(Eva Brugger, Jörn Happel, Basel)
Anja Rathmann-Lutz, Basel:
Währung, Ware, Wunschobjekt. Felle zwischen Markt und Hof im 15. Jahrhundert
Eva Brugger, Basel:
Transatlantisches Begehren.
Biberpelz und die Kolonie New Netherland (1609–1664)
Veronika Hyden-Hanscho, Wien:
Biber und Vikuña: Globale Rohstoffe für die europäische Hutproduktion am Beispiel Wiens im 17. und 18. Jahrhundert Jörn Happel, Basel:
Pelzrausch. Sibirien in Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts
Heiner Lang, Bamberg:
Kommentar
Abstracts (scroll down for Englisch version):
Die Sektion „Globaler Rausch. Das Projekt Pelz vom 15. bis in das 19. Jahrhundert“ nimmt das Begehren nach einem globalen Objekt aus der Perspektive einer integrierten Wirtschaftskulturgeschichte in den Blick. Sie verfolgt das Ziel, Pelze als Motor und Antrieb globaler ökonomischer Projekte zu begreifen, die von wirtschaftstheoretischen Modellen wie Angebot und Nachfrage ebenso geprägt sind, wie von sozialen Beziehungen, Affekten und Materialitäten. Als Projekt – im Sinne zeitgenössischer Definitionen, wie sie etwa Daniel Defoe für das späte 17. Jahrhundert liefert – verstanden, sind Pelze vom 15. bis in das 19. Jahrhundert in besonderem Maße dazu geeignet, die Unsicherheiten und Gefahren ökonomischer Investitionen mit dem Versprechen auf Wohlstand und Prestige zu tilgen. Mit diesem Ansatz greift die Sektion zentrale Aspekte der aktuellen methodischen Diskussion auf: Zunächst stellen sich die Beiträge dem Vorwurf der Unvereinbarkeit von wirtschafts-, kultur- und sozialgeschichtlichen Ansätzen. Die Ausbildung und Etablierung von (transatlantischen) Handelskompanien wird vielmehr ebenso thematisiert wie die Aushandlungen sozialer Distinktion und religiöser wie kultureller Unterschiede in Reiseberichten, Luxusverordnungen und Kostümbüchern. Die Beiträge greifen Fragen des material turns in den Geschichtswissenschaften auf und untersuchen Pelze auch als globale Objekte, die durch ihre Haptik und Ästhetik ein Begehren hervorbringen, das wiederum die Entstehung von Konsum- wie Luxusgütern, von Second-hand Märkten und Reproduktionen begünstigte. Dem Rausch der Pelze will die Sektion aus global- und verflechtungshistorischer Perspektive nachgehen und damit unterschiedliche, in der disziplinären Forschung meist getrennte regionale Perspektiven miteinander verschränken. Aus interepochaler wie interregionaler Perspektive sollen ökonomische Praktiken und ihre Affekte gleichermaßen in den Blick genommen und nach den historischen Netzwerken, Verbindungen und Handelswegen gefragt werden, die das Begehren nach Pelzen in der Vormoderne begründen und den Rausch antreiben.
Anja Rathmann-Lutz, Basel:
Währung, Ware, Wunschobjekt. Felle zwischen Markt und Hof im 15. Jahrhundert
Im Vortrag wird die Rolle von Fellen (z.B. Eichhörnchen, Zobel, Hermelin) im Handel zwischen der Hanse und anderen Kaufleuten und den europäischen Höfen im Spätmittelalter analysiert. Die Felle werden in ihrer Mehrfachbedeutung als Währung und Ware in ökonomischer Perspektive einerseits sowie als repräsentative Luxusobjekte und Bedeutungsträger in kulturhistorischer Perspektive andererseits untersucht. Fragen nach Ankauf, Transport und Wert(-schätzung) geraten dabei ebenso in den Blick wie die Verwendung der Felle als Kleiderschmuck und Raumausstattung im Schnittfeld von „Masse & Klasse“.
Eva Brugger, Basel:
Transatlantisches Begehren. Biberpelz und die Kolonie New Netherland (1609-1664)
Die Pelzvorkommnisse in nordamerikanischen Gebieten weckten im 17. Jahrhundert das Begehren europäischer Seemächte ebenso wie das von Handelscompanien, einzelnen Händlern und Projektemachern. Die Nachfrage nach Biberpelzhüten, Muffs, Kappen und Mänteln war durch die (west-)europäischen Biberbestände kaum zu befriedigen. Männer wie Frauen in den europäischen Metropolen wie Paris, London oder Amsterdam gierten nach den modischen Kleidungsstücken oder suchten nach Möglichkeiten einer kostengünstigen Reproduktion. Nicht zuletzt um dieses Begehren zu stillen, bemühten sich Engländer, Franzosen und Niederländer während des 16. und 17. Jahrhunderts Handelsstützpunkte mit kolonialen Strukturen in den Gebieten des heutigen Nordamerika und Kanada aufzubauen.
Das Paper schliesst an diese Beobachtung an und nimmt mit der Kolonie New Netherland ein Projekt in den Blick, das maßgeblich auf dem Begehren nach Pelzen fusst. Mit New Amsterdam – dem heutigen New York – steht eine Siedlung im Mittelpunkt, die im 17. Jahrhundert zum zentralen Umschlagsplatz für Pelze wurde. Vom Hafen Fort Amsterdam aus wurde entlang des Hudson Rivers mit den umliegenden nordamerikanischen Kolonien gehandelt. Die unbearbeiteten Felle wurden von hier aus nach Europa zur Verarbeitung oder als Kleidungsstücke nach Asien verschifft. Während sich die Forschung in den letzten Jahrzehnten mit den so genannten „contact zones“ zwischen Europäern und Indigenen befasst hat, sind die wirtschafs-, kultur- und sozialhistorischen Implikationen des transatlantischen Pelzhandels bislang kaum analysiert. Mit dem Fokus auf die Ware wie die Währung Pelz will das Paper das Begehren nach Pelzen in den Mittelpunkt stellen und die Ausbildung ökonomischer Handelskompanien wie der Westindischen Handelskompanie (WIC) mit wirtschaftlicher Risiken und Versprechen auf Wohlstand verschränken. Ihre Gestalt gewinnt das Begehren in diesem Spannungsfeld bezeichnenderweise nicht zuletzt in Kleidung, die aus Pelz gefertigt oder mit Applikationen versehen, auf den sozialen Status ihrer Besitzer verweist.
Veronika Hyden-Hanscho, Wien:
Biber und Vikuña: Globale Rohstoffe für die europäische Hutproduktion am Beispiel Wiens im 17. und 18. Jahrhundert
Der schwarze Biberhut Ludwigs XIV. mit scharlachroten Straußenfedern und Goldborte, abgebildet auf Henri Testelins Gemälde zur Gründung der Académie des Sciences 1666, wurde zum Inbegriff barocker Hutmode. Die europäische Hutproduktion orientierte sich insbesondere im Luxussegment im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts an der französischen Mode. Auch Wien, das sich lange dem französischen Modediktat widersetzte, übernahm schließlich den französischen Biberhut als wichtiges Modeaccessoire. Obwohl Biber in Mitteleuropa kein unbekanntes Tierfell war, gab es in Wien keine ausgesprochene Biberhutproduktion. Denn der Biber war in Mitteleuropa längst ausgestorben und musste teuer importiert werden, zunächst aus Russland, ab dem 16. Jahrhundert aber vermehrt aus Kanada. Kaum ein Hutmacher in Wien war in der Lage, die exquisiten Biberhüte nach französischem Vorbild herzustellen, sodass ein Großteil des Adels seine Biberhüte direkt aus Frankreich importieren ließ. Biberfelle und ihre noch teurere Alternative, Vikuña aus den südamerikanischen Anden, zeichneten sich durch eine besondere Fellqualität aus, die dem Hut nach einer Reihe langwieriger und komplexer Verarbeitungsprozesse besondere Robustheit, Steifheit, aber auch Feinheit und Glanz verliehen. Der Vortrag zeigt die Globalisierung der Rohstoffe in der Hutproduktion auf und untersucht am Beispiel Wiens die Auswirkungen dieser Globalisierung auf das lokale Handwerk. Im Zuge des Biberhut-Hypes kam es nämlich zur Ansiedlung von französischen und italienischen Hutmachern in Wien, die das Gefüge des ansässigen Handwerks durcheinanderbrachten.
Jörn Happel, Basel:
Pelzrausch. Sibirien in Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts
Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde Sibirien im Zuge zahlreicher wissenschaftlicher Großexpeditionen gründlich erforscht, vermessen, kartographiert, beschrieben. Immer wieder faszinierte die Reisenden der Pelzreichtum des Landes, wenngleich den Gelehrtenvor Ort auch bewusst wurde, dass die Bejagung von Zobeln und weiteren Pelztieren wenig auf Nachhaltigkeit setzte. Zudem kam es aufgrund des Eintreibens der Pelzsteuer (jazak) bei der indigenen Bevölkerung Sibiriens immer wieder zu großen Auseinandersetzungen mit der russischen Verwaltung oder mit russischen Pelzjägern. Der Vortrag konzentriert sich auf die Erfahrung des Pelzlandes Sibirien im 18. und 19. Jahrhundert durch vornehmlich wissenschaftliche Reisende. Es interessiert, wie die russische Verwaltung an die Pelze gelangte, die anschließend über Moskau nach Westeuropa exportiert wurden, und wie Jagd und jazak die Kolonie veränderten und schrittweise durch das Zurückdrängen der einheimischen Völker auch russifizierten. Neben der Faszination für die Schönheit Sibiriens und seiner Pelze spielte in den Reise- und wissenschaftlichen Berichten stets die überall verbreitete Korruption, Gewalt und Misswirtschaft eine Rolle. All dies ist auch ein Teil der letztlich erfolgreichen Eroberung und Erschließung Sibiriens und lässt sich am Umgang mit den Pelztieren im besonderen Maße aufzeigen.
Abstracts (English version):
The panel “Global rush. The project fur from 15th to 19th century” discusses the desire for a global object from a perspective that integrates economic with cultural history. We see fur as an engine and motivation for global economic projects, which are characterized by economic models like supply and demand as well as by social relations, affects and materialities. In terms of a contemporary definition of projects such as Daniel Defoe’s definition from the late 17th century – fur is a particularly suitable example to show how the promise of wealth and prestige leveled uncertainties and risks of economic investments. With this approach the panel picks up central aspects of the current methodological discussion: The papers deal with the accusation of the incompatibility of economic, cultural and socio historical approaches. The development and establishment of (transatlantic) companies will be discussed as well as the negotiation of social distinction and religious and cultural differences in travelogues, sumptuary laws and costume books. The papers pick up questions of the material turn in history: The authors consider fur as global objects that create desire based on their textures and aesthetics. In turn, this desire promotes the development of luxury goods, second-hand markets and replicas. The panel will follow the rush of furs from a global historical perspective. By doing so, the aim is to entangle different regional perspectives that are often separated in disciplinary research. From an inter-epochal and inter-regional point of view the panel takes economic practices and their affects into account and asks for historic networks, connections and trade routes that boosted the global fur rush in Early Modern times.
Anja Rathmann-Lutz, Basel:
Currency, Goods, and Objects of Desire. Furs between Market and Court in 15th-Century Europe
The lecture will consider the role of furs (e.g. of squirrel, sable, ermine) in trade relations between the Hanseatic League, other merchants, and European courts during the later Middle Ages. They will be examined in their multiple meanings from an economic as well as from a cultural point of view: on the one hand they are currency and trading goods on the other they are used as representative luxury objects and cultural symbols. At the intersection of „mass and class“ the use of furs in fashion and room decoration will be analysed as well as questions regarding acquisition, transport and value.
Eva Brugger, Basel:
Transatlantic Desires. Beaver Fur and the Colony New Netherland (1609-1664)
Fur occurrences in North America generated the desire of European naval powers, trading companies, individual merchants and entrepreneurs in Early Modern times. The (West-) European fur resources were not able to meet the demand for beaver hats, fur muffs, caps and coats. Men and women in the European metropolises such as Paris, London and Amsterdam were longing for fashionable clothing or were searching for possibilities to replicate them affordably. Not least to satisfy this desire, merchants and the English, French and Dutch governments sought trading bases with colonial structures in the areas of today`s North America and Canada.
The present paper studies the colony New Netherland, which was mainly founded based on the desire for fur. The colony’s capital New Amsterdam – today`s New York – is the focal point of the paper as it became the main place of fur transshipment in the 17th century. From Fort Amsterdam fur was traded with the surrounding colonies along the Hudson River, raw pelts were shipped to Europe and fur clothing was shipped to Asia. In recent decades research focused mainly on the so-called “contact zones” between Europeans and Indigenes from an economic or cultural historical point of view. The entanglement of economic, cultural and socio historical impact on the transatlantic fur trade is less analyzed until today. By studying fur as both – a product and a currency – I intend to explain the development of trading companies like the West India Company (WIC) with economic risks and the promise on wealth.
Veronika Hyden-Hanscho, Wien:
Beaver and Vicuña: Globalized Commodities for the European Hat Production, the Viennese Example in the Seventeenth and Eighteenth Centuries
Louis‘ XIV black beaver hat with scarlet ostrich feathers and a golden border, depicted on Henri Testelins‘ painting on the foundation of the Académie des Sciences in 1666, became exemplary for the baroque hat fashion. The European luxury hat production looked to Paris in the seventeenth and eighteenth centuries. Even Vienna, which resisted much longer than any other German-speaking territory to the French influences in fashion, finally adopted the French beaver hat as important accessory. Although beavers were native in Central Europe, there was no particular beaver hat production in Vienna because long ago, the beaver was extinct in Europe and had to be expensively imported from Russia. Since the sixteenth century France imported increasingly Canadian beaver. Viennese hatters were barely able to make those exquisite French hats. As a consequence, the Viennese nobility had imports made directly from Paris to a large extent. Beaver furs and the even more expensive alternative vicuña from the central Andes in South America were famous for their quality. Robustness, starchiness as well as delicateness and lustre were the features of the beaver hats after a long row of complex processing procedures. This paper explores the globalization of the raw materials in the European hat production and its effects on the local handicraft by taking the example of Vienna. In the course of the beaver hat hype, French and Italian hatters settled in Vienna and gave rise to changes in the fabric of the local handicraft.



