Mythos Bedrohung – Mythos Sicherheit: Schutzwallvorstellungen im östlichen Europa des 20. und 21. Jahrhunderts/ Myth of Threat—Myth of Security: Bulwark in Eastern Europe in the 20th and 21st centuries

(Heidi Hein-Kircher, Marburg)

Heidi Hein-Kircher, Marburg:
Einführung

Steven Seegel, Colorado:
Spatial Politics, Religion, and Identity: Uses and Abuses of Antemurale

Vanessa Conze, Gießen:
»… ein Bollwerk christlicher Kultur gegen heidnisches Chaos.« Das »Abendland« im Kalten Krieg

Paul Srodecki, Gießen/Ostrava:
»Bollwerke Europas« – Die Bollwerksrhetorik reloaded. Antemurale-Topoi vor dem Hintergrund der aktuellen Ukraine und Flüchtlingskrise

Guido Hausmann, München:
Bollwerk(e) gegen die ausländische Gefahr: Historische Kontinuitäten gegenwärtiger Geschichtsbilder in der Ukraine

Liliya Berezhnaya, Münster:
Kommentar

 

Abstracts (scroll down for English version)

Ausgehend von der Feststellung, dass gegenwärtig die Errichtung von Grenzzäunen gegen die Flüchtlingsströme auch symbolischen Charakter annimmt, führt die Einleitung knapp in die historische Mythosforschung ein. Diese Perspektive erlaubt es, Bedrohungsszenarien und Sicherheitsversprechen als politischen Mythos zu interpretieren, durch den sich die Vergangenheit mit der Gegenwart und letztlich auch mit Zukunftsvorstellungen verbinden lässt. Gerade letzteres ist die eigentliche Botschaft von solchen Bollwerkvorstellungen, weil gerade „Sicherheit“ zu den diskursiv vermittelten politisch-gesellschaftlichen Wert- und Ordnungsvorstellungen mit einem erheblichen Mobilisierungspotential gehört.

 

Guido Hausmann, München:
Bollwerk(e) gegen die ausländische Gefahr: Historische Kontinuitäten gegenwärtiger Geschichtsbilder in der Ukraine
Vor 1991 grenzte sich die Ukraine kulturgeographisch und politisch vor allem nach Westen ab. Von 1991 bis heute kam es dann zu einem Wandel mit einer wachsenden Abgrenzung nach Osten hin, gegenüber Russland. Diese Abgrenzung hat sich 2013-15 durch die Gewalterfahrung aus Russland beschleunigt. Im Mittelpunkt des Vortrags wird die Frage stehen, auf welche geschichtspolitischen und -kulturellen Ressourcen dabei mit welchen neuen Narrationen Bezug genommen wurde.

 

 

Vanessa Conze, Gießen:
„… ein Bollwerk christlicher Kultur gegen heidnisches Chaos.“ Das `Abendland´ im Kalten Krieg.
Der Sektionsbeitrag wird sich mit der „Abendland“-Idee auseinandersetzen, die in Zeiten des Kalten Krieges zum elementaren Bestandteil des Gesamtkomplexes einer konservativ-katholischen westdeutschen Sicherheitskonzeption gehörte. Sie bezog sich weniger auf außenpolitisch-militärische Dimensionen von Sicherheit, sondern verwies auf eine christliche Wertegemeinschaft, die der Bedrohung durch den „heidnischen Osten“ als „geistiges Bollwerk“ entgegenwirken und die Verteidigungskraft Europas auch in ideeller Hinsicht stärken sollte. Beispielhaft sollen diese Zusammenhänge dargestellt werden an den Jubiläumsfeierlichkeiten, die 1955 in Augsburg zur Erinnerung an die „Schlacht auf dem Lechfeld“ 955 stattfanden und bei denen Kampf Kaiser Ottos I. gegen die Ungarn tausend Jahre zuvor gleichgesetzt mit der Situation des Kalten Krieges. An den Augsburger Feierlichkeiten lassen sich zentrale Komponenten der in der Sektion im Mittelpunkt stehenden „Bollwerks“-Metapher exemplarisch auffächern. Und in Zeiten von Pegida ist das Thema auch nicht ohne Gegenwartsbezug.

Paul Srodecki, Gießen/Ostrava:
„Bollwerke Europas“ – Die Bollwerksrhetorik reloaded. Antemurale-Topoi vor dem Hintergrund der aktuellen Ukraine- und Flüchtlingskrise
Der Vortrag soll kurz die in den letzten Jahren stark zu beobachtende „Reaktivierung“ der in Ostmitteleuropa seit spätestens dem ausgehenden Mittelalter weit verbreiteten, auf Alteritäts- und Alienitätskonstruktionen aufbauenden antemurale-Topoi skizzieren. Dass die ostmitteleuropäischen Bollwerksdiskurse vor allem in Polen und Ungarn nichts an ihrer Aktualität verloren ha­ben, zei­gen sowohl die jüngsten Ereignisse in der Ukraine als auch insbesondere die im Zuge des Syrienkonflikts aufgekommene „Flüchtlingskrise“ 2015/2016. Vor dem Hintergrund der angespannten politischen Situation an den östlichen und südöstlichen Grenzen der Europäischen Union wurde bzw. wird auch das Boll­werksargument als breitenwirksames Propagandamittel von den jewei­ligen Konfliktparteien und politischen Akteuren zusehends bemüht.

Steven Seegel, Greely, Col.
“Das geheime Leben von Karten: Entschlüsselung von Religion und Geopolitik in modernen Antemurale-Diskursen”
Karten waren ein integraler Bestandteil der Projekte ostmitteleuropäischer Zivilisatoren. Einmal publiziert, entwickelten sie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert durch die Verschränkung von Geschichte mit Kartografie und von Geografie mit Geopolitik ein institutionelles Eigenleben. Dieser Beitrag untersucht das „geheime Leben“ von Karten von ihrer Produktion und Publikation bis zu ihrer Verbreitung im Leben professioneller Geografen; Männer, die für die Konstruktion von Mythen des Schutzes in den umstrittenen/ Räumen transnationaler Grenzgebiete verantwortlich sind. Durch die Untersuchung der Biografien von fünf Kartografen, die in einem grenzübergreifenden Netzwerk durch persönliche Korrespondenz miteinander in Verbindung standen – Isaiah Bowman, Albrecht Penck, Eugneniusz Romer, Pál Teleki, and Stepan Rudnyts’kyi – kontextualisiert der Vortrag die Intensität solcher Mythen und ihrer Mediatoren und zeigt deutlich die geschlechtsspezifischen Ängste hinter der visual history und (visuellen) Praktiken.

 

Abstracts (English version)

Starting with the diagnosis, that the building of border fences against the current flow of refugees also gets a symbolic character, the paper introduces shortly into the historical research on political myths. Through that perspective, it is possible to interpret threat scenarios and security promises as political myths, which tie up past, present and future. In effect, that connection is the message and fundament of bulwark-notions, because „security“ belongs to the discursively mediated political and social values and order notions with an eminent potential of social mobilization.

 

Guido Hausmann, München:
Bulwark(s) Against the Foreign Danger: Historical Continuities of Present Historical Consciousness in Ukraine
Ukraine largely distanced itself from the west before 1991. As a national state however a steady change occurred after 1991 replacing the west with the east – Russia. The cultural geographical and political change was dynamized in 2013-15 with the new experience of violence and war. The paper explores in more detail the historical and cultural roots and narrations of this process.

 

Vanessa Conze, Gießen:
„… a Bulwark against Pagan Disorder.“ The Occident in the Cold War
This paper sets its focus on the idea of the „Abendland“ [the English words ‘occident’ and ‘West’ do not convey the specific Catholic-European dimensions of the German term ‘Abendland’], which played an important role in a conservative-catholic West-German security policy in the 1950s. The “Abendland” was less a foreign-policy or military term, but a reference to a Christian order in Europe, that could – for its advocats – become a bulwark against the “godless East” and protect Europe in a spiritual sense. The paper will use the example of the festivities in Augsburg 1955, remembering the 1000 jubilee of the “Schlacht auf dem Lechfeld” in 955. Here, the fight of emperor Otto I. against the Hungarians 1000 years before was compared to the situation of the Cold War. By analysing the “Lechfeld”-memory, important elements of the “Bollwerk”-metaphore will be demonstrated. And in times of Pegida the concept “Abendland” ist not without current interest

Paul Srodecki, Gießen/Ostrava:
Bulwarks of Europe” – The Bulwark Rhetoric Reloaded. Antemurale Topoi Against the Background of the Contemporary Ukraine and Refugees Crises
This paper will briefly outline the notable reactivation in recent years of the East Central European antemurale topoi, the roots of which can be traced back to the outgoing Middle Ages, and which are built on constructions of alterity and alienity. Contemporary events in Ukraine and, above all, the so-called “refugee crisis” of 2015/2016 demonstrate that the East Central European bulwarks discourses have lost none of their relevance, particularly in Poland and Hungary. Against the background of the tense political situation at the Eastern and South-Eastern borders of the European Union, the bulwark argument continues to be used as a widespread instrument for propaganda by particular political actors and parties in the conflict.

Steven Seegel, Greely, Col.
„Secret Lives of Maps: Decoding Religion and Geopolitics in Modern Antemurale Discourses“
Maps were integral to the projects of East Central Europe’s civilizing men. Once published, the maps took on institutional lives of their own by entangling history with cartography, and geography with geopolitics in the late 19th and early 20th century. This paper examines the “secret lives” of maps, from production to publication to circulation, in the lives of professional geographers, men responsible for engineering myths of protection in the contested spaces of transnational borderlands. By examining biographically five cases of “map men” within a cross-border network of experts in personal correspondence with each other — Isaiah Bowman, Albrecht Penck, Eugneniusz Romer, Pál Teleki, and Stepan Rudnyts’kyi, the paper contextualizes the intensity of such myths and their mediators and demonstrates sharply the gendered anxieties behind visual history and practices.