspruch. In jüngster Zeit sind auch in der Mediävistik Zweifel an einer einseitigen Deutung laut geworden, da sie weder einem mehrschichtigen mittelalterlichen Denken noch der zeitspezifischen Religiosität des Mittelalters voll gerecht werden kann, die ‚Profanes‘ und ‚Sakrales‘ meist zwanglos miteinander zu vereinbaren wusste. Die sogenannten Glaubenskriege wurden von politischen und militärischen, sozialen, wirtschaftlichen und auch demographischen Motiven überlagert oder gar bestimmt. Die berechtigte Skepsis gegenüber den älteren, gewiss einseitigen Thesen hat aber nicht zwingend zur Folge, dass religiöse Kriegsmotive keinerlei Rolle spielten oder der Glaube nur als Vorwand benutzt wurde, wie ein säkularisiertes, modernes Denken meinen könnte. Vielmehr ist − und das soll in dieser Sektion an exemplarischen Beispielen geschehen − die Rolle des Glaubens in der Ideologie ebenso wie in der praktischen Umsetzung in Relation zu anderen wirksamen Motiven zu betrachten und im Verhältnis von mittelalterlicher Wahrnehmung und faktischer Realität zu bewerten. Im Ergebnis sind, zugleich als Beitrag zum Verhältnis von Religion und Gesellschaft im Mittelalter, ein differenzierteres Bild des Mittelalters und eine realistischere Einschätzung der ‚Glaubenskriege’ zu erwarten.

Hans-Werner Goetz Hamburg:
Glaubenskriege? Die Kriege der Christen gegen Andersgläubige in der mittelalterlichen Wahrnehmung
Eine Sakralisierung des Krieges ist nicht erst für christliche Zeiten charakteristisch, sondern bereits in der Antike gang und gäbe. Entscheidend für eine Charakterisierung als ‚Religionskrieg‘ ist nun nicht so sehr die Terminologie − da der Begriff nicht zeitgenössisch ist, ist eine begriffsgeschichtliche Untersuchung für das Mittelalter auszuschließen − oder das (wichtige) Verhältnis der Kirche zum Krieg als vielmehr die Frage, ob Kriege aus religiösen Motiven geführt wurden, sei es zum Ziel der Christianisierung oder zur Befreiung der heiligen Stätten (unter dem Motto Deus lo vult, „Gott will es“). Ebenso ist zwischen religiöser Motivation und religiöser Deutung eines Krieg (Gottes Beistand; Invasion oder Niederlage als Sündenstrafe) zu differenzieren. Von der Quellenlage her lassen sich die Kriegsmotive im Mittelalter nur von der zeitgenössischen Wahrnehmung vor allem in der mittelalterlichen Historiographie her und damit mangels Selbstzeugnissen nicht von den Akteuren, sondern von den − zudem im Rückblick und im Wissen um den Ausgang − Berichtenden er-fassen. Der religiöse Grund kann daher ein wirkliches Motiv oder auch den Ereignissen (nachträglich) untergeschoben sein, um einen Krieg zu rechtfertigen. Er kommt vor allem in Kriegen gegen Andersgläubige zum Tragen: gegen Heiden − Heiden-krieg wird oft ausdrücklich erlaubt −, Sarazenen − werden Auseinandersetzungen hier schon vor den Kreuzzügen als Religionskriege um des Glaubens willen wahrgenommen? − sowie gegen Häretiker. Nach den Ergebnissen eines Forschungsprojekt zur Wahrnehmung anderer Religionen konnten gerade Chronisten von Andersgläubigen einerseits nahezu emotionslos berichten, andererseits führten hier vor allem kriegerische Auseinandersetzungen zu religiöser Abgrenzung und Diffamierung. In diesem Sinn wird im Vortrag an exemplarischen Fällen (unter anderem anhand Gregors von Tours, der Normanneneinfälle, der sehr frühen Reconquista, der Missionskriege im Urteil der Nachwelt oder der Kreuzzugsepik) diskutiert, in welchen Zusammen-hängen und in welchem Ausmaß eine religiöse Motivation von Kriegen eine Rolle spielt und Kriege gegen Heiden, Sarazenen und Ketzer als ‚Religionskriege‘ wahrgenommen werden.

Wolfram Drews, Münster:
‚Glaubenskriege‘ Karls des Großen? Die fränkische Auseinandersetzung mit Sachsen und mit spanischen Muslimen
Karl der Große, der Begründer des fränkischen Großreiches im frühen Mittelalter, galt sowohl im hohen und späten Mittelalter als auch in der Neuzeit zuweilen als Exemplum eines Glaubenskriegers. Der Neubegründer eines römischen Kaisertums wurde nicht nur als Schutzherr der römischen Kirche angesehen, sondern auch als Anführer eines religiös motivierten Krieges gegen spanische Muslime, als Verfechter einer auch gewaltsamen Mission gegenüber den heidnischen Sachsen und nicht zuletzt auch als vermeintlicher Anführer einer bewaffneten Pilgerfahrt zu den Heiligen Stätten im Heiligen Land, also als Kreuzfahrer avant la lettre. Viele dieser Zuschreibungen, wie sie sich etwa auf dem Aachener Karlsschrein finden, halten einer kritischen historischen Überprüfung jedoch nicht stand, spiegeln sie doch eher die Sicht-weise späterer Epochen auf Herrschaftspraxis und Herrschaftslegitimation des ersten karolingischen Kaisers. Der Vortrag nimmt vor diesem Hintergrund die zeitgenössischen Quellen in den Blick und analysiert deren Sichtweise auf die Motivation der Kriegszüge Karls des Großen gegen spanische Muslime und heidnische Sachsen. Da-bei wird danach gefragt, wem in diesen Quellen die Initiative für kriegerische Auseinandersetzungen zugeschrieben wird, mit welchen Argumenten sie legitimiert werden und ob sie in eine irgendwie geartete ideologische Tradition eingeordnet werden, etwa in die eines religiös gerechtfertigten Krieges wie in bestimmten Passagen des Alten Testamentes oder in hagiographisch überhöhten Berichten über militärische Auseinandersetzungen Kaiser Konstantins des Großen. Im Ergebnis wird geklärt, ob die genannten Kriegszüge Karls des Großen schon in den frühmittelalterlichen Quellen in besonderer Weise ideologisch hervorgehoben werden, ob sie also bereits von Zeitgenossen als „Glaubenskriege“ verstanden wurden.

Nikolas Jaspert, Heidelberg:
Kreuzzüge und ‚Reconquista‘ im 12. Jahrhundert: die Grenzen des Glaubenskriegs
Die mittelalterlichen Kreuzzüge und die unter dem Begriff der „Reconquista“ subsumierten Kriege zwischen muslimisch und christlich beherrschten Reichen der Iberischen Halbinsel sind zu Signa geworden für die als unheilsam geltende Verflechtung von Glaube und Gewalt, welche vermeintlich das Mittelalter wie keine andere Epoche kennzeichnete. Wird derzeit häufig und vorschnell vermutet, dass kriegerische Konflikte zwischen muslimischen und christlichen Herrschaftsträgern grundsätzlich religiös motiviert gewesen seien, so gilt dies besonders für die Kreuzzüge, weil gemeinhin der Ablass und damit die Erlangung geistlicher Gnaden als eines ihrer her-ausragenden Merkmale angesehen wird. Nach dieser Lesart waren Kreuzzüge stets und zuvörderst eine Form von spirituell verdienstvoller Gewaltanwendung; Ähnliches wird umgekehrt dem Dschihad attestiert. Offensichtlich ist hier Differenzierung gefragt. Dazu ist grundsätzlich das Verhältnis zwischen Glaube und Religion im hohen Mittelalter zu analysieren. Um deren Relevanz für die Kreuzzugsbewegung präziser als bislang üblich bestimmen zu können, bieten sich drei Vorgehensweisen an. Zum einen sollte nach Gruppen von Akteuren geschieden werden. Die Herkunft der Kombattanten ist genauso in Anschlag zu setzen wie ihre gesellschaftliche Zuordnung – nicht zuletzt deswegen, weil die Kreuzzüge durch eine große Breite beteiligter Gruppen und damit an potentiellen Motivationen gekennzeichnet waren, wogegen die überlieferten Deutungen der Ereignisse einem vergleichsweise reduzierten gesellschaftlichen Spektrum entstammten. Zum anderen verspricht der Vergleich zweier Kriegsszenarien – der Levante und der Iberischen Halbinsel – Aufschluss über die Bedeutung spezifischer Räume für die religiöse Aufladung christlich-islamischer Konflikte. Schließlich ist eine zeitliche Differenzierung unabdingbar, weil sowohl Kreuzzug als auch „Reconquista“ Wandlungen durchliefen. Hier kam dem 12. Jh. besondere Bedeutung zu, weil es in der christlich wie in der islamisch geprägten Welt durch eine Dynamisierung des religiösen Felds gekennzeichnet war.

Almut Höfert, Zürich:
Heilige und heiliger Krieg
Mittelalterliche Heilige wurden für viele Bereiche des Lebens um Beistand angerufen – auch in jenen Kriegen, in denen der Kampf für den christlichen Glauben gegenüber muslimischen Gegnern besonders stark betont wurde. So standen beispielsweise der Heilige Georg als herausragender Kreuzzugsheiliger und der Heilige Jakob, der als matamoros („Maurenschlächter“) auf der Iberischen Halbinsel angerufen wurde, den Christen in ihrem Kampf gegen Sarazenen und Mauren zur Seite. Aber die Beziehung zwischen Heiligen und „Heiligen Kriegen“ war weder eindimensional noch exklusiv und kann im Hinblick auf viele Aspekte betrachtet werden: Die Einbeziehung von Heiligenkulten als Glaubenspraxis bietet einen weiteren analytischen Zugriff, um die Vielschichtigkeit von sogenannten Glaubenskriegen zu erfassen.
Zunächst muss grundsätzlich zwischen der (freilich nicht immer nachweisbaren) Anrufung von Heiligen in der konkreten Kriegssituation und nachträglichen Deutungen wie etwa in Chroniken unterschieden werden, wonach ein Heiliger wunderbarerweise das Schlachtengeschehen beeinflusst habe. Des weiteren ist danach zu fragen, wo sich Sarazenenspezialisten unter den Heiligen herausbildeten und wo hingegen Heilige in ihrer allgemeinen Schutzfunktion im Krieg mit „Sarazenen“ angerufen wurden. In diesem Zusammenhang soll auch ein Blick auf Sizilien geworfen werden, dessen normannische Eroberung 1061-1091 nicht als Kreuzzug, aber gleichwohl als gottgefällige Beendigung der „sarazenischen“ Herrschaft galt. Als letzter Punkt sollen schließlich die unterschiedlichen Facetten einbezogen werden, die eine Heiligenfigur mit verschiedenen Heiligen- und Pilgerkulten in sich vereinigen konnte: Neben dem Heiligen Jakob als Maurenschlächter stand der friedliche Santiago der Jakobspilger auf ihrem Weg nach Compostela. In der Georgsverehrung finden wir überdies Kulte, in denen der Heilige, anstatt christliche Ritter in den Sarazenenkampf zu führen, mit dem muslimischen Khidr, einer herausragenden Figur der muslimischen Heiligen, verschmolz.