Hitler. Eine historische Vergewisserung/Hitler. A Historical Appraisal

(Ulrich Herbert, Freiburg, Andreas Wirsching, München)

 Podiumsdiskussion
– Ulrich Herbert, Freiburg
– Konrad Jarausch, Chapel Hill
– Jürgen Kaube, Frankfurt/M
– Birthe Kundrus, Hamburg
– Andreas Wirsching, München

 

Abstract

 

Ausgangspunkt der hiermit vorgeschlagenen Podiumsdiskussion ist die gegenwärtig zu beobachtende neue „Hitler-Welle“ in Wissenschaft und Öffentlichkeit. In jüngster Zeit sind mehrere neue wissenschaftliche Hitler-Biographien erschienen, weitere sind angekündigt. Zugleich erzeugen die Diskussion um die im Januar 2016 erscheinende kritische Edition von Hitlers „Mein Kampf“, aber auch entsprechende massenkulturelle Tendenzen („Er ist wieder da“, Rimini- Projekt) einige mediale Aufmerksamkeit. Aus mehreren Gründen ist es unabdingbar, diesen Trend kritisch zu diskutieren. Erstens besteht die Gefahr, dass in der interessierten Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, die Quellen des Nationalsozialismus und seiner Verbrech en lägen primär oder sogar ausschließlich bei Hitler und seiner engsten Entourage. Dies wäre ein fataler Rückschritt hinter den erreichten Forschungsstand zur Politik- und Täter-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte des NS-Regimes. Einer gegenwärtig zu beobachtenden Verkürzung der öffentlichen Wahrnehmung auf ein Hitler-zentriertes Bild des Nationalsozialsozialismus sollte also entgegengewirkt werden. Zugleich ist eine Dekontextualisierung der Schriften und Reden Hitlers festzustellen, die der Suggestion der Originalität aufsitzt und Hitler aus   dem Zusammenhang der dominierenden Denk- und Sprechweisen der deutschen Rechten der 19 20er und 30er Jahre herauslöst. Hitler als politische Figur wie als Projektionsfläche zu historisieren ist daher eine ebenso aktuelle Aufgabe wie die Beantwortung der Frage nach der Bedeutung Hitlers für die Dynamik, Etablierung und Radikalisierung des NS-Regimes. Insbesondere gilt dies vor dem Hintergrund jüngerer Debatten um das Problem, welche spezifische Struktur von „Staatlichkeit“ die NS-Diktatur aufwies und welche Selbstermächtigungs- und Selbstmobilisierungsprozesse („Volksgemeinschaft“) ihre Dynamik erzeugten. Schließlich muss angesichts der jüngeren Forschungen erneut nach der Bedeutung Hitlers bei der Ingangsetzung des Judenmords gefragt werden. Einerseits hat die Forschung die Initiativen und autonomen Vorgehensweisen regionaler und lokaler Akteure zum Teil sehr detailliert herausgearbeitet. Andererseits aber zeigt die systematische Arbeit an den Quellen auch in aller Klarheit den entscheidenden Einfluss der Zentrale: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden erscheinen als ein im Kern gleichgerichtetes europäisches Geschehen, das den Rhythmen des Zweiten Weltkrieges und dem deutschen Vormarsch folgte. Welches Gewicht hier der Bezug auf den „Führer“ besaß und in welchem Maß exakte oder symbolische Initiativen von Hitler ausgingen, bedarf einer erneuten, sorgfältigen Austarierung. Ausgehend von diesen Leitfragen bietet die wissenschaftliche Problematisierung der gegenwärtigen „Hitler-Welle“ einen aktuellen Beitrag zu dem historiographischen Grundproblem von Persönlichkeit und Geschichte. Als solche liegt die vorgeschlagene Podiumsdiskussion am Schnittpunkt von Wissenschaft und interessierter Öffentlichkeit. Es geht dabei sowohl um die Bewertung neuer Forschungsergebnisse als auch um die Dis kussion der geschichtskulturell dominierenden Bilder und ihrer Auswirkungen auf unser Gegenwartsbewusstsein. Um eine lebhafte Diskussion zu erzielen, wird das Format einer freien Diskussion gewählt. Von längeren Einführungsstatements der Podiumsteilnehmer wird abgesehen, allerdings soll die moderierte Diskussion entlang von Leitfragen strukturiert werden, die den oben genannten Ausführungen folgen.