(Gerhard Fouquet, Sven Rabeler, Kiel)
Gerhard Fouquet, Sven Rabeler, Kiel:
Einführung
Christian Hagen, Kiel:
Christliche und jüdische Darlehensverträge im Konstanzer Ammanngerichtsbuch (1423–1434)
Tanja Skambraks, Mannheim:
Zwischen Kooperation und Konkurrenz. Jüdische Pfandleihe und Monti di Pietà in Italien
Alfred Haverkamp, Trier:
Kommentar I
David Schnur, Trier:
Jüdische Wirtschaftspraxis im spätmittelalterlichen Frankfurt – Strukturen innerstädtischer Geld- und Pfandleihe im 14. Jahrhundert
Gabriela Signori, Konstanz:
Gelihen geltz. Formen und Funktionen christlicher Geldleihe im 15. Jahrhundert
Hans-Jörg Gilomen, Zürich:
Kommentar II
Abstracts (scroll down for English version)
„Glaubensfragen“ berühren ganz unmittelbar ökonomische Probleme, wird die wirtschaftliche Ratio jedweder Zeit doch vielfältig geprägt und beeinflusst von Prognosen und Spekulationen, von Annahmen, Überzeugungen und Ängsten, all dies im Rahmen kultureller Muster und ethischer Bezüge. Vor allem auf der Mikroebene, welche die Akteure, ihre Verflechtungen und die Bedingungen ihres Handelns in den Blick nimmt, hat die Forschung der letzten Jahre diese Themen unter Aspekten wie ‚moral economy‘ oder vertrauensbasierten Netzwerken verstärkt in den Blick genommen. Besonders plastisch treten die angesprochenen Phänomene im Zusammenhang mit Kreditmärkten hervor, denn der auf Treu und Glauben beruhende Kredit stellt wortwörtlich eine „Glaubensfrage“ dar. Zudem ist die Geschichte des Kredits im Mittelalter auch in die Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen eingeschrieben. Davon ausgehend, befasst sich die Sektion mit christlichem und jüdischem Kleinkredit in spätmittelalterlichen Städten. Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen zwischen Gläubigern und Schuldnern, die damit verknüpften Praktiken der Vergabe und Absicherung von Krediten und die daraus resultierenden mikroökonomischen Strukturen örtlicher Kapitalmärkte. Inwieweit konkurrierten oder koexistierten christliche und jüdische Geldhändler, welchen Regelungen und Restriktionen unterlagen sie? Welche Gruppen potentieller Schuldner wurden jeweils angesprochen? Wer nutzte überhaupt das Instrument des Kleinkredits, welche Rolle spielten dabei ökonomische Ressourcen und soziale Positionen, wie fügten sich Darlehen in das Haushalten der klein(er)en Leute ein? Welche Bedeutung kam dabei der städtischen Schriftlichkeit zu, etwa in Gestalt der Stadtbücher? Inwiefern konnten Aspekte einer ‚moral economy‘ zum Tragen kommen? Wie prägte der stets latente, nicht selten aggressiv aufbrechende, in seinen alltäglichen Wirkungen aber nicht immer leicht abzuschätzende Antijudaismus Entwicklung und Ausgestaltung von Kreditmärkten?
Christian Hagen, Kiel:
Christliche und jüdische Darlehensverträge im Konstanzer Ammanngerichtsbuch (1423–1434)
Das Konstanzer Ammanngerichtsbuch besitzt als wertvolle wirtschaftshistorische Quelle seit der auszugsweisen Veröffentlichung durch Hektor Ammann (1949/1952) einige Bekanntheit. Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Gläubiger und Schuldner: Christliche und jüdische Darlehensmärkte in deutschen Städten des Spätmittelalters“ wird die Originalquelle im Hinblick auf die enthaltenen Kreditgeschäfte analysiert. Die zentrale Fragestellung richtet sich auf das Verhältnis und die funktionalen Wechselbeziehungen zwischen christlichem und jüdischem Kredit.
Zahlreiche Einträge belegen die weit verbreitete Kreditierung der Waren durch Produzenten oder Händler. Ließ der Schuldner die Zahlungsfrist verstreichen, griff das Instrument der Schadennahme, wobei der Gläubiger die Summe zu Lasten des Schuldners bei einem jüdischen Kreditgeber aufnehmen konnte. Der weitere jüdische Kredit bestand vor allem aus kleinen Darlehensgeschäften, größere Transaktionen bildeten die Ausnahme. Die Konstanzer Ratsbeschlüsse lassen erkennen, dass die jüdischen Geldverleiher geradezu gedrängt wurden, das Segment des kurzfristigen Pfandkredits abzudecken. Die Beteiligung von Christen an den Darlehensgeschäften versuchte der Rat hingegen zu reduzieren, wie bereits das Konstanzer Wuchergesetz von 1383 nahelegt: Es reglementierte nicht nur die jüdische Geldleihe, sondern richtete sich gegen alle Bürger, die pfenninge umb pfenning uff merung usslihend, und verbot darüber hinaus die Kapitalanlage bei Juden, d.h. die christliche Partizipation am jüdischen Wuchergeschäft. Da die Abfassung des Gerichtsbuchs auch in die Zeit der erneuten Ausweisung der Juden aus Konstanz (1432) fällt, stellt sich zudem die Frage nach der Substitution der jüdischen Kredite. Bildeten diese auch in Konstanz nur noch einen verzichtbaren „Nischenmarkt“ (Hans-Jörg Gilomen), während die bedeutenden Kredittransaktionen auf dem Rentenmarkt stattfanden?
Tanja Skambraks, Mannheim:
Zwischen Kooperation und Konkurrenz. Jüdische Pfandleihe und Monti di Pietà in Italien
Der Vortrag geht der Frage nach, inwieweit die Gründung und schlagartige Ausbreitung der Monti di Pietà (als christliche Pfandleihhäuser) seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Italien die Stellung der jüdischen Pfandleiher veränderte. Anhand von Fallstudien zu Rom, Perugia und Florenz wird das vielschichtige und durchaus komplexe Verhältnis der Juden und der von den Franziskanern maßgeblich protegierten Monti analysiert. Dabei wird der Vortrag sowohl auf die Diskursebene um Wucher und Zins am Beispiel franziskanischer Predigten und päpstlicher Erlasse in der Gründungsphase der Monti eingehen als auch die Praxis der Geldleihe und Kleinkredite in den genannten Städten anhand von Rechnungsbüchern und lokalen Regulierungserlassen näher beleuchten – diese weist eher auf ein wechselvolles Verhältnis zwischen Konkurrenz und Kooperation christlicher und jüdischer Pfandleihe hin.
David Schnur, Trier:
Jüdische Wirtschaftspraxis im spätmittelalterlichen Frankfurt – Strukturen innerstädtischer Geld- und Pfandleihe im 14. Jahrhundert
Der Beitrag widmet sich am Beispiel der Reichs- und Messestadt Frankfurt den komplexen Wirtschaftsbeziehungen zwischen jüdischen Geld- und Pfandleihern und christlichen Handwerkern. Eine eingehende Analyse der tatsächlichen Kreditbeziehungen zwischen diesen Gruppen im städtischen Alltag fehlt bislang, obgleich besonders die ältere Forschung nicht nur eine judenfeindliche Einstellung christlicher Handwerker postuliert, sondern deren Ursachen auch vielfach in den wirtschaftlichen Beziehungen verortet hat.
Die Untersuchung fußt auf den reichhaltigen Frankfurter Schöffengerichtsbüchern, die mit ihren mehr als 10.000 Judenbelegen zwischen 1330 und 1400 gerade den alltäglichen jüdischen Kleinkredit dokumentieren. Im ersten Schritt wird nach den einzelnen Gewerken gefragt, die als Judenschuldner nachgewiesen sind, sowie nach der Häufigkeit ihrer Inanspruchnahme jüdischer Geldgeber. Danach stehen die Kredite selbst im Zentrum der Analysen: Welche Summen sind belegt? Lassen sich Rückschlüsse auf die jeweiligen Hintergründe der Kreditaufnahmen ziehen? Sind berufsspezifische Besonderheiten zu beobachten und gegebenenfalls welche? Können längerfristige Beziehungen ausgemacht werden, die über größere Zeiträume hinweg stabil bleiben?
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Handwerkern und Juden waren keineswegs nur einseitig wirksam: Im spätmittelalterlichen Frankfurt sind auch Juden nachzuweisen, die bei christlichen Handwerkern verschuldet waren. In diesen Fällen ist ebenfalls nach den Hintergründen und Modalitäten der Kredite zu fragen. Auf struktureller Ebene wird zudem versucht, Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts herauszuarbeiten, die auf Veränderungen in den Geschäftsmodellen nach dem Pogrom von 1349 verweisen könnten, wie sie zuletzt etwa für den Bereich der Immobilienkredite nachgewiesen wurden.
Gabriela Signori, Konstanz:
Gelihen geltz. Formen und Funktionen christlicher Geldleihe im 15. Jahrhundert
Dass Christen Christen und Juden Juden kein Geld gegen Zins verleihen sollten, ist bekannt. Die Vermutung, dass das Verbot weder die einen noch die anderen davon abhielt, es trotzdem zu tun, erscheint mit Blick auf die wachsende Ökonomisierung der spätmittelalterlichen „Welt“ plausibel. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, befassen sich die meisten Studien jedoch nicht mit den Geldgeschäften unter „Glaubensbrüdern“, sondern konzentrieren sich einseitig auf den Geldverleih zwischen Juden und Christen, was nicht ganz wertfrei ist, wie Gregory B. Milton in seinem 2006 erschienenen Beitrag ‚Christian and Jewish Lenders: Religious Identity and the Extension of Credit‘ kritisiert. Auf diesen Geldverleih von Christen an Christen fokussiert der Beitrag, der die Bestände des Basler Gerichtsarchivs (die Serien B–K) auf der Suche nach „geliehenem Geld“ durchkämmt, insbesondere die Serie C der Konfesssate, der öffentlich vor Gericht abgelegten Schuldbekenntnisse. „Geliehenes Geld“ wird in den spätmittelalterlichen Gerichtsbüchern (nicht nur in Basel) von anderen Geldschulden unterschieden. Was genau damit gemeint ist, ist dennoch schwer zu bestimmen. Denn allfällige Zinsen werden in den Gerichtseinträgen, die von Schulden handeln, nie vermerkt. Bestenfalls wird präzisiert, die Rückzahlung habe samt „Kosten“ zu erfolgen, die aus dem Geschäft resultierten. Das aber müssen nicht zwangsläufig Zinsen sein.
Abstracts (English version)
“Matters of faith” directly concern economic problems, because in various ways the economic rationale of every period is characterised and influenced by forecasts and speculations, by assumptions, convictions and anxieties, all of this connected with cultural patterns and ethical references. Particularly at micro level, focussing on players and agents, their networks and the conditions of their actions, research has been dealing with these topics with regard to aspects like ‘moral economy’ or networks based on mutual trust in recent years. These phenomena are especially visible in the context of credit markets, as credit rested upon good faith is literally a “matter of faith”. Furthermore, the history of credit in the Middle Ages is connected with the history of Christian-Jewish relations. On this basis, the section will deal with Christian and Jewish small-scale credit in late medieval towns, focussing on the relations between creditors and debtors, the linked practices of providing and securing loans, and the resulting microeconomic structures of local capital markets. To what extent did Christian and Jewish money traders compete or coexist with each other, to which regulations and restrictions were they subjected? Which groups of potential debtors did they address? Who actually used small-scale credits, of which importance were economic resources and social positions, what did loans mean for the economy of more or less little people? Which function had municipal records in this field, e.g. the town books? Did aspects of a ‘moral economy’ take effect? How did anti-Judaism, constantly latent and not rarely occurring in an aggressive way, but not always easy to estimate concerning everyday impacts, shape the development and structure of credit markets?
Christian Hagen, Kiel:
Christian and Jewish Credit in the Court Book of Constance (1423–1434)
The court book (Ammanngerichtsbuch) of Constance is known as a valuable source for medieval economic history, especially since Hektor Ammann published parts of it in 1949/1952. Within the scope of the research project “Creditors and Debtors: Christian and Jewish Credit in Late Medieval German Towns”, funded by the Deutsche Forschungsgemeinschaft, the original source is studied particularly with regard to all forms of credit. The main goal is to analyse the relationship and functional interaction between Christian and Jewish credit.
Many of the entries found in the court book document the sale of goods via credit. In case the debtors did not pay within the agreed period, the creditors could resort to the device of Schadennahme, i.e. they got the sum from a third person, for example a Jewish money lender, who could therefore charge a higher interest rate at the debtor’s expanse. Other Jewish credit appears mainly in the shape of short-term lending on pawn, in fact mainly for small sums with greater transactions being exceptions. The rulings of the Constance city council suggest that Jewish money lenders were urged to cover exactly this demand of short-term credit. In contrast, the council tried to reduce Christian participation in all loan transactions as the local law against usury from 1383 suggests: It regulated the interest rates for Jewish money lenders but also restricted any interest earnings for all Christian citizens. Lending money to Jewish money lenders, thus participating in usury, was prohibited in particular. Since the court book was used during a period when the Jews were once more banished by the city authorities (1432), it remains to be seen how this is reflected in the book. It also raises the question if the Jewish credit was already so insignificant compared to other forms of loan (“Nischenmarkt”, Hans-Jörg Gilomen) that its substitution did not pose a problem.
Tanja Skambraks, Mannheim:
Between Cooperation and Concurrence. Jewish Pawnbroking and Monti di Pietà in Italy
The paper will tackle the question on how the foundation and rise of the Monti di Pietà (as Christian pawnbroking institutions) changed the position of Jewish moneylenders in Italy from the second half of the 15th century on. By analysing source material from Rome, Perugia and Florence, it will focus on the complex relationship between Jews and the Monti, the latter being essentially protected by the Franciscan Order. In a first step, the presentation will focus on the discourse on usury and interest visible in Franciscan sermons and papal tracts from the late 15th century. Secondly, it will deal with the practices of pawnbroking and small-scale credit in these cities visible in account books and local regulative texts – pointing at the multifaceted relationship of Jewish and Christian pawnbroking institutions between concurrence and cooperation.
David Schnur, Trier:
Jewish Economic Practices in Late Medieval Frankfurt – Structures of Urban Moneylending and Pawnbroking in the Fourteenth Century
This paper addresses the complex economic relations between Jewish moneylenders and pawnbrokers, on the one hand, and Christian craftsmen, on the other, in the imperial borough and trading emporium of Frankfurt am Main. A detailed analysis of the actual credit relationships between these groups has never been offered; although previous scholars have generally taken the anti-Jewish attitude of Christian craftsmen for granted and often explained that attitude by reference to economic relations.
The investigation is based on the rich documentation in the court books of the Frankfurt town judges, with more than 10,000 references to the Jews from the period from 1330 to 1400. They offer particular insights into the day-to-day practice of Jewish small credit. In a first step, we will survey in what branches the craftsmen worked who resorted to Jewish credit, and how often they did so. Following this, the loans as such will be analysed: What sums were involved? Can anything be said about the circumstances in which they were borrowed? Did the various trades require specific forms? Can we observe relationships that remained stable over a long period of time?
Economic relationships between craftsmen and Jews by no means worked in just one direction. In late medieval Frankfurt, Jews, too, can be found indebted to Christian craftspeople. These cases require equally close attention as regards the occasions and contractual details.
On the structural level, we will search for differences between the first and second halves of the fourteenth century, indicating possible changes in Jewish economic strategies following the pogrom of 1349. Such changes were recently identified in the field of real-estate credit.
Gabriela Signori, Konstanz:
Gelihen geltz. Forms and Functions of Christian Money Lending in the Fifteenth Century
It is well known that no Christian might lend money to another Christian against interest and no Jew to another Jew. The assumption that this interdiction prevented neither the ones nor the others from doing so appears plausible regarding the growing economisation of the late medieval “world”. With few exceptions most studies do not deal with credit among fellow believers but concentrate on money lending between Jews and Christians. As Gregory P. Milton points out in his article ‘Christian and Jewish Lenders: Religious Identity and the Extension of Credit‘, published in 2006, this is not entirely neutral. The paper focusses on money lending between Christians and is based on the search for “lended money” in the collections of the Basel court archives (series B–K), especially in the series C of the Konfessate, i.e. the public recognizances of debts given in court. In late medieval court books (not only in Basel) “lended money” is distinguished from other forms of debts. However, it is difficult to define its exact meaning because interest is never mentioned in the entries dealing with debts. At best, it is specified that the repayment must include the “costs” resulting from the transaction. Yet, these do not necessarily have to be interest.



