Rechts- oder Glaubensfragen? Menschenrechte, Ideologie und Religion im geteilten Deutschland und Europa nach 1945/Matters of Law or Religion? Human Rights, Ideology, and Religion in Divided Germany and Europe after 1945

(Sebastian Gehrig, Oxford, Ned Richardson-Little, Exeter)

 

Katharina Kunter, Göttingen:
Säkularisierungskitt und Antikriegswaffe? Christentum und Menschenrechte nach 1945

Ned Richardson-Little, Exeter:
Das Scheitern der Sozialistischen Menschenrechte

Sebastian Gehrig, Oxford:
Der Kampf um das menschenfreundlichere System: Menschenrechte, das geteilte Deutschland und die Vereinten Nationen nach 1945

Fabian Klose, Mainz:
Zur Idee der Humanitären Intervention im Zeichen des Kalten Krieges, 1945–1989

Annette Weinke, Jena:
Kommentar

 

Abstract (scroll down for English version):

Menschenrechte und internationale Rechtsnormen haben seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ihrer gesellschaftlichen Legitimitätskraft einen nie dagewesenen Einfluss erlangt. Mit dem Ende des Kalten Kriegs hat Menschenrechtsrhetorik und internationales Recht nochmals an Deutungskraft gewonnen. Gleichzeitig sind die rechtsphilosophischen, ideologischen und religiösen Grundlagen, aus welchen Menschenrechtskonzeptionen entstanden sind, seit jeher heftig umstritten geblieben. Durch die Formulierung von Menschenrechten in säkularer und juristischer Sprache sind die Ursprünge heutiger Menschenrechtsrhetorik zugleich öffentlich weitgehend in Vergessenheit geraten. Neuere Untersuchungen haben ideologische Konflikte um widerstreitende Menschenrechtsideen, die Idee der humanitären Intervention und den Einfluss der Kirchen sowie religiös und politisch motivierten Menschenrechtsaktivismus in den Mittelpunkt gestellt. Wie entwickelten sich sozialistische Menschenrechtskonzepte entgegen liberal-demokratischer Rechtsstaatsideen? Welche Rolle spielten die Kirchen, christliche Gruppen und Bewegungen in der Etablierung von Menschenrechtsvorstellungen in West und Ost? Wie wurden konkurrierende Menschenrechtskonzeptionen von Staaten und sozialen Bewegungen politisch instrumentalisiert? Wurde die sogenannte Menschenrechtsrevolution der 1970er Jahre mehr durch Dritte-Welt-Befreiungsbewegungen an deutsche und europäische Debatten herangetragen als dass sie im westlichen Kontext entstand? Und schließlich: inwiefern wurden Debatten um Menschenrechte mehr durch Glaubens- und politische Überzeugungsfragen als juristische Konzepte strukturiert und geprägt? Die vier Vorträge fragen nach der politischen und religiösen Inanspruchnahme von Menschenrechtsideen und internationalen Rechtsnormen. Diese Sektion begreift Menschenrechte daher als diskursiven Rahmen, in welchem ideologische und religiöse Konflikte um Deutungshoheiten in der Zeit des Kalten Kriegs ausgetragen wurden.

 

Abstract (English version):

Human rights and international law garnered increasing popularity since the end of the Second World War. Since the end of the Cold War, the language of human rights has reached unprecedented social and political legitimacy. At the same time, however, the religious, legal, and ideological origins of competing ideas of human rights fell into oblivion. The secular and legal language of today’s human rights debates has helped obscuring their conflict-ridden history. Recent scholarship has thus emphasised the role of ideological conflicts, church and religious activism, and social movements in the emergence of human rights as a political language and part of international law. How did socialist human rights concepts develop alongside and in conflict with liberal-democratic ideas? What was the role of the churches, religious groups and activists in the negotiation of human rights language? How were human rights politically employed and by whom? Was the so-called human rights revolution of the 1970s much more triggered by Third World liberation ideology and decolonisation movements than Western governments? And finally: Did religious and ideological beliefs structure the evolution of human rights language and international law much more than legal thought? This section explores human rights concepts, their political language, and religious and ideological roots as an integral part of the Cold War in Germany and beyond.