Heidentum oder Heidentümer? Frühneuzeitliche Perspektiven auf den Polytheismus/ Paganism or Paganisms? Early-Modern Views on Polytheism

(Dominik Fugger, Franziska Turre, Erfurt, Paola von Wyss-Giacosa, Zürich)

Yann Dahhaoui, Lausanne:
Los primeros padres se conformaron con las çerimonias de los gentiles. Comparing Pagan and Christian rites in Early Modern Spain

Franziska Turre, Erfurt:
Heidenstereotype in der konfessionellen Auseinandersetzung des 16. und 17. Jahrhunderts

Sergio Botta, Rom:
Towards a Global Theory of Polytheism in Fray Juan de Torquemada’s Monarquía Indiana

Paola von Wyss-Giacosa, Zürich:
Vielgötterei und Feuerkult. Der Blick des britischen Geistlichen Henry Lord auf die Religionen Indiens

Dominik Fugger, Erfurt:
Das Eigene und das Andere zugleich: Frühneuzeitliche Blicke auf das germanische Heidentum

 

Heidentum oder Heidentümer? Frühneuzeitliche Perspektiven auf den Polytheismus
Gelehrte der europäischen Frühen Neuzeit hatten vielerlei Anlass, sich mit dem Polytheismus auseinanderzusetzen. Sie fanden Heidentum einerseits in der historischen Überlieferung, der europäischen wie der alttestamentlichen, und andererseits in ihrer Gegenwart, indem die europäische Expansion im Zuge von Mission und Handelskontakten immer neue Nachrichten über die Religionen der Welt erzeugte. Zwar ist der Standpunkt der Gelehrten notwendigerweise ein christlicher; doch tatsächlich entwickelt sich seit dem 16. Jahrhundert eine Vielzahl an Perspektiven, die man auf das Heidentum einnehmen konnte. Neben den universalistischen Blick auf „das Heidentum“ tritt das Interesse an einer genaueren Beschreibung geographisch, historisch oder ethnographisch bestimmter „Heidentümer“. Auch der Blick auf „den Heiden“ ist keinesfalls immer derselbe, sondern bewegt sich in einer weiten Spannbreite. Die hiermit vorgeschlagene Sektion will diese Landschaft anhand ausgewählter Beispiele schlaglichtartig beleuchten.

So soll etwa gefragt werden, welchen Einfluss die Entstehungsvorstellungen von Heidentum auf das Verhältnis haben, in das der Polytheismus, den die Zeitgenossen in ihrer Gegenwart oder in historischen Quellen vorfanden, zur christlichen Religion gesetzt wird. Die Tatsache, dass man sich Heidentum nicht anders denn als Abfall von der Offenbarung denken konnte, schafft Nähe und Distanz zugleich. Tatsächlich ist der Heide, anders als der Gottlose, keine ausschließlich negativ besetzte Figur: Die Quellen kennen ihn auch als frommen Heiden, weisen Heiden oder wilden Heiden.

Weiter kann man fragen, ob sich die Prinzipien, nach denen Heidentum klassifiziert und bewertet wird, unterschieden, je nachdem ob man das historisch überwundene oder der gegenwärtig noch bestehende Heidentum in den Blick nahm. Die Frage, ab wann sich der theologische, historische und ethnographische Blick voneinander differenzieren, gehört ebenso in diesen Zusammenhang. Schließlich: Welche Rolle spielen tatsächliche oder erdachte religiöse Praktiken bei der Differenzierung der heidnischen Religionen; welche Rolle spielen religiöse Vorstellungen, welche Rolle ethnographische Konzepte?

Die Sektion möchte ausgewählte Perspektiven auf das Heidentum in diesem Sinne vergleichend zusammenbringen. Dabei sollen das für die Zeitgenossen bereits historische europäische und das ihnen gegenwärtige außereuropäische Heidentum etwa gleichgewichtig repräsentiert sein. Jeweils ein Vortrag ist der Wahrnehmung indischen und mexikanischen Heidentums gewidmet, zwei Beiträge zeigen verschiedene Perspektiven auf das antike, besonders römische Heidentum, und ein weiterer Vortrag behandelt das germanische Heidentum in den Augen der Zeitgenossen.

Yann Dahhaoui, Lausanne:
Los primeros padres se conformaron con las çerimonias de los gentiles.Der Vergleich heidnischer und christlicher Riten im frühneuzeitlichen Spanien
Sowohl der vermeintliche Argwohn der Katholischen Kirche gegenüber allem Heidnischen als auch die Suche nach „Übereinstimmungen“ zwischen dem Katholizismus und antiken heidnischen Kulten bei protestantischen Kontroverstheologen mit dem Ziel, Kontinuitäten zu beweisen, haben dazu geführt, dass Historiker, die sich mit antiken Religionen beschäftigen, ihre Vorgänger eher unter protestantischen als unter altgläubigen Gelehrten gesucht haben. Ein Gutachten eines Kaplans und Griechischprofessors an der Universität von Toledo, Alvar Gómez de Castro, über den Stand und die Ursprünge der Vestalinnen, das 1562 auf eine Anfrage einer doña María de Mendoza hin entstand, beweist, dass das Interesse an diesem Themenkreis die konfessionellen Grenzen überschritt. Das Werk bringt verschiedene liturgische Bräuche ausdrücklich mit heidnischen Vorgängern in Verbindung. Dabei geht es dem Autor weniger darum, die dargestellten Bräuche zu verurteilen, als darum, durch den erkannten Zusammenhang moralische Lehren aus der paganen Vergangenheit für die christliche Gegenwart zu gewinnen.

Franziska Turre, Erfurt:
Heidenstereotype in der konfessionellen Auseinandersetzung des 16. und 17. Jahrhunderts.
Die Formierung und Abgrenzung der Konfessionen verlieh den gelehrten Vorstellungen über das historische Heidentum eine besondere Aktualität, insofern als die Frage nach der Reinheit und Authentizität der christlichen Praxis mit der Freiheit von heidnischen „Missbräuchen“ (Abgötterei) zusammengedacht wurde. Daraus folgte notwendigerweise eine Abgrenzung des eigenen christlichen Verständnisses von jeglicher heidnischen Praxis, was sich besonders an kontroverstheologischen Schriften in dieser Zeit zeigen lässt. Der Fokus soll bei der Untersuchung dieses Phänomens auf volkssprachlichen Quellen liegen, um damit jene Bilder in den Blick zu bekommen, die breiteren Bevölkerungskreisen von „dem Heidentum“ und „den Heiden“ vermittelt wurden.

Sergio Botta, Rom:
Anfänge einer globalen Polytheismus-Theorie in Fray Juan de Torquemadas Monarquía Indiana.

Ziel des Vortrags ist eine Untersuchung der Anwendung westlicher Vorstellungen „polytheistischer Götter“ innerhalb des mesoamerikanischen Kontextes. Polytheismus soll dabei nicht nur als gebräuchliche Kategorie der Religionswissenschaft begriffen werden, sondern auch als Erzeugnis eines kolonialen Diskurses. Die Monarquía Indiana von Fray Juan de Torquemada, 1615 in Sevilla veröffentlicht, stellt einen der bedeutendsten Versuche dar, indigene Religionen innerhalb einer interpretativen globalen Sicht religiöser Diversität einzugliedern. Das Werk von Torquemada, Produkt eines modernen Prozesses von “Mondialisierung”, enthält Überlegungen zum Wesen mesoamerikanischer Götter aus einer bahnbrechenden Perspektive. Der Franziskaner entwickelte die von Missionaren während der frühen Phase kolonialer Geschichte eingesetzten Methoden und Strategien wesentlich fort. Im Kontext moderner religionsgeschichtlicher Diskurse stellt das Werk Torquemadas nicht nur einen „ethnographischen“ Versuch dar, die Komplexität indigener Religionen zu erfassen, um deren Evangelisierung weiter zu treiben. Die Überlegungen des Missionars über indigene Gottheiten sind vielmehr als entscheidender Schritt innerhalb der modernen Konstruktion einer globalen Polytheismus-Theorie zu begreifen.

Paola von Wyss-Giacosa, Zürich:
Vielgötterei und Feuerkult. Der Blick des britischen Geistlichen Henry Lord auf die Religionen Indiens.
In den auf die Gründung der britischen East India Company im Jahr 1600 folgenden Jahrzehnten wurde eine ganze Reihe von Werken englischer Autoren veröffentlicht, die einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis Indiens, vor allem des Mogulreichs und Gujarats, leisteten. Das wohl bedeutendste ist A Display of two Forraigne Sects in the East Indies des protestantischen Geistlichen Henry Lord. Der Autor des 1630 erschienenen Buches war fünf Jahre lang, von 1624 bis 1629, als Kaplan in Surat tätig, wo man die erste Handelsniederlassung der East India Company gegründet hatte. Einer biblischen Ordnung entsprechend, mit den hinduistischen Vorstellungen der Schöpfung der Welt und des Menschen beginnend, stellt der schmale Band einen frühen Versuch dar, die Glaubensinhalte der Hindus wie auch der Parsen jenseits der reinen Beobachtung mit einer vergleichenden Methodik systematisch zu studieren. Entsprechend ergiebig erscheint diese Quelle für eine Untersuchung wiederkehrender und neuer, spezifischer und allgemeiner Vorstellungen zu einem indischen Heidentum.

Dominik Fugger, Erfurt:
Das Eigene und das Andere zugleich: Frühneuzeitliche Blicke auf das germanische Heidentum
Die Beschäftigung mit dem germanischen Heidentum ist für die mittel- und nordeuropäischen Gelehrten von einer besonderen Spannung geprägt: Als Christen (nicht selten als ausgebildete Theologen) schrieben sie über religiöse Zustände, deren Überwindung zu den wesentlichen Elementen ihres Selbstverständnisses gehörte. Das Heidentum erscheint in dieser Perspektive als die notwendige Kontrastfolie, ohne die das religiöse Eigene nicht erkennbar wird. Zugleich aber war das Heidentum als Glaube und Tun der eigenen Vorfahren Teil der eigenen Geschichte und wurde damit auch als Teil des eigenen geschichtlichen Seins wahrgenommen. Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis, das die Beschäftigung mit dem historisch zurückliegenden Heidentum die gesamte Frühe Neuzeit hindurch prägt und dem der Vortrag anhand ausgewählter Beispiele aus der nördlichen Religionsgeschichtsschreibung nachgehen möchte.

Abstracts (English version):

Paganism or paganisms? Early-modern Views of Polytheism
Scholars in early-modern Europe had many occasions to concern themselves with polytheism. They could find it not merely in the historical record, relating both to Europe and to the Old Testament but also in their own day, in that the expansion of Europe constantly produced information about the religions of the world in the course of missionizing and trade. These scholars naturally viewed all this from the Christian point of view, but in the course of the sixteenth century several different approaches to paganism did indeed emerge: in addition to an universalising perspective on ‘paganism’, we also find an interest in describing different ‘paganisms’ in greater detail, be it with regard to geography, history or ethnography. Nor were views of ‘heathens’ by any means always the same, but likewise covered a broad span. The aim of this Section is to throw some light on this landscape by focusing on a small number of examples.

One question might focus on the influence that views of the emergence of paganism had upon the way that the relation between polytheism, whether contemporary or as known from historical sources, and Christianity was represented. The fact that paganism was necessarily constructed as a deviation from revelation allowed both distance and nearness: unlike the godless, the pagan was a by no means exclusively negative figure. The sources view him variously as the pious pagan, the wise pagan, or the savage pagan. Moreover, one can ask whether the principles according to which paganism is classified and evaluated vary, depending on whether the object in view is a purely historical paganism of the past, or a contemporary, still living paganism. In this connection, one can also ask when theological, historical and ethnographic perspectives begin to diverge from one another. Finally, what role did real or merely imaginary religious practices play in this process of differentiation between pagan religions: what was the role of religious ideas as against ethnographic concepts?

The aim of the Section is to compare selected views of paganism along these lines. Cases involving already past paganisms in Europe are intended ideally to balance those involving contemporary non-European examples. One presentation each is thus devoted to perceptions of Indian and Mexican paganism, two offer different perspectives on ancient, mainly Roman, paganism, and a fifth discusses German paganism as viewed by contemporaries.

Yann Dahhoui, Lausanne:
Los primeros padres se conformaron con las çerimonias de los gentiles. Comparing Pagan and Christian Rites in Early Modern Spain
Both the supposed distrust of the Catholic Church in everything pagan and the gathering of “conformities” between Catholicism and ancient pagan cults by Protestant polemists (for the purpose of proving continuity between them) have led historians of ancient religions to look for forerunners among scholars who embraced Reformation rather than among those who remained true to the “old faith”. The expert report On the order and origins of the Vestals virgins written in 1562 in response to the request of a doña María de Mendoza by Alvar Gómez de Castro, a chaplain and professor of Greek at the University of Toledo, shows that interest in such matters extended beyond the confessional boundaries. Keeping condemnation of the customs described to a minimum, the work explicitly links several Christian liturgical customs with pagan antecedents and uses these links to draw moral lessons for the Christian present from the pagan past.

Franziska Turre, Erfurt:
Stereotypes of Paganism in the Confessional Debates of the Sixteenth and Seventeenth Centuries.
Learned ideas of historical paganism were highly pertinent during the period of the formation and mutual self-differentiation of the confessions, since the issue of the purity and authenticity of Christian practice was closely bound up with the licence of pagan ‘malpractice’ (idolatry). The inevitable consequence, well illustrated by the contemporary culture of theological debate, was a determination to separate one’s own Christian practice from all suspicion of paganism. The main focus of this study is upon sources in the vernacular, so as to provide an understanding of the image of ‘paganism’ and ‘heathens’ that was conveyed to lay folk beyond the circle of the learned

Sergio Botta, Rom:
Towards a Global Theory of Polytheism in fray Juan de Torquemada’s Monarquía Indiana
The aim of this paper is to examine the application of the Western idea of “polytheistic god” within the Mesoamerican context and to observe polytheism not only as a conventional category of Religious studies, but also as a product of a colonial discourse. The Monarquía Indiana – published in Seville in 1615 by Fray Juan de Torquemada – represented one of the most significant efforts to incorporate Indigenous religions within an interpretative global vision of religious diversity. As a product of a modern process of “mondialisation”, the work of Torquemada reflected on the nature of Mesoamerican gods from a ground breaking point of view. The Franciscan produced an evolution of the missionary methods and strategies used during the first part of colonial history. In the context of modern discourses on religion, the work of Torquemada does not represent only an „ethnographic“ attempt to understand the complexity of Indigenous religions in order to promote evangelization. On the contrary, the missionary reflection on Indigenous gods established a key stage in the modern construction of a global theory of polytheism.

Paola von Wyss-Giacosa, Zürich:
Polytheism and Fire Cult – the British Minister’s Henry Lord Perspective on Indian Religions
In the centuries following the establishment of the British East India Company in the year 1600 several works by English authors were published that offered an important contribution to the knowledge of India, and more specifically of the Mogul Empire and Gujarat. A Display of two Forraigne Sects in the East Indies, authored by the Protestant minister Henry Lord, must probably be considered the most outstanding among these books. For five years, from 1624 to 1629, Lord had served as a chaplain in Surat, where the very first commercial settlement of the East India Company had been founded. The small volume, organized like the Bible and starting with the Hindu notions of the creation of the world and of men, is a point in case for an early attempt to study the Hindu as well as the Parsee religious beliefs not merely by pure observation but in a systematic manner and by means of a comparative approach. Accordingly, Lord’s book may be regarded as a fruitful source for an investigation of recurring as well as new, both general and more specific notions on an Indian paganism.

Dominic Fugger, Erfurt:
“Are they like us or not?” Early-Modern Views of Germanic Paganism
Discussion of Germanic paganism was especially problematic for scholars in central and northern Europe. As Christians ‒ and not infrequently trained theologians ‒ they were writing about religious modalities whose rejection constituted a significant part of their self-understanding. From this perspective, paganism offered a constrastive foil without which their own religion lacked specific contours. At the same time, paganism, i.e. the beliefs and practice of peoples these scholars viewed as their ancestors, was also part of their own history and thus understood as part of their own historical being. This tension can be traced throughout the entire early-modern discussion of historical paganism in central and northern Europe, as the presentation will seek to demonstrate on the basis of selected examples from the relevant scholarly texts.