(Lisa Dittrich, München)
Lisa Dittrich, München:
Einführung
Lisa Dittrich, München:
Europäischer Antiklerikalismus zwischen Säkularisierung und religiöser Suche
Martin Baumeister, Rom:
Sakralisierung der Politik und Politisierung der Religion in den europäischen Faschismen: Eine Historisierung des Konzepts der »politischen Religion«
Helena Tóth, Bamberg:
Religion als Ritual: Namensweihen in der DDR und in Ungarn
Lucian Hölscher, Bochum:
Säkularität zwischen Inkarnationstheologie und Religionsverachtung – die Großkirchen in der Nachkriegszeit
Siegfried Weichlein, Fribourg:
Kommentar
Abstracts (scroll down for English version)
Religion ist eine umstrittene Kategorie. Wissenschaftliche Diskussionen verschiedenster Disziplinen drehen sich bis heute darum, wie sie als Analysekonzept zu fassen sei. In historischen und zeitgenössischen Glaubensdebatten war und ist der Begriff umkämpft. Er wandelte sich im 19. und 20. Jahrhundert grundlegend und der bis heute gültige universale Religionsbegriff entstand erst in diesem Zeitraum. Zugleich entwickelte sich das Konzept der Säkularisierung. Eine methodische Auseinandersetzung mit Religion und ihrem Gegenpol Säkularisierung als Analysekategorien öffnet einen Raum, darüber nachzudenken, wie religiöse Phänomene im 19. und 20. Jahrhundert beschrieben werden können, und kann Anregungen für die jüngsten Debatten über die Charakterisierung der Religionsgeschichte dieser Epoche bieten.
Die Säkularisierungsthese sowie die Gegenthese der Persistenz der Religion bestimmten jahrzehntelang die Diskussion. Der Glaubenskampf um beide Meistererzählungen scheint aber zu schwinden. Die empirische Gültigkeit von Säkularisierungstendenzen ist zumindest im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts nicht von der Hand zu weisen trotz der weiter bestehenden Wirkmächtigkeit von Religion. Diese Erkenntnis schafft Raum für nuanciertere Interpretationen, die beide Tendenzen zugleich in den Blick nehmen und das Verhältnis von Religion und Säkularität, von Sakralem und Profanem ins Zentrum des Interesses stellen. Anknüpfend an diese Debatten wird das geplante Panel den Begriff Religion und seinen Gegenpart Säkularisierung als Analysekategorien in den Mittelpunkt rücken und fragen, wie religiöse Phänomene in ihrer Pluralität im Zeitalter der Säkularisierung analysiert werden können. In der Zusammenschau verschiedener empirischer Beispiele aus unterschiedlichen Ländern und politischen Regimen soll das Panel eine Zwischenbilanz zu bestehenden Untersuchungskonzepten ziehen und dazu beitragen, das Verhältnis von Religion und Säkularisierung im 19. und 20. Jahrhundert weiter zu erhellen.
Lisa Dittrich, München:
Europäischer Antiklerikalismus zwischen Säkularisierung und religiöser Suche
Die Schwierigkeit religiöse Phänomene im Kontext von Säkularisierung adäquat zu beschreiben stellt sich geradezu paradigmatisch im Fall des Antiklerikalismus. Antiklerikale stritten im Europa des 19. Jahrhunderts für Säkularisierung. Säkularisierung war hier kein automatischer Prozess der Moderne, sondern ein erkämpftes oder zu erkämpfendes Modell für Staat und Gesellschaft, in dem Kirchen und Religion eine geringere Rolle spielen sollten. Zugleich war der Antiklerikalismus, wie anhand von Beispielen aus Frankreich, Deutschland und Spanien deutlich wird, nicht antireligiös oder areligiös, sondern in ihm manifestierte sich konfessionsübergreifend auch eine Suche nach neuen Konzepten von Religion und Sakralisierungstendenzen. Damit erweist sich der Antiklerikalismus als Teil der Pluralisierung des religiösen Feldes.
Ausgehend von diesen Befunden zeigt der Beitrag in methodischer Hinsicht, dass nur ein flexibler Umgang mit den Begriffen Säkularisierung und Religion es ermöglicht, der Dynamik des Phänomens gerecht zu werden. Denn in den Kulturkämpfen selbst wurden beide Konzepte diskutiert. Darüber hinaus verdeutlicht der Beitrag die Notwendigkeit einer doppelten Perspektive. Im Falle historischer Phänomene, die wie der Antiklerikalismus am Rande der etablierten Religionsgemeinschaften angesiedelt waren, müssen einerseits die Selbstwahrnehmung der Zeitgenossen berücksichtigt und damit die Begriffe Religion und Säkularisierung historisiert werden. Anderseits kann nur mittels eines analytischen Zugriffs die Übernahme religiöser Traditionsbeständen nachgewiesen werden.
Martin Baumeister, Rom:
Sakralisierung der Politik und Politisierung der Religion in den europäischen Faschismen – Eine Historisierung des Konzepts der Politischen Religion
Der bis heute einflussreiche klassische, von Zeitgenossen geprägte Begriff der „politischen Religion“ der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts gründet auf einer eindimensionalen Säkularisierungsvorstellung, wonach die schwindende Bindekraft der überkommenen Religionen Raum geschaffen habe für eine Sakralisierung und Divinisierung säkularer Ordnungen wie Nation, Rasse und Klasse. Aktuelle Forschungen betonen dagegen die komplexen, widersprüchlichen Verschränkungen von Religion und Politik unter den fraglichen Regimen. Im Vortrag werden die Überlagerungen und Amalgamierungen, aber auch die Konkurrenz und Gegensätze zwischen „neuer“ Politik und tradierter Religion bzw. Kirche ausgehend vom Verhältnis zwischen dem italienischen Faschismus als Prototyp einer neuartigen Ideologie und Bewegung und dem Katholizismus mit vergleichenden Ausblicken auf den Nationalsozialismus und die iberischen Diktaturen analysiert und dabei die Unschärfe und widersprüchliche Vieldeutigkeit religiöser Semantiken in den zeitgenössischen Deutungskämpfen herausgearbeitet. Die Konjunktur der „politische Religion“ ist ein wichtiger Indikator nicht für den Bedeutungsverlust, sondern vielmehr für die wachsende Virulenz des Religiösen als Deutungs- und Legitimationskategorie unter dem Vorzeichen des Faschismus.
Heléna Tóth, Bamberg:
Religion als Ritual: Namensweihen in der DDR und in Ungarn
Als die Parteifunktionäre und die Mitglieder des kulturellen Establishments im sozialistischen Ost- und Mitteleuropa Ende der 1950er Jahre begannen, über die Einführung sozialistischer rites de passage nachzudenken, sahen sie sich mit verschiedenen Dilemmata konfrontiert. Auch wenn der Sozialismus bereits „real existieren“ sollte, bestanden weiterhin blinde Flecken im alltäglichen Leben, die nicht von der sozialistischen Kultur durchdrungen waren. Insbesondere die Kirchen hatten ihren Einfluss auf die rites de passage bewahren können: Taufe, Hochzeit und Beerdigung.
Sozialistische Staaten hatten in der Nachkriegszeit mit Religion als Institution gerungen. Nun setzten sie sich in einer neuen Phase des sogenannten „Kampfes zwischen den religiösen und säkularen Weltanschauungen“ mit Religion als Ritual auseinander. Man könnte argumentieren, dass die Parteifunktionäre jetzt erst gezwungen waren, sich damit zu beschäftigen, was Religion eigentlich leistet und wie. Ausgehend von Reden zu Namensweihen in Ungarn und der DDR widmet sich der Vortrag des von mir als „Schwellenproblem“ bezeichneten Phänomens. Während im christlichen Ritus die Taufe die Aufnahme der Person in die Gemeinschaft der Kirche markiert, kämpften die sozialistischen Ritualexperten darum, den Namensweihen einen vergleichbaren Sinn zu geben. Taufen sind in ihrer grundlegenden Bedeutung selbstverständlich rites de passage (von einem Status zum anderen). Die sozialistischen Ritualexperten mussten dagegen eine andere Schwelle für das neue Ritual erfinden, da die Babys als Staatsbürger eigentlich bereits mit ihrer Geburt Mitglieder der politischen Gemeinschaft waren.
Durch den vergleichenden Blick auf die unterschiedlichen Lösungen der Ritualexperten für das Schwellenproblem in Ungarn und der DDR wird die Vielfältigkeit der sozialistischen Kulturen verdeutlicht und die unterschiedlichen Funktionen der scheinbar gleichen Riten in den verschiedenen Staaten gezeigt. Darüber hinaus lädt das „Schwellenproblem“ dazu ein, grundsätzlich über die analytische Kategorie des Rituals nachzudenken. Aufbauend auf der Theorie des Rituals der Interaktion von Erving Goffmann und Peter A. Winns Theorie des rechtlichen Rituals schlägt der Vortrag eine dynamische Definition von Ritualen vor, welche uns erlaubt, sozialistische rites de passage als mehr zu denken als eine schlichte Ersetzung religiöser Rituale und zwar als ein konstitutiver Teil einer spezifischen politischen Kultur.
Lucian Hölscher, Bochum:
Säkularität zwischen Inkarnationstheologie und Religionsverachtung – die deutschen Großkirchen in der Nachkriegszeit
Die Bedeutung des Begriffs der ‚Religion’ ist in den modernen westlichen Gesellschaften bekanntlich nicht nur umstritten – Er ist sogar in sich widersprüchlich angelegt: D. h. positive Religionsbegriffe (die die Existenz des Göttlichen voraussetzen) schließen negative Religionsbegriffe (die die Existenz eines Göttlichen leugnen) in sich ein und umgekehrt. Beide sehen sich dadurch einem steten Bewährungsdruck gegenüber der je anderen Seite ausgesetzt.
Das Konzept der ‚Säkularisierung’, das in den letzten Jahrzehnten wegen seiner Vieldeutigkeit vielfach kritisiert worden ist, eignet sich wie kein anderes zur Vermittlung zwischen beiden Seiten und zur Aufnahme der Vielfalt religiöser Bezüge zwischen religiöser Tradition und moderner Gesellschaft. Es ist deshalb als analytische Grundkategorie zur Beschreibung moderner Gesellschaften unverzichtbar.
Die christlichen Kirchen haben in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg einen vielseitigen Säkularisierungsprozess durchlaufen: Mitgliedschaft und Teilnahme an kirchlichen Riten waren insgesamt rückläufig, die Gottesbilder und dogmatischen Positionen haben sich pluralisiert, kirchliche Gruppen und Repräsentanten haben aber auch an gesellschaftlichem Ansehen und Einfluss gewonnen. Diesem ambivalenten Befund Rechnung zu tragen, stellt die Zeitgeschichte vor neue Herausforderungen.
Abstracts (English version)
Religion – a Contested Category. Empirical and Theoretical Approaches for its Use in the Era of Secularization
Religion is a controversial category. Different scientific disciplines discuss to this day how to conceive this analytical concept. In historical and contemporary debates on faith the term was always and is still disputed. During the 19th and 20th century it fundamentally changed, as the universal concept of religion was born during this period. At the same time, the concept of secularization was developed. An analysis of the analytical categories of religion and its other, secularization, opens up a space to think about how to describe religious phenomena in the 19th and 20th century and it can be a stimulus for the most recent debates about the characterization of the history of religion in this époque.
During decades the thesis of secularization and its counter narrative about the persistence of religion marked these debates. But the battle over these two master narratives seems to come to an end. At least in Europe of the 19th and 20th century the empirical validity of secularization cannot be questioned despite of the persistent power of religion. This acknowledgement gives room for nuanced interpretations, which take into account both tendencies and ask for the relation between religion and secularity, between the sacred and the profane. Taking these discussions as a starting point, the panel focuses on religion and secularization as analytical categories, asking how to analyse religious phenomena in their plurality in the age of secularization. In a survey of different empirical examples of several countries and political regimes, the panel aims at drawing an interim balance on existing methodical concepts, helping to clarify the relationship between religion and secularization in the 19th and 20th century.
Lisa Dittrich, München:
European Anticlericalism between Secularization and the Search for New Concepts of Religion
The case of anticlericalism shows in a paradigmatic way the difficulties describing religious phenomena in the context of secularization in an adequate manner. Anticlericals struggled in Europe during the 19th century for secularization. The Secularization was, in this case, not an automatic process of modernity, but it has to be conceptualized as the anticlerical model of state and society, where churches and religion played a minor role. At the same time, anticlericalism was not antireligious or areligious, as shown in examples of France, Germany and Spain. A search for new concepts of religion and tendencies towards a sacralization were also manifest in the anticlerical critic across the confessional divisions. Therefore, anticlericalism proves to be part of the pluralization of the religious field.
In a methodological perspective the paper will argue, that only a flexible use of the terms of secularization and religion can grasp the dynamic of the phenomena, as the both concepts were discussed in the culture wars themselves. Moreover, the religious meaning of anticlericalism has to be analyzed by a twofold perspective. In cases of historical phenomena, which were situated at the edge of the established religious denominations like anticlericalism, it is necessary to reflect the self-conception of the contemporaries on the one hand, therewith historicizing the concepts of religion and secularization. On the other hand the adoption of religious traditions can only be detected with an analytical approach.
Martin Baumeister, Rome:
Sacralization of Politics and Politicization of Religion in European Fascism – A Historization of the Concept of Political Religion
The concept of „political religion“ as coined by contemporaries of the totalitarian regimes of the 20th century continues to be used in historical analysis. It is based on a one-dimensional idea of secularization, claiming that due to the dwindling power of religion there was an increasing sacralisation and divinization of secular notions such as nation, race or class. Current research, however, underlines the complex and contradictory entanglements of religion and politics in the totalitarian regimes. The paper analyses the intersections and the amalgamation as well as the concurrence and conflicts between the “new” politics and traditional religions and churches. Firstly, it focuses on the case of Italian fascism as a prototype of a new ideology and social movement and its relationship with Catholicism; secondly, it draws some comparisons with National Socialism and the Iberian dictatorships, pointing out the blurred and ambiguous character of religious semantics in contemporary debates. The raise of “political religions” is understood as an important indicator not for the decreasing force of religion but for the increasing significance of the religious as an ideological battleground and a means for legitimization under the auspices of fascism.
Heléna Tóth, Bamberg:
Religion as Ritual: Name Giving Ceremony in the GDR and Hungary
When party officials and members of the cultural establishment across socialist Eastern and Central Europe started thinking about introducing socialist rites of passage in the late 1950s, they faced several dilemmas. Although socialism should have been already established (real and existing), several aspects of everyday life still remained blind spots from the point of view of socialist culture. Notably, Churches retained their hold on rites of passage: baptism, weddings and funerals.
Socialist states had already confronted religion as an institution in the aftermath of the Second World War. Now, in a new wave of the so-called struggle “between the religious and secular world views,” they faced religion as ritual. One could well argue that it was only at the end of the 1950s that party officials were forced to think systematically about what religion actually does and, more importantly, how it does it. The paper takes the scripts of name giving ceremonies in Hungary and the GDR as starting point to think about a phenomenon I term the “threshold problem.” While in Christianity, baptism marks the acceptance of a person into the Church, socialist ritual experts struggled to fill the name giving ceremony a similar meaning. Baptism clearly functioned as a “rite of passage” (from one state to another), but socialist ritual experts had to invent a new threshold for the new ritual. After all, babies automatically gained membership in the body politic upon birth as citizens of the state.
Looking comparatively at the different solutions East German and Hungarian ritual experts developed for the “threshold problem” reveals the broad variety of socialist culture(s) and also the vastly different functions seemingly similar rituals fulfilled in different states. Furthermore, the “threshold problem” invites a fundamental rethinking of ritual as an analytical category. Building on Erving Goffman’s theory of “rituals of interaction” and Peter A. Winn’s theory of legal rituals, the paper suggests a dynamic definition for rituals, which enables us to consider socialist rites of passage as more than mere substitutions for religious rituals, but as constitutive parts of a particular political culture.
Lucian Hölscher, Bochum:
Secularism between Theology of Incarnation and Disdain of Religion – the German Volkskirchen in Post-War-Era
The significance of the concept of „religion“ is not only disputed in the modern Western world, but the term is contradictory in itself: Positive notions of religion which imply the existence of the divine comprehend at the same time negative notions which deny the existence of the divine and vice versa. Thus, both concepts have to be legitimized continuously in opposition to the other.
The concept of “secularization” has been widely criticised in the last decades for its ambiguity. Nevertheless, it is more suited than any other category to mediate between the two notions of religion and to reflect the variety of religious references between religious traditions and modern society. Therefore secularization is an essential category to describe modern societies.
Since the Second World War German Christian churches have passed a versatile process of secularization. On the one hand church membership and the participation in church rites were generally decreasing and the ideas of God as well as dogmatic positions were multiplied. On the other hand certain groups of the churches and their representatives have gained in reputation and influence. It is a challenge for contemporary history to do justice to this ambivalent picture.



