(Daniel Schley, München)
Daniel Schley, München:
Pfade für den Glauben? Zu Vermittlung und Verbreitung religiöser Vorstellungen im Umkreis der Kriegergesellschaft des
13. Jahrhunderts
Stefan Köck, Bochum:
Buddhawerdung durch Einäscherung? – Zu soteriologischen Vorstellungen in
Reliquienkult und Pilgerwesen im Buddhis- mus des japanischen Mittelalters
Steffen Döll, Hamburg:
Pilger, Literat, Aufrührer und Heimkehrer. Japanische Chinareisende des 14. Jahr- hunderts am Beispiel des Sesson Yūbai (1290–1347)
Abstracts (scroll down for english version):
Daniel Schley, München
Pfade für den Glauben? Zu Vermittlung und Verbreitung religiöser Vorstellungen im Umkreis der Kriegergesellschaft des 13. Jahrhunderts
Ende des 12. Jahrhunderts war in Kamakura ein neues politisches Zentrum entstanden, das mit der Zeit gleichfalls zu einem Anziehungspunkt für die religiösen Bewegungen der Zeit wurde. Seit der Konsolidierung des Reichs im 7. Jahrhundert hatten der königliche Hof in Kyōto und die mit diesem assoziierten religiösen Institutionen keinen so einflussreichen wie selbständigen Konkurrenten um Macht und Autorität besessen. Ihre Herrschaftsausübung begründeten die Krieger auf einer der Vasallität des europäischen Mittelalters vergleichbare Bindungen an Gefolgsleute (gokenin 御家人) wie auch eine zunehmend umfangreiche Rechtsprechung. Darin zeichnete sich in vielerlei Hinsicht eine neue Qualität von Herrschaft ab.
Bei aller Verschiedenheit agierte die Kriegerregierung dennoch nicht ganz unabhängig von der überkommenen Ordnung. In politischen aber auch religiösen Belangen knüpften sie an Bewährtes an. Dazu gehören die Einrichtung eines Schreins für die synkretistische Gottheit Hachiman, die Übernahme religiöser Verantwortung seitens der Shōgune, oder die Behandlung von Glaubensfragen in Rechtstexte und didaktischen Lehrschriften. Zugleich suchten Mitglieder der zur selben Zeit entstandenen religiösen Erneuerungsbewegungen die Nähe der Kriegerregierung auf, von der sie sich den ihnen andernorts versagten Zuspruch erhofften. Kamakura entwickelt sich ebenso in ein dynamisches Begegnungsfeld alter und neuer religiöser Praktiken und Lehren.
Welche Kriterien aber lassen sich aus dem Umgang der Krieger mit den damaligen religiösen Herausforderungen feststellen? Welche strukturellen und individuellen Faktoren waren im Fall von Glaubenskonflikten ausschlaggebend, wie beispielsweise zwischen den militärischen Verpflichtungen und dem buddhistischen Tötungsverbot?
Eingeordnet in einen kursorischen Überblick über die abwechslungsreiche religiöse Landschaft im mittelalterlichen Japan geht es im Vortrag um zwei Fallbeispiele, den Anhänger von Hōnens Reinem-Land-Buddhismus Shinzui (gest. 1279) und dem heute bekannteren Nichiren (1222-1282). Beide waren mit ihren Anliegen an die Krieger zu ihrer Zeit erfolglos, was eine gute Gelegenheit bietet, den Gründen für ihr Scheitern nachzuspüren und daraus Einblicke in die religiösen Infrastrukturen zwischen Kyōto und Kamakura zu gewinnen.
Stefan Köck, Bochum
Tore zur Buddhawerdung? – Pilgerstätten als Fokuspunkte soteriologischer Doktrinen im japanischen Mittelalter
Religiöse Infrastrukturen im japanischen Mittelalter sind in hohem Maße beeinflusst durch Erscheinungen, die bereits vor dem Entstehen der Kriegerherrschaft und dem damit einhergehenden Feudalsystems seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert etabliert wurden. Dem Historiker Kuroda Toshio zufolge bildete ein System, in dem sog. exoterische und esoterische buddhistische Schulen in wechselnden Allianzen miteinander um die Vorherrschaft in religiösen Belangen und um politischen Einfluß konkurrierten (kenmitsu-taisei), die religiöse Orthodoxie vom 8. bis ins ausgehende 16. Jahrhundert.
Innerhalb dieses Systems entstand mit der honji-suijaku-Doktrin ein synkretistisches Modell, das es ermöglichte, Erscheinungen buddhistischen und nicht-buddhistischen Ursprungs miteinander zu identifizieren. Pilgerstätten wie Kumano oder Kōya-san sind Beispiele für Orte, an denen dieses Muster greifbar wurde. Dort beheimatete Kulte waren nicht auf Vertreter einzelner buddhistischer Schulen beschränkt, sie gewannen seit dem 13. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung und wurden durch Wanderasketen in Japan popularisiert. Pilger verehrten an den Heiligtümern lokale Gottheiten oder buddhistische Mönche als Erscheinungen buddhistischer Wesenheiten. Dies hatte profunde soteriologische Implikationen: in einer Zeit, die verbreitet von einer pessimistischen Eschatologie geprägt war, wurden diese Kulte als Möglichkeiten verstanden, Buddhawerdung zu erlangen.
Im 13. Jahrhundert neu entstehende buddhistische Bewegungen wie die Reine-Land-Schulen, aber auch Schulen des kami-Glaubens wie der im 15. Jahrhundert entstehende Yoshida-Shintō, mussten sich gegen die kenmitsu-Orthodoxie behaupten und waren bemüht, sich doktrinär von dieser abzusetzen um als eigenständig wahrgenommen zu werden. Inwieweit dies gelingen konnte oder sie sich schließlich doch etablierter Konzepte der religiösen Infrastruktur der kenmitsu-Orthodoxie bedienen mussten, um ihre eigene Position zu stabilisieren, soll in diesem Vortrag ebenfalls thematisiert werden.
Steffen Döll, Hamburg:
Pilger, Literat, Aufrührer und Heimkehrer. Japanische Chinareisende des 14. Jahrhunderts
am Beispiel des Sesson Yūbai (1290–1347)
Den ostasiatischen Raum kennzeichnen im Mittelalter religionsgeschichtliche Migrationsbewegungen von großer Intensität. Schon aus früheren Jahrhunderten lässt sich beobachten, dass japanische Mönche die buddhistischen Zentren des Festlands aufsuchten, um von dort Schriften, Praktiken und Lehrsysteme in ihre Heimat zu verbringen, bzw. dass chinesische und koreanische Meister in Japan ansässig wurden und dort entscheidenden Einfluss auf die Ausbildung der religiösen Landschaft nahmen. Doch der Austausch im unruhigen 13., insbesondere aber im 14. Jahrhundert scheint eine neue Dimension erreicht zu haben: Uns liegen aus diesem Zeitraum mehrere hundert Biographien von japanischen Chinareisenden und chinesischen Emigranten nach Japan vor, die von der Dynamik des persönlichen ebenso wie institutionellen Austausches zeugen.
Ein in gleichem Maße paradigmatisches wie außergewöhnliches Fallbeispiel stellt die Biographie des Sesson Yūbai (1290–1347) dar. Seine hervorragenden Kenntnisse des Chinesischen in Wort und Schrift und sein enger Kontakt zu den Zirkeln chinesischer Emigranten in Kyoto und Kamakura zeichneten ihn als einen Hoffnungsträger des japanischen Zen-Buddhismus aus. Doch seine Pilgerreise nach China verlief ganz anders als geplant: Als Spion und Aufrührer verdächtigt, wurde er verfolgt, zum Tode verurteilt, begnadigt und schließlich verbannt; die Heimkehr wurde ihm erst nach mehr als zwanzig Jahren im Exil gestattet.
Der Vortrag versucht anhand der Biographie des Yūbai jene physischen, kommunikativen und ideellen Infrastrukturen zu identifizieren, aufgrund derer im japanischen Mittelalter die Option der Pilgerreise aufs Festland ernst und vielfach wahrgenommen wurde. Gleichzeitig wird die vielleicht wichtigste Grundvoraussetzung für diese Form des Austausches umrissen, nämlich die tatsächliche und vorgestellte Verschränktheit des Religiösen mit dem Politischen.
Abstracts (english version):
Daniel Schley, München:
Paths for Faith? On the Dissemination of Religious Beliefs and 13th Century Warrior Rule.
At the end of the 12th century a new political centre had emerged in Kamakura. For the first time since the establishment of the Japanese kingship during the 7th century, the royal court in Kyōto with its affiliated temples and shrine was confronted with an independent competitor for power and authority. In spite of many differences the new warrior government could not act completely outside of long standing infrastructures. Warriors followed court precedents not only in many political but religious matters as well. A part of this continuity can be seen in the building of a temples and shrines in Kamakura, e.g. for the syncretistic deity Hachiman. The shogun as formal head of government took religious responsibility for his dominion similar to the monarchs in Kyōto (tennō) and questions of faith were treated in juridical and didactical writings. At the same time members of religious renewal movements went to Kamakura to gain recognition denied elsewhere. As a result Kamakura developed also into a dynamic rallying point for old and new religious ideas and practices.
The underlying infrastructures for dealing with religious challenges have, however, yet to be investigated thoroughly. A good starting point is to ask for the decisive structural and personal factors in cases of conflicting beliefs and practices. A lurking problem for many warriors was for instance how to console their military engagement with the Buddhist ban on killing living beings.
Following an introductory summary of the wide-ranging medieval religious landscape, I will focus in my paper on two individual cases: the Pure-Land-Buddhist Shinzui (died 1279) and Nichiren (1222-1282). Both of them were not successful with their appeals to the warriors, which provides a good occasion to investigate the reasons for their failure. This analysis shall help to offer new insights into so far neglected infrastructures of faith between Kyōto and Kamakura.
Stefan Köck, Bochum:
Gateways to Buddhahood? – Pilgrimage Sites as Focal Points of Soteriological Doctrines in the Japanese Middle Ages
Religious infrastructures in the Japanese Middle Ages are strongly influenced by phenomena that were established prior to the advent of warrior rule in the 12th century and the accompanying feudal order. According to the historian Kuroda Toshio the religious orthodoxy between the 8th and the 16th century was formed by a system, consisting of so called exoteric and esoteric Buddhist schools (kenmitsu) that formed changing alliances in their struggle for dominance in religious and political affairs.
In the context of this system a syncretistic model, the honji-suijaku-doctrine, emerged by which it was possible to identify phenomena of Buddhist and non-Buddhist origin. Pilgrimage sites like Kumano or Kōya-san serve as examples for places, where this model became manifest. Religious cults linked to these sites were not limited to representatives of individual Buddhist schools, since the 13th century they enjoyed a growing significance and became popularized by wandering ascetics roaming Japan. Pilgrims venerated local deities or Buddhist monks as manifestations of Buddhist beings at the sanctuaries. The implications of these practices were profound: in times strongly marked by a pessimist eschatology these cults were understood as means to achieve buddhahood.
For emerging Buddhist movements like the Pure-Land-Schools in the 13th century but also schools of kami-veneration like Yoshida-Shintō in the 15th century it was necessary to assert their own positions separate from the kenmitsu-orthodoxy in order to be noticed as discrete movements. This talk will also address the question to what extent this was possible or if these movements finally had to fall back on established concepts of religious infrastructure of the kenmitsu-orthodoxy in order to establish their own positions.
Steffen Döll, Hamburg
Pilgrim, Scholar, Agitator, and Repatriate. Sesson Yūbai (1290–1347) Travelling to China during the 14th Century
The religious history of the Middle Ages in East Asian is characterized by exceptional migratory movements. Even during earlier centuries Japanese monks regularly visited Buddhist centers on the mainland in order to gain possession of scriptures, practices, and doctrinal systems to bring along home, while Chinese and Korean masters occasionally settled in Japan where they had decisive influence on the development of the religious landscape. However, a new dimension seems to have been reached by the tumultuous 13th and 14th centuries. Several hundred biographies of Japanese Buddhists travelling to the mainland as well as Chinese emigrants to Japan have been preserved and vividly illustrate the dynamics of personal and institutional exchange.
An equally paradigmatic and extraordinary case of such a biography is the one of Sesson Yūbai (1290–1347). His exceptional skills in the spoken and written Chinese language as well as his involvement in the social circles that revolved around the Chinese emigrant masters in Kyoto and Kamakura gained him recognition as a rising star of Japanese Zen Buddhism. But his pilgrimage to China went drastically awry: Suspected as a spy and insurgent, he was prosecuted, convicted, sentenced to capital punishment, amnestied, and banished to the remote hinterlands. He finally made his way back to Japan only after twenty years in exile.
By examining Yūbais biography, this talk aims at identifying the physical, communicative, and ideological infrastructures that informed the decision of many medieval Japanese monks to brave the perilous roads and waterways to and on the mainland. Special attention will be given to the perhaps most basic premise that rendered pilgrimage an option to be taken seriously in the first place: the factual entanglement between the realms of the religious and the political.



