(Philipp Müller, Göttingen)
Markus Friedrich, Hamburg:
Moderation
Indra Sengupta, London:
Muslim‘ Monuments, Historicism and Heritage-Making in Colonial India
Philipp Müller, Göttingen:
Die geöffneten Archive: Historisches Forschen und Arkanpolitik im 19. Jahrhundert
Achim Landwehr, Düsseldorf:
Tempel temporaler Turbulenzen: Archive und die Materialität der Geschichte
Die Lücke in der Überlieferung, die Trennung zusammenhängenden Materials oder auch der mangelnde Glaube an die Überlieferungswürdigkeit populärer Medien gehören zu den alltäglichen Herausforderungen unseres handwerklichen Geschäfts. Dergleichen Erfahrungen mit dem Material haben ihren Grund in der besonderen Verfertigung der Monumente in der Vergangenheit. Denn was ein historisches Zeugnis ist, welchem Glauben zu schenken ist und ob ein Dokument aufzubewahren ist oder nicht, diese Fragen – wie auch die darauf gegebenen Antworten – sind selbst zutiefst historisch. Rechtliche Begriffe, ästhetische Vorstellungen, zeitgenössische Politiken wie auch administrative Verfahren und nicht zuletzt praktische Probleme haben wesentlich Anteil daran, wie diese Fragen beantwortet werden. Die Sektion richtet den Blick gezielt auf das Generieren von Monumenten – noch ehe diese sich als Geschichte in Texten, Denkmälern und Ordnungen materialisierten. Die untersuchten Prozesse des Überlieferns und Ordnens im Archiv (s. Landwehr), die historische Monumentalisierung religiöser Gebäude im kolonialen Indien (s. Sengupta) und die Öffnung der Archive in Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts (s. Müller) reflektieren historisch-spezifische Verhältnisse von Geschichte und Gesellschaft. Diese Verhältnisse in theoretischer Hinsicht und mit Rücksicht auf die europäische und Globalgeschichte zu diskutieren, hat seinen Grund in der politischen Virulenz des ‚Historischen‘ in Gegenwart und Vergangenheit. Ferner ermöglicht eine über die Grenzen Europas hinausreichende Perspektive die taziten Begriffe der europäischen Geschichtskultur zu reflektieren. Aber eine globalgeschichtliche Perspektive überrascht auch mit Ähnlichkeiten der untersuchten Prozesse, z.B. hinsichtlich der tragenden Rolle des Gesuchs in der politischen Kommunikation mit den Behörden oder bezüglich der Bedeutung ästhetischer Vorstellungen bei der Beurteilung von Authentizität.
Abstracts
Indra Sengupta, London:
Muslim’ monuments, historicism and heritage-making in colonial India
This paper will examine how historical preservation in colonial India became a site for negotiating political sovereignty with a Muslim subject population and for writing British rule into Indian history. The preservation of historic buildings, deemed to be monuments, is commonly understood as a function of modernity, nation-building and renegotiations of the relationship with the past in Europe. In India such renegotiations of the relationship with the past and the consequent meaning of the material remains of the past were mediated by colonialism and what is often described as colonial knowledge practices.
British colonial scholars and officials felt the need to document a history and tradition, threatened by decay and extinction. This applies especially to buildings of Muslim origin, that is, those built by India’s Muslim rulers, the Mughals, whom the British unseated to gain sovereign power over India. These buildings – such as the great forts and palaces of the Mughals – served British rulers as evidence to portray themselves as natural successors of Mughal rule. Hence, colonial officials treated these as structures of great political symbolism and used them to prove the legitimacy of the British in India as natural successors to the Mughal rulers. Thus, following a historicist agenda, great care was taken of these structures. However, this also meant considerable intervention on the part of the colonial state, which made itself exclusively responsible for the care of Indian monuments, in the maintenance of these structures. Such intervention often amounted to greatly intrusive practices and conflicts with local Muslim communities.
Philipp Müller, Göttingen:
Die geöffneten Archive: Historisches Forschen und Arkanpolitik im 19. Jahrhundert
Das Archiv als Ort historischen Arbeitens hat eine eigene Geschichte und kann keineswegs vorausgesetzt werden. Uns heute scheint das „historische Archiv“ selbstverständlich. Jedoch ging die Öffnung der staatlichen Archive im 19. Jahrhundert – angesichts der fortwährend rechtspolitischen und administrativen Relevanz der Archive für die Regierungen – mit arkanpolitische Kontrollen einher (v.a. Auswahl von Material; Zensur der angefertigten Exzerpte und Manuskripte). Dies war für das historische Arbeiten mit Archivmaterialien überaus folgenreich. Das Archiv avancierte einerseits zu einer exklusiven Autorität, die die privilegierten Forscher für sich in Anspruch nahmen. Andererseits war die Archivarbeit hinsichtlich der „Ausbeute“ ein unwägbares Unterfangen; es bedurfte auch anderer Zeugnisse (z.B. mündliche, literarische). Schließlich waren es aber die von den Gesuchstellern initiierten politischen Verhandlungen über die historische Verwendung des Archivschatzes, die die Institution des Archivs entscheidend zu verändern begannen. Diese keineswegs konfliktfreie und reibungslose Dynamik war ein gesellschaftlich-politischer Prozess, denn zum einen schloss die schriftkundige Klientel der geöffneten Archive neben Gelehrten z.B. auch Soldaten, Pfarrer, Lehrer und Aktuare ein. Vor allem aber artikulierte sich in der von den Regierungsbehörden verfolgten Archivpolitik im 19. Jahrhundert ein sich wandelndes Verhältnis zwischen Staat und Individuum.
Achim Landwehr, Düsseldorf:
Tempel temporaler Turbulenzen: Archive und die Materialität der Geschichte
Die primäre Aufgabe des Archivs ist es zunächst nicht für die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses zu sorgen sondern vielmehr zu selektieren: Nur circa fünf Prozent des angelieferten Materials werden als bewahrenswert erachtet; der Rest wird kassiert. Vor einem solchen Hintergrund rücken die Materialitäten in den Mittelpunkt, die sich mit dem Archiv verbinden und die für die Ermöglichung wie den Entzug des Historischen verantwortlich zeichnen. Das Archiv verdient hier deswegen gesonderte Aufmerksamkeit, weil es nicht nur Überlieferungs- und Aufbewahrungsanstalt ist, sondern Konkretisierung einer spezifischen Zeittechnik, die Historisches sowohl hervorbringt als auch aushöhlt. Durch einen Blick auf das Ensemble von Material, Archiv und Geschichte können die gegenseitigen zeitlichen Verschränkungen deutlich gemacht werden, die sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit, also zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten ergeben und die das Historische in seiner Spezifik überhaupt erst hervorbringen. Dieses temporale Gefüge geht keineswegs in einer eindeutigen Linearität auf, wie sich gerade anhand des Ereignisses zeigen lässt: Denn jedes Sprechen über ein Ereignis findet nicht immer nur nach dem Ereignis statt, sondern verändert das Ereignis auch – weil das Ereignis nach der Beschreibung nicht mehr das gleiche sein wird wie zuvor. Das Archiv erweist sich somit als ein Tempel temporaler Turbulenzen.



