(Norbert Frei, Jena)
Kim Christian Priemel, Berlin:
Der internationalistische Augenblick. Die Nürnberger Prozesse zwischen legalistischen Hoffnungen und „realistischer“ Praxis
Annette Weinke, Jena:
Genf, Nürnberg, Lake Success: Völkerrechtskonzeptionen europäischer émigré lawyers im Umfeld der alliierten Prozesse und der Vereinten Nationen
Jan Gerber, Leipzig:
Der Funktionswandel des Gesetzes: Franz Neumann in Nürnberg
Daniel Stahl, Jena:
A Useful Biography?. Der Nürnberger Ankläger Benjamin Ferencz und die internationalen Kampagnen für einen Weltstrafgerichtshof
Christoph Safferling, Erlangen-Nürnberg, Raphael Gross, Leipzig:
Abstracts (scroll down for English version):
70 Jahre nach dem Urteil des Internationalen Militärgerichtshofs hat die Nürnberg-Forschung nicht nur eine kaum noch zu überblickende Vielfalt, sondern auch ein gewisses Maß an historischer Tiefenschärfe erreicht. Vielfach werden die alliierten Strafprozesse als transnationaler Kommunikationsraum begriffen, wo es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer ähnlichen Verdichtung von ordnungspolitischen Debatten und Entwürfen kam wie es bereits 1918/19 der Fall gewesen war. Diese Sektion will den historischen Ort „Nürnberg“ in die längere Perspektive einer globalen bzw. transnationalen Bewusstseinsgeschichte stellen. Aus einem Blickwinkel, der neuere Ansätze der Biographie-, Erfahrungs- und Ideengeschichte miteinander verbindet, sollen die Ideen, das Selbstverständnis und die oftmals autobiographisch gerahmten Narrative des Nürnberger Personals in den Mittelpunkt der Einzelbeiträge gerückt werden. Mit diesem Zugriff wird zum einen das Ziel verfolgt, sich weitere Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher globaler Bewusstseinslagen und Internationalismus-Konzeptionen im 20. und frühen 21. Jahrhundert zu verschaffen und deren erfahrungsgeschichtliche Tiefenschichten freizulegen. Zum anderen geht es um die kritische Auseinandersetzung mit gegenwärtigen historiographischen Strömungen, die sich im Zeitalter eines „neuen“ liberalen Internationalismus und Idealismus stark an den kanonisierenden Erzählungen der ehemaligen Nürnberger Protagonisten zu orientieren scheinen.
Kim Christian Priemel, Oslo:
Der internationalistische Augenblick. Die Nürnberger Prozesse zwischen legalistischen Hoffnungen und „realistischer“ Praxis
„Nürnberg“, jene Chiffre für das alliierte Programm der strafgerichtlichen Verfolgung deutscher Kriegs- und anderer Verbrechen nach 1945, ist oft als Höhepunkt eines liberalen, legalistisch denkenden Internationalismus gedeutet worden, der mit der Etablierung der Vereinten Nationen 1945 seinen Scheitelpunkt erreichte. In diesen Lesarten markiert Nürnberg indes auch den Anfang vom Ende. Schon in den 1950er Jahren, vor dem Hintergrund des „Kalten Krieges“, löste die Schule der so genannte Realists ihre akademischen Lehrer und deren, auf das 19. Jahrhundert zurückgehenden Juridifizierungsideen ab zugunsten politikwissenschaftlicher Konzeptionen der International Relations, die auf nationalstaatliche Interessenpolitik statt auf suprastaatliche Abstimmung, auf Macht statt auf Recht setzten. So plausibel und in mancher Hinsicht zutreffend diese Lesarten auch sind, so stoßen sie doch auf erhebliche Schwierigkeiten, ob bei der in die Irre führenden Opposition von Recht und Macht (wie sie nicht zuletzt vom ersten amerikanischen Hauptankläger in Nürnberg wortgewaltig formuliert wurde) oder mit Blick auf eine „realistische Schule“, von der nur mit erheblichen Abstrichen gesprochen werden kann. Vor allem aber gilt es, zunächst die Frage zu beantworten, ob ein idealtypisch verstandener liberal-legalistischer Internationalismus das (alliierte) Nürnberger Personal tatsächlich antrieb oder nicht vielmehr bereits vor Ort qualifiziert, vielleicht gar kompromittiert wurde. Unter diesen Vorzeichen erhielte auch die allzu oft bemühte Traditionslinie „von Nürnberg nach Den Haag“ eine andere Qualität.
Annette Weinke, Jena:
Genf, Nürnberg, Lake Success: Völkerrechtskonzeptionen europäischer émigré lawyers im Umfeld der alliierten Prozesse und der Vereinten Nationen
Man kann das moderne Völkerrecht auch als das Projekt von Rechtswissenschaftlern und -praktikern betrachten, die als Proponenten, Protagonisten und Historiographen einer weltumspannenden Rechtsordnung auftraten. Vor dem Hintergrund der biographischen und erfahrungsgeschichtlichen „Wende“ in der Völkerrechtsgeschichtsschreibung hat die Gruppe europäischer Emigranten-Juristen seit einiger Zeit verstärkte Beachtung erfahren. Deren Beschäftigung mit dem Internationalen Recht war nicht nur das Aufkommen und Scheitern des liberalen Rechtsregimes der Zwischenkriegszeit geprägt, sondern entwickelte sich auch in offensiver Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und Faschismus. Nach der erzwungenen Flucht in die Vereinigten Staaten beteiligten sich viele émigré lawyers im Auftrag der Washingtoner Regierungsbürokratie an der konzeptionellen und praktischen Vorbereitung der Nürnberger Prozesse. Die dort gesammelten Erfahrungen bestärkten einige in dem Entschluss, sich vom Völkerrecht abzuwenden, während sie für andere zum Ausgangspunkt ihrer späteren Tätigkeit bei den Vereinten Nationen wurden. Der Vortrag fragt danach, welche Erwartungen und Hoffnungen diese Gruppe mit Nürnberg verband und wie das soziale Großexperiment „Nürnberg“ ihre Vorstellungen vom Völkerrecht langfristig beeinflusste.
Jan Gerber, Leipzig:
Der Funktionswandel des Gesetzes: Franz Neumann in Nürnberg
Es gehört zu den Paradoxien der Geschichte, dass die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse nicht zuletzt von Intellektuellen konzipiert wurden, die dem Völkerrecht bis weit in die dreißiger Jahre hinein skeptisch gegenübergestanden hatten. Deren Tätigkeit für das OSS und das State Department war gleich in mehrfacher Hinsicht Resultat jener Entwicklung, die sich mit Franz Neumann als „Funktionswandel des Gesetzes“ bezeichnen lässt. Zwar hatte der Jurist vor allem die rechtshistorischen und -soziologischen Dimensionen der Übergänge vom Liberalismus zur Massendemokratie und schließlich zum Nationalsozialismus vor Augen, als er diese Formel 1937 in seinem ersten Aufsatz für die von Max Horkheimer herausgegebene Zeitschrift für Sozialforschung prägte. Der Prozess der Transformation und letztlichen Zerstörung der formalen Rationalität des Rechts veränderte indes auch Neumanns eigenen Blick auf das Gesetz. Aufgrund der Nachrichten aus Europa wiesen viele der emigrierten Sozialwissenschaftler und Juristen, die sich in der Weimarer Republik als Marxisten verstanden hatten, dem Recht nun eine neue Funktion zu. Im Rahmen der Präsentation soll der Beitrag Franz Neumanns an der Konzipierung der Nürnberger Prozesse erörtert werden.
Daniel Stahl, Jena:
„A Useful Biography“. Der Nürnberger Ankläger Benjamin Ferencz und die internationalen Kampagnen für einen Weltstrafgerichtshof
Schon als 27jähriger war Benjamin Ferencz Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess. Doch erst im Zuge der Verhandlungen über einen internationalen Strafgerichtshof in den neunziger Jahren wurde er eine öffentliche Figur. Sowohl Ferencz selbst als auch die Befürworter eines starken, unabhängigen Strafgerichtshofs machten sich seine Biographie zunutze, um ihr Anliegen in die Tradition Nürnbergs zu stellen. Der Vortrag analysiert diese Funktionalisierung einer Biographie, um zu zeigen, welche Rolle das Gedenken an Nürnberg in der internationalen Politik und im Völkerrecht um die Jahrtausendwende spielte.
Abstract (English version):
Seventy years after the judgment of the International Military Tribunal (IMT), the scholarship on “Nuremberg” and its legacy is remarkably diverse and has achieved a respectable degree of historical depth and acuity. Currently the Allied proceedings are conceived as one among several transnational spaces emerging in the aftermath of World War II. Similar to developments after 1918, it became a focal point of various debates and conceptions that evolved around the vision of a new world order. This section aims to examine the role of “Nuremberg” as a turning point in the formation of twentieth century transnational and global consciousness. By taking a perspective that brings together recent approaches in biographical and intellectual research with the history of experience and mentalities, it puts the emphasis on the “Nuremberg” staff, their ideas and their often autobiographical self-representations. The aim of this section is two-fold: First, to expand the scope of inquiry by fleshing out some of the experiential underpinnings of “Nuremberg” and the various internationalisms debated in this particular context; second, to foster a critical appraisal of historiographical tendencies that tend to reproduce the canonized narratives of former Nuremberg protagonists.



