Glaubensfragen? Herausforderungen und neue Ansätze zur Vermittlung deutschjüdischer Geschichte im Unterricht/ Matters of Faith? Challenges and New Approaches in Communicating German- Jewish History in the Classroom

(Helge Schroeder, VGD)

Helge Schroeder, Franziska Frisch, Hamburg:
Einführung: Stellenwert und Herausforderungen der deutsch-jüdischen Geschichte in einer Gesellschaft im Umbruch

Martin Liepach, Frankfurt:
Wie wird die deutsch-jüdische Geschichte in aktuellen Schulgeschichtsbüchern dargestellt? Was könnte verbessert werden? Ergebnisse einer Untersuchung des Pädagogischen Zentrums Fritz-Bauer-Institut & Jüdisches Museum Frankfurt

Deborah Hartmann, Jerusalem:
Jerusalem – Die Geschichte der Shoa immer wieder neu vermitteln? Initiativen, Projekte und Herausforderungen für die Bildungsarbeit der Internationalen Schule für Holocaust-Studien (ISHS) von YadVashem/Jerusalem

Frauke Steinhäuser, Hamburg:
»Stolpersteine« – Lernanlässe zu jüdischem Leben

Silke Urbanski, Hamburg:
Jüdische Geschichte in einem »Digitalen Geschichtsbuch«?

Carmen Smiatacz, Hamburg:
Projektlernen am Beispiel des Schülerprojekts Geschichtomat – Historisches Lernen mit digitalen Nebenwirkungen

Stephanie Fleischer, Hamburg:
Projektarbeiten zur jüdischen Geschichte als individuelle Förderung: Ein Staatsarchiv als außerschulischer Lernort

Abstracts:

Seit etwa 2000 Jahren leben Juden im Gebiet des heutigen Deutschland. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren sie die größte nichtchristliche religiöse Minderheit im Land. Das Zusammenleben gestaltete sich oft friedlich, immer wieder kam es aber zu Diskriminierungen, zu Verfolgung und Mord, bis hin zum furchtbaren Zivilisationsbruch des Holocaust. Dem stehen aber auch Phasen des fruchtbaren Austauschs zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber. Die spannungsreiche, wechselvolle Geschichte des Zusammenlebens bietet viele lohnende Themen für den Geschichtsunterricht, wirft aber auch viele Fragen auf. Einen besonderen Stellenwert hat naturgemäß die Geschichte des Holocaust. Dieses wichtige Thema kann indes heute nicht mehr in der gleichen Weise unterrichtet werden, wie das seit den 1970er-Jahren geschah. Zum einen stehen die Zeitzeugen kaum mehr zur Verfügung. Zum anderen fühlen immer größere Teile unserer Schülerschaft keine persönliche Betroffenheit mehr, entweder weil sie in den Familien keine persönlichen Berichte mehr erhalten können oder aufgrund eines Migrationshintergrundes. Viele Lehrerinnen und Lehrer werden von ihren Schülerinnen und Schülern daher mit der Frage konfrontiert: Was geht mich das an?
Hinzu kommt, dass aufgrund der Dominanz des Holocaust Juden in der Schule fast ausschließlich als Opfer vorkommen. Das Alltagsleben und die Leistungen jüdischer Menschen innerhalb der Gesellschaft bleiben somit zumeist ausgeblendet, eine zeitgemäße, differenzierte Arbeit an der Geschichte des Zusammenlebens in Deutschland findet so nicht statt.
Zugleich werden durch die aktuellen Entwicklung auch Glaubensfragen wieder aufgeworfen – die in Teilen der Gesellschaft zu beobachtende Re-Religiösierung scheint auch alte religiöse oder religiös-scheinbegründete Konflikte neu zu beleben: Gibt es einen neuen Antisemitismus, der auch wieder religiöse Wurzeln hat?

Helge Schröder, Hamburg, Franziska Frisch, Hamburg:
Stellenwert und Herausforderungen der deutsch-jüdischen Geschichte in einer Gesellschaft im Umbruch
In der Sektion sollen die in der Sektionsbeschreibung skizzierten Fragen und Herausforderungen am Beispiel konkreter Unterrichtsbeispiele bearbeitet und diskutiert werden. Bei der Auswahl der Beispiele wurde insbesondere auf konkrete neue Ansätze, insbesondere in Verbindung mit den Möglichkeiten und Chancen neuer Medien, zurückgegriffen. Ein weiteres Auswahlkriterium ergab sich aus der Herausforderung des Geschichtsunterrichts durch die zunehmende Etablierung eines Zwei-Säulen-Modells aus dem Gymnasium und eine nicht-gymnasiale, aber das Abitur ermöglichende Schulform: Welche Unterrichtsansätze eignen sich für die jeweiligen Schülergruppen? Wie kann insbesondere mit der besonderen Heterogenität an den nicht gymnasialen Schulformen umgegangen werden? Wie stellen sich die Herausforderungen und Chancen durch die Zuwanderung nach Deutschland dar?
Insgesamt zeigen sich somit klare Chancen, den Schülern die direkte Relevanz der Beschäftigung mit der deutsch-jüdischen Geschichte nahe zu bringen:

  1. Der regionale Bezug, das heißt die Beschäftigung mit Ereignissen in der Nähe des Lebensortes der Schüler
  2. Der personale Bezug, das heißt die Beschäftigung mit einzelnen Schicksalen, die den Schülern eine emotionale Nähe ebenso wie ein Fremdverstehen ermöglichen
  3. Die Attraktivität der Beschäftigung mit einer Minderheit, die lange Zeit um Integration und Selbstbehauptung bemüht war, mit teilweise großen Erfolgen.

Martin Liepach, Frankfurt:
Wie wird die deutsch-jüdische Geschichte in aktuellen Schulgeschichtsbüchern dargestellt? Was könnte verbessert werden? Ergebnisse einer Untersuchung des Pädagogischen Zentrums Fritz-Bauer-Institut & Jüdisches Museum Frankfurt
Der Referent untersucht die Repräsentation jüdischer Geschichte in den Lehreinheiten von der Antike bis hin zur Zeit der Bundesrepublik und zwar sowohl im Hinblick auf historische-inhaltliche Einordnungen und Interpretationen als auch unter vermittlungsproblematischen Aspekt. Dass jüdische Geschichte trotz eines mehrfach geforderten Perspektivwechsels meist als Verfolgungs- und Opfergeschichte erzählt wird, ist ein wesentlicher Befund. Die Analyseergebnisse geben auch Aufschluss über die geschichtskulturelle Wahrnehmung von Juden und der gemeinsamen christlich-jüdischen Geschichte.

Deborah Hartmann, Jerusalem:
Die Geschichte der Shoa immer wieder neu vermitteln? Inititativen, Projekte und Herausforderungen für die Bildungsarbeit der Internationalen Schule für Holocaust-Studien (ISHS) von YadVashem/Jerusalem
Die deutschsprachige Bildungsabteilung der Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage beschäftigt, inwiefern die Shoah auch für nachfolgende Generationen von Bedeutung ist. Insbesondere wird die Frage diskutiert, weshalb sich Jugendliche weltweit überhaupt mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen sollten und welche Rolle das Geschichtsverständnis der Lernenden spielt.

Frauke Steinhäuser, Hamburg:
„Stolpersteine“ – Lernanlässe zu jüdischem Leben
Die meisten der in Gehwege eingelassenen „Stolpersteine“ aus Messing erinnern an von den Nationalsozialisten ermordete Jüdinnen und Juden. Zahlreiche zu den Opfern verfasste Biografien bieten differenzierte Lernzugänge – auch für heterogene Lerngruppen.

Silke Urbanski, Hamburg:
Jüdische Geschichte in einem „Digitalen Geschichtsbuch“ ?
In Hamburg entsteht derzeit ein digitales Geschichtsbuch, das ein vertiefendes, auf regionale Beispiele orientiertes, Geschichtslernen ermöglichen soll. Welche neuen Zugänge und Lernchancen ergeben sich damit für die jüdische Geschichte? An einem ausgewählten Beispiel soll gezeigt werden, wie Unterrichtsvorbereitung und schülergesteuertes Arbeiten mit dieser Website funktionieren – und welche Chancen sich für die Beschäftigung mit der deutsch-jüdischen Geschichte ergeben – nicht nur für die Regionalgeschichte.

Carmen Smiatacz, Hamburg:
Projektlernen am Beispiel des Schülerprojekts Geschichtomat – Historisches Lernen mit digitalen Nebenwirkungen
Wie kann jüdische Geschichte und Kultur jugendgerecht vermittelt werden? Auf welche Weise lässt sich Vergangenheit und Gegenwart des Judentums vor Ort zu entdecken und für andere erfahrbar machen? Wie können Schicksale von Jüdinnen und Juden jenseits stereotyper Opfernarrative erzählt werden? Eine mögliche Antwort bietet das Schülerprojekt Geschichtomat: Schülerinnen und Schüler gehen im Rahmen von Projektwochen in ihrem Stadtteil auf Spurensuche und halten die Ergebnisse ihrer Recherchen in Form von Videos, Fotos und Texten in einem digitalen Stadtplan fest. Das Projekt bietet neben der inhaltlichen Auseinandersetzung eine aktive Schulung der Medienkompetenz und ist für Jugendliche von der Förderschule bis zum Gymnasium geeignet.

Stephanie Fleischer, Hamburg:
Projektarbeiten zur jüdischen Geschichte als individuelle Förderung: Ein Staatsarchiv als außerschulischer Lernort
Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, Präsentationsleistungen in der Oberstufe und Referate in der Mittelstufe bieten die Gelegenheit, Schüler individuell nach ihren jeweiligen Interessen zu fördern und so zu besonderen Leistungen zu motivieren. Die jüdische Geschichte in Hamburg bietet dazu zahlreiche Zugänge der biographischen Forschung, die sich nicht allein auf die NS-Zeit beschränkt, auch wenn Schüler der Zeitspanne zwischen Machtergreifung und Deportation mit besonderer Empathie begegnen. Erforscht wurden dabei u.a. Biographien des Reeders Albert Ballin, des Oberrabbiners Joseph Carlebach oder der Künstlerin Anita Reé.