Religiöser Humanitarismus im Zeitalter des Säkularismus: Hilfe für Kriegsgefangene und zivile Opfer von Konflikten nach 1945 / Religious Humanitarianism in the Age of Secularism: Aid to Prisoners of War and Civilian Victims of Conflicts after 1945

(Maria Framke, Rostock, Andreas Weiß, Braunschweig)

Benjamin Ziemann, Sheffield:
Moderation
Maria Framke, Rostock:
»Fine work done?«: Humanitäre Hilfe nicht- staatlicher religiöser Akteure während der Partition, 1947–49
Andreas Weiß, Braunschweig:
Christen als Flüchtlinge in den Dekolonisierungskriegen Südostasiens
Patrick Merziger, Leipzig:
Die Entdeckung des „fernen Nächsten“. Kirche und Katastrophenhilfe in der frühen Bundesrepublik Deutschland
Lasse Heerten, Berlin:
Humanitäre Empathie mit »dem Anderen«? Christliche und jüdische Identifikation mit Biafra während des Nigerianischen Bürgerkrieges, 1967–1970
Martin H. Geyer, München:
Kommentar
Abstracts (scroll down for English version):

Maria Framke, Rostock:
‚Fine work done?‘: Humanitäre Hilfe nicht-staatlicher religiöser Akteure während der Partition, 1947-49
Indiens Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft endete 1947 mit der Unabhängigkeit des Subkontinentes, gleichzeitig aber auch mit dessen Teilung. Die Gründung der beiden neuen Nationalstaaten, Pakistan und Indien, ging einher mit massiver kommunaler Gewalt und der Vertreibung von Millionen von Menschen. Obgleich die Mehrheit der indischen humanitären Bemühungen in bewaffneten Konflikten vor 1947 auf internationale Krisen gerichtet war, hatten international ausgerichtete sowie nationale und lokale Organisationen seit den 1920er Jahren ebenfalls den Opfern kommunaler Gewalt in Indien geholfen. Zeitgenössische Quellen legen nahe, dass gemeinschaftsbasierte Hilfsorganisationen Unterstützung vor allem für die Mitglieder der eigenen Gemeinschaft organisierten. Diese Form selektiver Hilfe, welche man schon in der Zwischenkriegszeit beobachtet hatte, trat nun verstärkt im Zusammenhang mit der Massengewalt der Teilung auf.
Vor diesem Hintergrund analysiert die Präsentation die Reliefarbeit zweier religiös-kultureller Organisationen, die des international agierenden christlichen YMCAs und der hindunationalistische Hindu Mahasabha. Der Beitrag untersucht dabei die Absichten, Ziele und Strategien der beiden Organisationen während der Teilung und nimmt insbesondere ihr Befolgen humanitärer Prinzipien, wie Neutralität, sowie die Auswahl der Hilfsempfänger in den Blick.

Andreas Weiß, Braunschweig:
Christen als Flüchtlinge in den Dekolonisierungskriegen Südostasiens
Die Dekolonisierung in Südostasien war, unter anderem, geprägt von religiösen Auseinandersetzungen. Im Zentrum der Konflikte standen dabei oft christliche Minderheiten, denen vorgeworfen wurde, Handlanger der Imperialmächte gewesen zu sein. Vor den neuen sozialistischen Regimen in ihren Herkunftsländern flohen christlicher Vietnamesen und Burmesen (Karen) vor allem nach Thailand. Ihre besondere Position als Christen und Flüchtlinge wurde hier gelegentlich zum Risiko, denn in Thailand überschnitten sich Proteste der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung gegen ihre eigene Regierung mit gewaltsamen Übergriffen auf die Flüchtlinge. Diese Vermischung von politischen Protesten mit religiösen Ressentiments stellten sowohl für die thailändische Regierung wie buddhistische (nationale wie internationale) Organisationen vor neue Herausforderungen.
Im Mittelpunkt des Vortrages stehen daher buddhistische Organisationen, die sich parallel zu, aber auch in Zusammenarbeit mit den staatlichen Organisationen Thailands und der ASEAN, um christliche Flüchtlinge kümmerten. Der Vortrag geht dabei der Frage nach wie diese Organisationen ihren Glauben, aber auch die Religionszugehörigkeit der Flüchtlinge thematisierten. Auch soll untersucht werden, welche Rolle dies für die humanitäre Unterstützung spielte.

Patrick Merziger, Leipzig:
Die Entdeckung des „fernen Nächsten“. Kirche und Katastrophenhilfe in der frühen Bundesrepublik Deutschland
In Darstellungen kirchlicher humanitärer Hilfe wird gerne betont, dass Kirche schon immer in aller Welt geholfen habe. Die Kirchen Deutschlands engagierten sich aber erst nach 1949 in einer Hilfe für den „fernen Nächsten“, die nicht mehr nach dem Glauben der Empfänger fragte. Erklärungen für dieses neue Engagement wiederholen zwei Motive: Der Glauben habe in den Nachkriegsjahren vielen Menschen einen Halt gegeben und damit auch die Nächstenliebe als Wert verankert. Ebenso wichtig sei gewesen, dass die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg von der Hilfsbereitschaft der ehemaligen Feinde tief gerührt waren und nun Hilfe indirekt zurückgeben wollten.
In dem Beitrag wird die Kirche nun nicht als Glaubensgemeinschaft begriffen, sondern als eine Organisation, die trotz des Krieges international weiterhin bestens vernetzt war. Am Beispiel des Evangelischen Hilfswerkes, das eng mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen kooperierte, soll die Frage beantwortet werden, welche Motive und Prozesse zum Aufbau einer Abteilung für Katastrophenhilfe führten. Dabei werden lebensgeschichtliche Kontinuitäten der ersten Helfer über 1945 hinaus in den Blick kommen, es wird dem politischen Antrieb des Hilfswerks nachgegangen, der Einfluss des internationalen Netzwerks untersucht,  die organisationale Eigenlogik offen gelegt, die Hilfe gleichsam „nötig“ machte, und schließlich der Anreiz beschrieben, der Hilfe für den Helfer hat.

Lasse Heerten, Berlin:
Humanitäre Empathie mit ‚dem Anderen‘? Christliche und jüdische Identifikation mit Biafra während des Nigerianischen Bürgerkrieges, 1967-1970
In diesem Beitrag werden religiöse Motive in der humanitären Kampagne zugunsten der biafranischen Sezessionisten während des Nigerianischen Bürgerkrieges analysiert. Trotz intensiver Bemühungen Biafras, den Konflikt mithilfe von PR-Agenturen zu internationalisieren, zog der Konflikt während des ersten Kriegsjahres nur wenig internationales Interesse auf sich. Dies änderte sich schlagartig im Sommer 1968, als Journalisten von der Hungersnot berichteten, die in der Sezessionsrepublik ausbrach: ‚Biafra‘ wurde global zum Chiffre für humanitäre Krise, symbolisiert durch die Ikone hungernder Kinder. Eine Schlüsselrolle in der Kampagne kam in Biafra stationierten Missionaren zu, die das Bild eines genozidalen Religionskriegs zwischen einem muslimischen Nordnigeria und einem christlichen Biafra zeichneten. Viele ihrer internationalen Unterstützer sahen in den Biafranern Repräsentanten des Christentums und der westlichen Moderne in Afrika. Zudem wurden die Biafraner, zurückgehend auf Genealogien, die koloniale Ethnologen entworfen hatten, als „Juden Afrikas“ bezeichnet, die zum Opfer eines Genozids, eines afrikanischen ‚Auschwitz‘ zu werden drohten. Um dieses Schreckensszenario zu verhindern beteiligten sich neben christlichen Hilfsorganisationen auch zahlreiche jüdische Organisationen an der humanitären Operation. Die Biafraner wurden so zum gemeinsamen Objekt der selektiven Empathie christlicher und jüdischer Europäer und Amerikaner.

Abstracts (English version):

Maria Framke, Rostock:
‘Fine work done’?: Humanitarian Relief by Non-State Actors and Organizations During the Partition of the Indian Subcontinent, 1947-1949
In 1947, India’s fight against colonial rule came to an end with the independence of British India, but also simultaneously witnessed the partition of the subcontinent. The two independent nation-states, Pakistan and India came into being albeit not without large-scale violence and displacement of millions of people. Before 1947, Indian humanitarian efforts in armed conflicts were mainly directed towards international wars. The internationally linked, and national and local organizations, however, were also involved in comprehensive relief work during communal violence between Hindus and Muslims especially in the 1920s and afterwards. Contemporary historical sources suggest that community based relief organizations became very active in organizing help to their members. This tradition of selective aid, discernible in the interwar period, later became an important way of distributing relief during the Partition days.
Against this background the presentation examines the relief work of two religious-cultural organizations, the South Asian branch of Christian YMCA and the Hindu nationalist organization Hindu Mahasabha. By looking at the two organizations and their relief work during partition, the paper explores their complex aims, objectives and strategies by focusing particularly on the question of neutrality and the nature of the beneficiary.

Andreas Weiß, Braunschweig:
Christians as Refugees During the Decolonisation in Southeast Asia
The decolonisation in Southeast Asia was, among other things, tainted by religious confrontations. In the centre of the conflicts were often were Christian minorities, who were suspected of being collaborators of the imperial powers. Christian Vietnamese and Burmese (Karen) fled from the new socialist regimes in their homelands especially to Thailand. Their special position as Christians and refugees there became a risk when the protests of the Buddhist majority against their own government mixed with violent attacks on the refugees. This blending of political protests with religious resentments raised a new challenge both for the Thai government as well as for Buddhist (national and international) organisations.
Therefore the presentation will focus on Buddhist organisations that cared for Christian refugees independently, but also in cooperation with national Thai organisations and the ASEAN. The presentation asks how these organisations address their own religious beliefs, but also the religious denomination of the refugees. Furthermore it analyses which role these issues played with regard to humanitarian relief?

Patrick Merziger, Leipzig:
Discovering the „Distant Other“. Church and Disaster Relief in the Early Federal Republic of Germany
Accounts of Christian humanitarian aid often stress that churches have always helped people all over the world. For their part, German churches provided aid for the „distant other“ who was not of its faith only after 1949. Explanations for this new commitment cite two related motives: a society deeply unsettled by the experience of National Socialism now leaned on faith; charity thereby gained new importance as a value. At the same time, Germans were grateful for the surprising willingness to help them that emerged after the war, especially on the part of its former enemies; now people wanted to pass back the aid they had experienced.
In this contribution, I conceptualize the church not as a religious community but as an organization that was still well-connected internationally despite the war. Using the example of the Protestant relief organization Evangelisches Hilfswerk, which cooperated closely with the World Council of Churches, I will address the question as to which impulses and processes led to the establishment of a distinguished agency for disaster relief. The biographical trajectories of aid workers beyond 1945 will come into view; the political motives that drove the agency and the impact of the international network will be investigated. I will also scrutinize the intrinsic organizational logic that turned aid into a “necessity” as well as the incentive to offer aid among those who devoted themselves to the “distant other”.

Lasse Heerten, Berlin:
Humanitarian Empathy with the ‚Other‘? Christian and Jewish Identification with Biafra during the Nigerian Civil War, 1967-1970
The paper analyzes religious motives in the humanitarian campaign on behalf of the Biafran secessionists during the Nigerian Civil War. The conflict attracted little interest internationally during its first year, despite Biafra’s intensive efforts to internationalize the conflict with the support of PR agencies. This changed dramatically in the summer of 1968 when journalists started covering the famine that hit the secessionist Republic: ‘Biafra’ became the global synonym for humanitarian crisis, symbolized through the icon of starving children. A key role in the campaign was played by missionaries stationed in Biafra, who sketched the conflict as a genocidal religious war between Muslim Northern Nigeria and Christian Biafra. In effect, many of their international supporters perceived the Biafrans as representatives of Christianity and Western modernity in Africa. Going back to genealogies constructed by colonial ethnologist, they were also labeled as the “Jews of Africa”, threatening to become the victims of an ‘African Auschwitz’. To prevent this horrific scenario, many Jewish organizations participated in the aid operation alongside Christian relief organizations. The Biafrans thus became the object of the joint selective empathy of Christian and Jewish Europeans and Americans.