(Philip Hahn, Anne Mariss, Tübingen)
Bridget Heal, St. Andrews:
Lernen ein Lutheraner zu sein – Bildliche Darstellungen und die Formierung eines konfessionellen Bewusstseins in deutschen Bibeln
Anne Mariss, Tübingen:
»Gott suchen in allen Dingen«. Jesuitische Frömmigkeitspraxis in der Frühen Neuzeit
Philip Hahn, Tübingen:
Alles eine Frage der Wahrnehmung? Sinnesgeschichtliche Perspektiven auf »Glaubensfragen« in der Frühen Neuzeit
Ruth Slenczka, Berlin:
Kommentar
Abstracts (scroll down for english version)
Ausgehend von drei unterschiedlichen Themengebieten geht es in der zweistündigen Sektion um methodologische Zugriffsmöglichkeiten auf ›Glaubensfragen‹ in der Frühen Neuzeit. Über die Trias Medialität, Materialität und Sinnlichkeit geht das Panel der Frage nach, wie Glauben und religiöses Wissen produziert wurde und somit auch, auf welche Art und Weise Menschen in der Frühen Neuzeit geglaubt haben.
In Anlehnung an neuere Ansätze innerhalb einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Religionsgeschichte begreifen die Vorträge der Sektion Wissen und Religion nicht als Gegensätze. Vielmehr lassen sich mit Hilfe des Konzepts ›religiösen Wissen‹ historiographisch überkommene Dichotomien von Glauben und Wissen in der Vormoderne aufheben. Religiöses Wissen, das heißt solches Wissen, das aus der Auseinandersetzung mit der Offenbarung entstand, wurde von den historischen Akteuren immer wieder angeeignet und in andere Kontexte transferiert. Religiöses Wissen wird somit als Produkt komplexer Aushandlungsprozesse zwischen unterschiedlichen Akteuren verstanden. Da es sich hierbei längst nicht nur um textbasierte Wissensbestände handelte, sondern auch um Wissen, das durch das Anschauen von Bildern, das sinnliche Wahrnehmen und buchstäbliche Begreifen von Dingen generiert und handlungsleitend gemacht wurden, ist es erforderlich, diese Prozesse aus unterschiedlichen methodischen Blickwinkeln zu betrachten.
Die drei Vorträge nehmen jeweils bewusst Aspekte in den Blick, die quer zu herkömmlichen religionsgeschichtlichen Narrativen gelagert sind. Heal analysiert Illustrationen lutherischer Bibelausgaben des 16. und 17. Jahrhunderts, die in ihrer exegetischen Bedeutung nicht so recht in das Bild eines wortzentrierten Luthertums zu passen scheinen. Die Bedeutung bildlicher Darstellungen für die jesuitische Frömmigkeitspraxis ist hingegen ein fächerübergreifend etablierter Forschungsgegenstand – deren Einbettung in eine spezifisch jesuitische materielle Kultur, der sich Mariss zuwendet, ist bislang jedoch unterbelichtet geblieben. Den Befund jüngerer Forschungen, dass sich die spätmittelalterliche Frömmigkeit sowie die frühneuzeitlichen Konfessionskulturen hinsichtlich ihrer sinnlichen Profile nicht so leicht voneinander abgrenzen lassen wie traditionell angenommen, nimmt Hahn zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen: Wie lässt sich die Bedeutung der Sinne in ›Glaubensfragen‹ in der Frühen Neuzeit aus einer sinnesgeschichtlichen Perspektive neu interpretieren?
Bridget Heal, St. Andrews:
Lernen ein Lutheraner zu sein: Bildliche Darstellungen und die Formierung eines konfessionellen Bewusstseins in deutschen Bibeln
Die volkssprachliche Bibel bildet den Kern der protestantischen Kultur und leistete dem Wandel des religiösen Lebens im 16. Jahrhundert Vorschub; ihre Texte sind vielfach studiert und gerühmt worden. Von Beginn an übernahmen aber nicht nur die Texte, sondern auch die Bilder eine wichtige Funktion, indem sie die Rezeption der Texte durch Gelehrte und Laien beeinflusste. Dies zeigt sich eindrucksvoll in den Illustrationen der Apokalypse in Luthers Übersetzung des Neuen Testaments vom September und Dezember 1522/23 von Lucas Cranach d. Ä. Die Bilder waren oft mehr als nur bloße Illustrationen: sie fungierten als visuelle Exegese, die ähnlich wie Glossen die Interpretation biblischer Erzählungen mitbestimmten.
Vor diesem Hintergrund untersucht der Vortrag verschiedene Traditionen der lutherischen Bibelillustration im 16. und 17. Jahrhundert. Dabei werden nicht nur sogenannte Vollbibeln herangezogen, sondern auch günstigere und damit besser zugänglichere Formen der visuellen Pädagogik wie etwa Bilderbibeln und Kinderbibeln. Heal wird vor allem der Frage nachgehen, warum eine Konfession, die ihre Bedeutung von der Verbreitung von Gottes Wort ableitete (sola scriptura), Bildern eine so zentrale Rolle in der Vermittlung religiösen Wissens sowie der Herausbildung konfessioneller Identität beimaß.
Anne Mariss, Tübingen:
„Gott suchen in allen Dingen“. Jesuitische Frömmigkeitspraxis in der Frühen Neuzeit
In dem Vortrag von Anne Mariss geht es um die Frage, welche Bedeutung Dingen bei der Vermittlung von ‚Glaubensfragen‘ in der Frühen Neuzeit zukam. Materielle Kultur spielte eine zentrale Rolle in der Formierung und Vermittlung religiösen Wissens und war ein zentraler Bestandteil vormoderner Frömmigkeitspraktiken. Von der Forschung wird daher verstärkt auf die Bedeutung der Kategorie der religiösen Materialität verwiesen. Sinnlichkeit und Ästhetik, das Anschauen und Begreifen von Dingen spielten – entgegen älterer Forschungspositionen – sowohl im Katholizismus als auch im Protestantismus eine signifikante Rolle für die Formierung und Konturierung der eigenen konfessionellen Spiritualität.
Der Vortrag richtet den Blick darauf, welchen Objekten eine zentrale Bedeutung für jesuitische Frömmigkeitspraktiken zukam. Jesuitische Spiritualität basierte schon beim Ordensgründer Ignatius von Loyola in hohem Maße auf der Erfahrung und Auseinandersetzung mit der Welt. Es galt sprichwörtlich, Gott in allen Dingen zu suchen, zu entdecken und zu erfahren. Dies ist von der Forschung bisher vor allem für den Bereich der wissenschaftlichen Aktivitäten der Jesuiten in den außereuropäischen Missionen beachtet worden, nicht so jedoch die Bedeutung dieser Herangehensweise an die Welt der Dinge für die Frömmigkeit und Spiritualität der Jesuiten und ihre daraus resultierende materielle Kultur.
Philip Hahn, Tübingen:
Alles eine Frage der Wahrnehmung? Sinnesgeschichtliche Perspektiven auf ‚Glaubensfragen‘ in der Frühen Neuzeit
Die jüngere Forschung zur „christlichen Materialität“ und zu den Sinnesregimes und -praktiken der frühneuzeitlichen Konfessionen haben gewohnte Zuordnungen infrage gestellt: Die spätmittelalterliche Frömmigkeit war längst nicht so ‚sinnlich‘ wie traditionell angenommen, das Luthertum nicht allein auf das ‚Hör-Reich‘ zentriert, und die reformierten Kirchen nicht grundsätzlich sinnesfeindlich. Sinnesgeschichtliche Arbeiten haben zudem gezeigt, dass die religiösen Umwälzungen des 16. Jahrhunderts noch unter dem Einfluss antiker und mittelalterlicher Vorstellungen von der Funktionsweise der Sinne standen, die erst im Lauf des 17. Jahrhunderts allmählich von neuen Theorien verdrängt wurden.
Hahn plädiert in seinem Vortrag dafür, nicht bei diesen revisionistischen Dekonstruktionen der sinnlichen Aspekte der Epochengrenze Mittelalter/Neuzeit sowie des Konfessionalisierungsparadigmas stehenzubleiben, sondern das Potenzial des sinnesgeschichtlichen Ansatzes auszuschöpfen, um das Verhältnis von Wahrnehmung und Glaubensfragen in der Frühen Neuzeit zu interpretieren. Das bedeutet vor allem, die Eigenlogik sinnlicher Wahrnehmung ernst zu nehmen, statt diese wie bislang als ein Symptom religiöser Kultur zu betrachten. Am Beispiel einer frühneuzeitlichen Stadtgesellschaft skizziert der Vortrag die Wechselwirkungen zwischen religiösen Sinneskulturen und anderen Einflussfaktoren auf die Geschichte der Sinne wie naturphilosophischer, medizinischer, hygienischer und ästhetischer Vorstellungen. Denn einerseits strahlte die Inanspruchnahme der Sinne als ‚Glaubensfrage‘ weit über die religiöse Sphäre hinaus, andererseits blieb die Generierung religiösen Wissens nicht davon unberührt, wie eine Gesellschaft die Frage beantwortete, inwiefern man den Sinnen Glauben schenken konnte.
Abstracts (English version)
This panel explores the potential of different methodological approaches to ‚matters of faith‘ by looking at the media of instruction, the material culture, and the senses that could be employed in the process of producing ‚religious knowledge‘. In this way, we hope to contribute to explaining how people in the early modern period believed.
The concept of ‚religious knowledge‘ transcends traditional – and anachronistic – notions of a dichotomy between faith and knowledge in the premodern period. People produced ‚religious knowledge‘, i.e. knowledge derived ultimately from revelation, by constant re-appropriation, negotiation and transferral to new contexts. It could not only be acquired from texts, but also by looking at images, by the touching of objects, and by means of sensory perception in general. This means that the production of ‚religious knowledge‘ has to be interpreted from various methodological angles.
All three papers focus on aspects that do not fit into traditional narratives of religious history. Bridget Heal will analyse the exegetical role of illustrations in Lutheran editions of the Bible, which seems to disagree with the alleged word-centredness of Lutheranism. The importance of images for Jesuit pious practice, by contrast, is well known, but is generally ignored that they were embedded in a specific Jesuit material culture, as Anne Mariss will argue. Philip Hahn’s paper departs from the observation that late medieval sensory culture exerted a strong influence on early modern confessional cultures, and will ask how the role of the senses in ‚matters of faith‘ can be reinterpreted by employing a sensory historical approach.
Bridget Heal, St. Andrews:
Learning to be Lutheran: Visual Images and the Creation of Confessional Consciousness in German Bibles
Bridget Heal will focus in her Vortrag on the role that Biblical images played in transmitting religious knowledge. The vernacular Bible lay at the heart of Protestant confessional culture. It was the engine that drove the transformations in religious life that occurred during the sixteenth century, and its texts have been much studied and celebrated. Yet from 1522/23 onwards, when Lucas Cranach the Elder illustrated the Apocalypse in Luther’s September and December New Testaments, images played an important role in shaping both the learned and the popular reception of those texts. The images were often much more than mere illustrations: they functioned as visual exegesis, determining, like glosses and other para-textual material, the interpretation of particular stories. Heal’s Vortrag will examine traditions of Lutheran Bible illustration during the sixteenth and seventeenth centuries, looking not only at Vollbibeln but also at cheaper and more accessible experiments in visual pedagogy such as Bilderbibeln and Kinderbibeln. It will ask why a confession that derived its significance from the promulgation of God’s word came to accord images such an important role in the transmission of religious knowledge and creation of confessional consciousness.
Anne Mariss, Tübingen:
„Finding God in All Things“: Jesuit Practices of Piety in the Early Modern Period
Anne Mariss focusses on the question of how things played a role in early modern matters of faith. Material culture was central to the development, the formation and mediation of religious beliefs and pious practices. Therefore, recent research has emphasized the importance of a specific religious materiality: sensuousness, aesthetics and haptics were – contrary to older assumptions – important factors in processes of confession-building and the formation of spirituality in Catholicism as well as in Protestantism.
In her talk, Mariss examines which sorts of objects played a crucial role in Jesuit practices of piety. Since Ignatius of Loyola, the founder of the fraternity, Jesuit piety was based on worldly experiences. To seek and find God in all things lay at the core of Jesuit spirituality and piety. So far, research has primarily paid attention to the scientific activities of the Jesuits in their missions in different parts of the world, but has neglected the meaning of things and material culture within this religious approach.
Philip Hahn, Tübingen:
Sensible Faith. Towards a Sensory History of ‚Matters of Faith‘ in the Early Modern Period
Recent research into the ‚Christian materiality‘ and the sensory regimes and practices of early modern confessional cultures has blurred established stereotypes: Late medieval piety was not as ‚sensual‘ as traditionally assumed, Lutheranism was not only focussed on hearing, and the Reformed churches were not principally anti-sensual. Sensory historical research has, moreover, revealed that the sixteenth-century religious upheavals were influenced by ancient and medieval notions of the functioning of the senses, which were gradually superseded by newer theories in the course of the seventeenth century.
Rather than just confining oneself to a revisionist deconstruction of the sensory side of the transition from medieval to early modern times, though, one could take advantage of the sensory historical approach’s potential to reinterpret the relationship between perception and ‚matters of faith‘ in the early modern period. Above all, this means to acknowledge the inner logic of sensory perception instead of interpreting it as a symptom of religious culture. By means of a case study of an early modern town in the Holy Roman Empire, the paper will demonstrate the interplay between religious sensory cultures and other factors that influence the history of the senses like natural philosophical, medical, hygienic, and aesthetic ideas. For on the one hand, regarding the senses as ‚matters of faith‘ had an impact beyond the religious sphere, but on the other hand, the production of religious knowledge was influenced by the extent to which a society regarded the senses as reliable.



