Mittelalterliche Stiftungen – eine Glaubensfrage? Indien und die übrige vormoderne Welt/ Medieval Endowments— A Matter of Faith? India and the Rest of the Premodern World

(Annette Schmiedchen, Berlin)

 

Annette Schmiedchen, Berlin:

Einführung

Katrin Einicke, Halle:

Stiftungspraxis in Indien: Normative Grundlagen und persönliche Motivation der Akteure

Walter Slaje, Halle:

Religiöse Konkurrenz zwischen Buddhismus, Hinduismus und Islam im mittelalterlichen Kaschmir

Ignacio Sánchez, Warwick:

Endowment Practices, Asceticism and Religious Scrupulosity in Medieval Islam

Zachary Chitwood, Berlin:

Zur Frage der ostchristlichen Konfession von Stiftern, Begünstigten und Umgebungsgesellschaft in Byzanz

Gury Schneider-Ludorff, Neuendettelsau:

Kritik und Neudeutung des Stiftungswesens in der Reformationszeit und seine Bedeutung für die Profilierung eines konfessionellen Selbstverständnisses in den Reichsstädten und Territorien des 16. Jahrhunderts

 

 

Abstract (scroll down for English version):

 

In dieser Sektion soll der Frage nachgegangen werden, in welchem Verhältnis die religiösen Bekenntnisse von Stiftern und Stiftungsbegünstigten zueinander standen und welche Rolle die Glaubensrichtung der sie umgebenden Gesellschaft für mittelalterliche Stiftungstraditionen spielte.

Im mittelalterlichen Indien war eine gewisse Ambivalenz zwischen der postulierten religiösen Affiliation königlicher Stifter und den Glaubenstraditionen, denen die von ihnen begünstigten Institutionen und Personen angehörten, keinesfalls untypisch. Herrscher streuten in der Regel ihre Zuwendungen an Brahmanen, hinduistische Tempel, buddhistische Klöster und / oder jinistische Institutionen. Dieses Phänomen wird oft mit herrscherlicher Toleranz bzw. damit erklärt, daß die Übergänge zwischen verschiedenen religiösen Gruppen im vorislamischen Indien fluider als im monotheistischen Westen gewesen seien. Es spricht jedoch einiges dafür, daß Könige und Fürsten bei der Vergabe von Stiftungen zum Unterhalt religiöser Institutionen und Personen als eine Art Amtsträger agierten und den verschiedenen Glaubensvorstellungen ihrer multireligiösen Umwelt Rechnung zu tragen hatten.

Deutlicher waren die Zäsuren zwischen den Konfessionen in den muslimischen, christlichen und jüdischen Stiftungstraditionen. Muslimische Rechtsgelehrte des 9. Jahrhunderts erlaubten auch Juden und Christen, waqf-artige Stiftungen zu gründen, vorausgesetzt, daß die gesamte Gesellschaft und nicht nur ihre jeweilige Glaubensgemeinschaft vom gestifteten Vermögen profitierte. Im Verlaufe der Reconquista kam es dann jedoch zu Einschränkungen: Islamische Rechtsgelehrte formulierten massive Einwände gegen Stiftungen für Kirchen, Klöster und Synagogen; der waqf wurde eng mit der Praxis des ǧihād verbunden. In Byzanz ebenso wie unter einigen mittelalterlichen muslimischen Herrschern ist nachweisbar, daß Stiftungen auch für die Missionierung benutzt wurden. Andererseits belegen religiöse Stiftungen nicht nur eine starke interreligiöse, sondern auch innerreligiöse Konkurrenz.

 

Abstract (English version):

 

Medieval Endowments – A Matter of Faith? India and the Rest of the Premodern World“

 

In this panel the relations between the religious leanings of donors and donees will be investigated, as well as the role which the religious beliefs of the surrounding societies played in the medieval endowment traditions.

A certain ambivalence between the proclaimed religious affiliations of royal donors on the one hand, and the religions followed by the institutions and individuals those donors favoured on the other hand, was not unusual for endowment practices in medieval India. In general, Indian rulers tended to distribute their religious grants amongst Brahmanical priests, Hindu temples, Buddhist monasteries, and / or Jaina institutions. This phenomenon has been often explained as regal tolerance, or with the undeniable fact that the transitions between different religious groups were more fluid in pre-Islamic India than in the monotheistic West. There is, however, evidence which indicates that imperial rulers and even subordinate kings acted as official representatives of the empire or kingdom when they made endowments in order to support religious institutions or individuals, and that they also had to take into consideration their multi-religious environment.

Far more clear were the distinctions of the different faiths in the medieval Muslim, Christian, and Jewish endowment traditions. 9th-century experts on Islamic law permitted also Jews and Christians to create waqf-like endowments, under the condition that the whole society, and not only their respective communities, profited from the assets or capital thus granted. But during the reconquista, experts on Islamic law expressed strong objections against endowments in favour of churches, monasteries, or synagogues; the institution of waqf became very closely linked to the practice of ǧihād. In the Byzantine Empire and under some medieval Muslim rulers, religious grants were also used for missionary purposes. However, endowment records testify that there existed not only a strong inter-religious, but also intra-religious competition.