(Eva Schlotheuber, Düsseldorf, Clemens Rehm, Stuttgart)
Bettina Joergens, Duisburg, Nicola Wurthmann, Marburg:
Archive
Christoph Mackert, Leipzig, Claudia Fabian, München:
Handschriftenzentren
Lena Vosding, Andreas Kistner, Düsseldorf:
Netzwerk Grundwissenschaften
Andrea Stieldorf, Bonn Jürgen Wolf, Marburg:
Wissenschaftliche Forschung
Abstract
Die Sektion schließt sich inhaltlich an die Aufforderung des VHD an, den kommenden Historikertag in Hamburg für eine Selbstreflexion über die Grundlagen des Faches zu nutzen. Die Kompetenz, schriftliche und materielle Originalquellen vergangener Zeiten entschlüsseln und für die eigene Fragestellungen fruchtbar machen zu können, ist die Grundvoraussetzung für die Arbeit aller historisch ausgerichteten Disziplinen. Die Fähigkeit zur adäquaten Erschließung und Quellenkritik der Originalüberlieferung markiert einen wesentlichen Unterschied zwischen Geschichtsinteresse und Forschung. Für die Vermittlung dieser Kompetenzen sind die Historischen Grundwissenschaften zuständig, die heute aus der deutschen Hochschullandschaft zu verschwinden drohen. Jenseits der Erschließung vormoderner Quellen sind jedoch mit der Zeitgeschichtsforschung neue Herausforderungen entstanden, für die profunde Kenntnisse der Medien- und Quellenkritik zentral sind. Dazu gehören die statistische Vermessung der Gesellschaft, visuelle, auditive und audiovisuelle Quellen sowie digitalisierte Massenquellen (etwa Zeitungen), die besondere Kompetenzen der Methodenkritik erfordern. Zudem ist die Geschichtswissenschaft nicht mehr in erster Linie national zentriert und die zunehmend globale Orientierung erfordert eine Quellenanalyse, die über die klassischen Aktenformate weit hinaus reicht. Ein nennenswerter Teil der für die historische Forschung und fachspezifische Informationssysteme bereitgestellten Gelder wird dementsprechend für Digitalisierungsvorhaben und moderne Verwaltungssysteme der Digitalisate aufgewendet, was grundsätzlich sehr zu begrüßen ist. Nur läuft diese sinnvolle Investition wissenschaftlich ins Leere und kann ihr Potential nicht entfalten, wenn die wissenschaftliche Community sukzessive die Fähigkeit verliert, dieses immense und zunehmend besser zugängliche kulturelle Erbe adäquat zu erschließen und für die eigene Forschung fruchtbar zu machen.
Die „digitale Wende“ erfordert somit erweiterte und vertiefte Kompetenzen sowohl der klassischen Quellenkritik als auch der Medienkritik. Die Entgrenzung des Zugangs zu historischen Originalquellen durch Digitalisierung und Open Access muss mit einer wachsenden Kompetenz der heutigen und zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer einhergehen. Nur so können wissenschaftliche Standards nachhaltig gewahrt werden und die Forschungsergebnisse international standhalten. Diese Kompetenzen zu vermitteln, gehört zu den genuinen Aufgaben der universitären Ausbildung der Geschichtswissenschaften. Mit der augenblicklichen Ausstattung der historischen Institute oder Seminare ist diese gewachsene und im Prozess der digitalen Wende aktuelle dringliche Aufgabe aber nicht zu leisten. Diese Sektion möchte die Situation aus verschiedenen Perspektiven, nämlich der bestandhaltenden Institutionen (Bibliotheken und Archive) sowie der Wissenschaft und des Nachwuchses darstellen sowie mögliche Lösungswege diskutieren.
Problematik aus Sicht der Archive
In der digitalen Welt erfährt der Umgang mit historischem Material einen radikalen Wandel. Zum einen werden Bilder und Dateien räumlich und zeitlich unbegrenzt verfügbar gemacht. Zum anderen ist es jeder Person möglich, eigenständig Informationen ins Netz zu stellen. Darüber hinaus verändert im digitalen Zeitalter – was weniger bekannt ist – auch das übernommene Archivgut seine Erscheinungsformen und Aussagewerte.
Angesichts dieser Situation erhalten die schon von jeher zentralen archivischen Kategorien ‚Ordnung‘ und ‚Struktur‘ neue Relevanz für die Interpretation historischen Materials. Zur quellenkritischen Interpretation der ‚Quellen von morgen‘ wird es darüber hinaus wichtig, sich mit den Prozessen der Entstehung von Informationen in modernen Verwaltungen vertraut zu machen. Archivarinnen und Archivare tragen daher mit ihren archivwissenschaftlichen Fachkenntnissen zur aktuellen Diskussion über Grundwissenschaften bei.
Problematik aus Sicht der Bibliotheken
Die historischen Quellenbestände in den wissenschaftlichen Bibliotheken werden von einer weiterhin archivzentrierten Geschichtswissenschaft zu wenig wahrgenommen und genutzt. Gleichzeitig erweitert sich durch die digitale Wende das Angebot und die Zugänglichkeit zu diesen Quellen dramatisch. Die DFG-Pilotphase Handschriftendigitalisierung, aber auch die DFG-geförderten Digitalisierungsprogramme für Alte Drucke sind hier Meilensteine. Jüngst angestoßen wurde der Aufbau eines neuen zentralen Handschriftenportals, das einen wichtigen Beitrag zu einer virtuelle Forschungsumgebung für das Handschriftenerbe leisten wird. Den wissenschaftlichen Nachwuchs für diese Angebote zu sensibilisieren und die Nutzerbedürfnisse der neuen Forschergenerationen adäquat bei Erschließung und Präsentation zu bedienen, ist eine wichtige infrastrukturelle Aufgabe der Bibliotheken. Auf der anderen Seite bedarf es intensivierter Qualifizierungsmaßnahmen der universitären Ausbildung, damit Kompetenzen wie paläographische oder kodikologische Kenntnisse sowie Arbeitstechniken der Digital Humanities vertieft erworben und die Angebote der Bibliotheken adäquat genutzt werden können. Auch für die Qualifizierung künftigen Bibliothekspersonals ist dies von zentraler Bedeutung.
Problematik aus Sicht des wissenschaftlichen Nachwuchses
Ein Erfahrungsaustausch des wissenschaftlichen Nachwuchses (Anf. Des Jahres 2015 an der LMU) hat gezeigt, dass die Möglichkeit, die Qualifikationsarbeiten auf der Basis nicht edierte Quellen zu schreiben, unmittelbar mit der Qualität der universitären Ausbildung zusammenhängt. Ebenso wurde deutlich, dass die Vermittlung dieser Fähigkeiten inzwischen sehr vom Standort und / oder von der Lehre engagierter Einzelpersonen abhängt. Der wissenschaftliche Nachwuchs erkennt aus seiner Perspektive die veränderte Situation bzw. die Mängel mit besonderer Schärfe. Die in München aus der Taufe gehobene Initiative eines Nachwuchsnetzwerkes ‚Historische Grundwissenschaften‘ möchte hier ansetzen und speziell dem graduierten Nachwuchs an deutschen Forschungseinrichtungen eine Stimme geben.
Problematik aus Sicht der Wissenschaft
Für die Wissenschaft sind die Originalquellen die Basis jeder Erkenntnis. Selbst komplexe Vorstellungswelten, Forschungsthesen und Theoriegebäude verlangen immer wieder danach, auf die materialen Grundlagen zurückgeführt zu werden. Diese Quellengrundlagen eines Tages nicht mehr verstehen, nicht mehr lesen zu können, oder gar sie überhaupt nicht mehr zu (er)kennen, würde den Verlust des wissenschaftlichen Zugangs bedeuten – mit erheblichen Folgen auch für die Forschungen der Nachbardisziplinen. Die grundwissenschaftliche Forschung sieht sich einem zunehmenden Rechtfertigungsdruck auch innerhalb der Fächer Geschichte und Germanistik (Altgermanistik) ausgesetzt; dies macht sich beispielsweise bei Stellen(wieder)besetzungen und Drittmittelanträgen bemerkbar. Dem kann nur entgegengewirkt werden, indem die inhaltlichen und methodischen Stärken der grundwissenschaftlichen Disziplinen offensiv vertreten werden. Die Problematik des Verlusts von Kompetenzen soll sowohl aus der Sicht des Fachs (AG Grundwissenschaften) also auch aus Sicht der benachbarten Philologien (Germanistik) in den möglichen Perspektiven bzw. (negativen) Konsequenzen analysiert und diskutiert werden.



