Möglichkeiten und Grenzen beim Umgang mit der religiösen Dimension im Geschichtsunterricht

(Rolf Brütting, VGD)

Waltraud Schreiber, Eichstätt-Ingolstadt: Die religiöse Dimension im kompetenzorientierten GU
Michael Wolffsohn, München:
Zur »Normalität« einer belasteten Beziehung: Über die Shoa hinaus: Aspekte jüdischer Geschichte und Alltagskultur im Geschichtsunterricht
Hakki Arslan, Osnabrück:
Der Islam in der Geschichte und im Geschichtsunterricht

Abstract:
„Glaubensfragen“ und der „Umgang mit Religion“ haben in unser säkularisierten Welt plötzlich wieder Konjunktur: Auch wenn manche Lehrpläne „Religion“ nicht einmal als Begriff erwähnen, spielt die religiöse Dimension im Geschichtsunterricht durch die Epochen und Kulturen hinweg – und nicht erst seit den Ereignissen von 2015 – fraglos eine zentrale Rolle. Während in unserer Sektion der Fokus (beispielhaft) auf drei Weltreligionen gelenkt wird, die alle ihre spezifischen Implikationen und Bedeutungen für unseren Kulturraum haben, wird zu fragen sein, wie wir grundsätzlich mit dem Thema Religion als sinnstiftendes oder legitimierendes Phänomen umgehen sollten. Inwieweit kann/darf/muss die „Dimension Religion“ z.B. eine Kategorie bei der Sach- und Werturteilsfindung im Geschichtsunterricht sein?
Die Sektion will deshalb der Frage nachgehen, inwieweit und an welchen Stellen Religionen, Religiosität und Konfessionalitäten für den Geschichtsunterricht relevant sind. Welche Kompetenzbereiche werden z.B. durch diese Dimension berührt? Gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen? Ganz selbstverständlich bietet sich der Blick auf die Gegenwart an, in der insbesondere die den Nahen Osten verändernden politischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse der letzten Jahre dazu führen, dass „Religion“ erneut einen höheren Stellenwert in Gesellschaft und Politik einnimmt – bis hin zu einer sich weltweit abzeichnenden Radikalisierung an den extremen Rändern. Darüber hinaus erfordert eine zunehmend multikulturelle Schülerschaft neue Herangehensweisen an religiöse Themen (auch und gerade) im Geschichtsunterricht. Bedingungslose Toleranz und Indifferentismus können weder im Unterricht noch im sozialen Raum helfen, vielmehr muss die Bandbreite dieser religiösen Dimension erkannt und auch in unserer säkularisierten Welt akzeptiert werden. Sie wird durch die Begriffe „Interkulturalität“ und „Identität“ markiert, berührt damit grundsätzliche Problembereiche, auf die Antworten gefunden werden müssen. Exemplarisch sei hier auf das Inhaltsfeld „Was Menschen im Mittelalter voneinander wussten“ verwiesen, in dem das „Neben- und Gegeneinander am Rande des Abendlandes: Christen, Juden und Muslime“ als ein Schwerpunkt genannt wird: Das gemeinsame „interkulturelle“ Zusammenleben der drei Religionsgemeinschaften, etwa in Jerusalem, Süditalien oder Spanien, förderte auf der einen Seite „Identitätsstiftung“, aber eben auch „Stigmatisierung“ der jeweils anderen Religion als das Fremde oder Andere. Gleiches gilt für die Sekundarstufe II, in der lehrplangemäß meist die Kreuzzüge sowie das Osmanische Reich thematisiert werden. Im Fokus stehen hierbei „das Verhältnis von geistlich und weltlicher Macht“, die rechtliche Stellung „religiöser Minderheiten“, „das Verhältnis zwischen christlich und muslimisch geprägten Gesellschaften in ihrer gegenseitigen zeitgenössischen Wahrnehmung“ usw. Die Ordnungsbegriffe ließen sich jedoch auch auf das 19. Jahrhundert übertragen (Kulturkampf) oder auf den Nationalsozialismus und dessen Konsequenzen (Antisemitismus und Shoa).
Es geht bei diesem Vorhaben keinesfalls um eine klandestine „Wiederkehr“ der Religionskunde in den Geschichtsunterricht, sondern um den Kompetenzerwerb unserer Schülerinnen und Schüler im interkulturellen Dialog, in dem eine kritische Auseinandersetzung mit der „religiösen Dimension“ vonnöten ist. Auf diesem Feld ist in der Praxis eine Schieflage erkennbar, die auf wechselseitigem Unwissen, Unverständnis und Vorurteilen beruht. Tatsächlich ist die Kenntnis von Religionen keineswegs nur als „Metaphern-Baukasten“ für die jeweiligen Moral- und Wertevorstellungen der sich begegnenden Kulturen für solide Sach- und Werturteile unabdingbar. Auch die westliche Welt muss sich ihrer Kulturgenese immer wieder vergewissern, um den Zuschreibungen, Wertehorizonten, aber auch Vorurteilen der Migrationskulturen auf Augenhöhe begegnen zu können. Für viele Schülerinnen und Schüler ist das Christentum als eine der geistig-moralischen Grundlagen der westlichen Welt fremd geworden, bisweilen vielleicht sogar fremder als den sich davon abgrenzenden muslimischen Schülerinnen und Schülern.
Berührungsängste gibt es nach wie vor zum Judentum. Hier geht es nicht nur um die Auseinandersetzung mit einem Antisemitismus, der in Deutschland zu welthistorischer Singularität mutierte. Die Aufarbeitung der NS-Geschichte befindet sich in Deutschland inzwischen auf einem akzeptablen Niveau und muss ein zentrales Thema des Geschichtsunterrichts bleiben. Die Veränderung der bundesrepublikanischen Bevölkerung hat indes einen neuen „Antisemitismus“ bzw. „Anti-Israelismus“ hervorgebracht, der quer durch unsere Gesellschaft geht und in Teilen der muslimischen Zuwanderer zu erschreckenden Ausmaßen gefunden hat. Dadurch ist der Nah-Ost-Konflikt teilweise auf unseren Schulhöfen angekommen. Dass diese Situation durch die Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan nicht entschärft werden wird, liegt auf der Hand. Wer wollte angesichts dieser politischen und historischen Situation verneinen, dass unsere Geschichte sowie Gegenwart (noch immer) wirkmächtige religiöse Dimensionen haben?